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Kultur Weltweit „Ex Libris“ – Doku über eine Superbibliothek
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18:00 24.10.2018
Altehrwürdige Zentrale: Die New Yorker Bibliothek wird von steinernen Löwen bewacht. Quelle: Foto: Jonathan Blanc
Hannover

So viel Ruhe, so viel Konzentration, so viel einvernehmliches Schweigen: dass es so etwas noch gibt in Zeiten des digitalen Gepiepes und Geplappers. Hier in der New York Public Library schon. Menschen jedweden Alters und jedweder Hautfarbe sitzen an Schreibtischen und studieren die Monitore ihrer Computer – denn die Bibliothek bietet auch kostenlosen Wi-Fi-Zugang. Nicht ganz unwichtig in einer Stadt, in der drei Millionen Menschen keinen Zugang zum Internet haben, wie in diesem Film jemand sagt.

Der Zuschauer sieht Bibliotheksbesuchern zu

In Frederick Wisemans mehr als dreistündiger Doku schauen wir den Bibliotheksbesuchern über die Schulter: Über Krebserkrankungen informiert sich der eine, auf eine Grafik voller Öl- oder Wasserpumpen schaut ein anderer. Erklärt wird nichts, aber es werden auch keine sekundenkurzen Bilderschnipsel aneinandergereiht.

Ganz in Ruhe beobachten wir das Geschehen und auch ohne Bevormundung des Regisseurs, der uns entspannte Blicke in die Bibliotheksräume eröffnet und oft nur Gesprächen lauscht. Wiseman, der große alte Mann des Direct Cinema, nimmt sich Zeit und setzt voraus, dass auch die Zuschauer sie sich nehmen wollen. Sein Film „Ex Libris. Die Public Library von New York“ folgt einem ganz eigenen Rhythmus, wie man ihn in allein auf die Informationsübermittlung getrimmten Dokus nicht findet.

„Es geht hier um Menschen, nicht um Bücher“, sagt eine Mitarbeiterin

Wiseman nimmt uns mit in eine ganze Reihe der insgesamt 92 Bibliotheks-Zweigstellen. Wir schauen in die Abteilung für Kunst mit ihrer riesigen Bildersammlung, nehmen teil an der Leseförderung für Kinder in der Bronx, an Berufsberatungen, an Konzerten und Lesungen und auch an Gremiensitzungen, wenn es darum geht, Sponsorengeld aufzutreiben.

Und je länger wir beobachten, desto offensichtlicher wird: Diese Bibliothek mit altehrwürdiger Zentrale an der Fifth Avenue bietet mehr als Buchstaben zwischen Buchdeckeln. „Es geht hier um Menschen, nicht um Bücher“, sagt eine Mitarbeiterin. Was in dieser segensreichen Institution, gegründet 1911, passiert, dient der Förderung des Gemeinsinns in der Stadt. Die New York Public Library ist nicht nur Leseort, sondern auch Kultur- und Gemeindezentrum.

Unter der Hand ist Wisemans Film zu einer Anti-Trump-Veranstaltung geraten, auch wenn er vor dessen Präsidentschaft entstand. Der Regisseur sagt: „Die Bücherei steht für alles, was Trump hasst – Vielfalt, gleiche Möglichkeiten, Bildung und Denken.“ Und weiter: „Die Bibliothek steht für das Beste in Amerika. Aus diesem Grund scheint es mir nicht übertrieben, Büchereien als Säulen der Demokratie zu bezeichnen.“

Ein politischer Film eines 88-jährigen Filmemachers

So ist „Ex Libris“ auch ein politischer Film geworden, gedreht von einem 88-jährigen Filmemacher, der in den Sechzigerjahren noch als Professor für Recht und Medizin an der Boston University lehrte. Dann entdeckte er den Film für sich. Mehr als 40 Dokumentationen hat Wiseman gedreht, über die Pariser Oper, die Londoner National Gallery, über den Central Park oder über das multikulturelle Stadtviertel Jackson Heights in New York.

Wiseman hat den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk beim Festival in Venedig gewonnen und auch den Ehren-Oscar in Hollywood. Der Filmemacher müsste nicht mehr mit seiner Kamera durch die Welt ziehen. Doch beinahe jedes Jahr legt er ein weiteres Werk vor. Und vielleicht brauchen wir Regisseure wie ihn heute ja tatsächlich dringender denn je. Frederick Wiseman erzählt von einem anderen Amerika.

Von Stefan Stosch / RND

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