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Kultur Weltweit Duell in der Praxis: „Die Wunderübung“
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00:17 30.06.2018
Und jetzt bitte ganz locker: Der Therapeut (Erwin Steinhauer, Mitte) motiviert Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow). Quelle: Foto: NFP
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Hannover

Was nimmt ein schwer kriselndes Paar in seiner Umgebung wahr, wenn es sich endlich zur Paarberatung durchgerungen hat? Genau: glückliche Paare überall – knutschende Teenager, sich selig anlächelnde Liebende, weißhaarige Alte, die sich nach einem langen und vermutlich gar nicht einfachen gemeinsamen Leben immer noch sanft über die Wangen streicheln.

Joana (Aglaia Szyszkowitz) und Valentin (Devid Striesow) dagegen schaffen es nicht einmal, nebeneinander in der U-Bahn Platz zu nehmen. Auf dem Weg zum Therapeuten hockt jeder isoliert in seiner Ecke. Auf dem Bürgersteig läuft er mit einigen Metern Abstand hinter ihr her. Valentin könnte genauso ein Stalker wie ein unbekannter Nachbar von Joana sein, als sie endlich gemeinsam vor den Klingelschildern eines Altbaus stehen.

Letzte Verschnaufpause vor dem Sturm

Dort haut er ihr allerdings bei der Suche nach dem richtigen Knopf auf den Finger, die beiden scheinen sich also zu kennen. Dann nimmt er den Fahrstuhl, sie die Treppe. Regisseur Michael Kreihsl lässt das Publikum in den ersten Minuten seiner Komödie „Die Wunderübung“ geschickt im Unklaren, ob und in welcher Beziehung die beiden Hauptfiguren zueinander stehen.

Man darf diesen Zustand der Ruhe durchaus genießen, der für Joana und Valentin eine letzte Verschnaufpause vor dem Sturm bedeutet. Denn sobald sie beim Therapeuten (Erwin Steinhauer) den Mund auftun, schütten sie Gift und Galle über den anderen aus. Die ganzen Verbitterungen und Verletzungen nach 17-jähriger Ehe müssen raus. Wer hat wen allein gelassen mit den beiden Kindern? Wer hatte wann eine Affäre? Und wer ist schuld, dass sie sich auseinandergelebt und nun nichts mehr zu sagen haben?

Ein kauziger Paarberater verhindert die Eskalation

Vor dem (namenlosen) Therapeuten hocken sie auf ihren Stühlen, als wäre dies hier bereits der Scheidungstermin, und nur die Unterhaltszahlungen müssten noch geregelt werden. Der Raum zwischen ihnen scheint kaum mehr überbrückbar. Mühsam erinnern sie sich selbst daran, wie das war, als sie sich im Tauchurlaub kennen- und lieben lernten – und schon damals besser unter als über Wasser harmonierten. Da verstanden sich die beiden noch, ohne miteinander zu reden.

Schon wenn sie ihre Wasserflasche an die Lippen setzt, bringt ihn das zur Weißglut. Und wenn er nur den Mund öffnet, fährt sie ihm in die Parade. Allein der kauzige Paarberater in seiner roten Jacke und den rot karierten Socken bewahrt die Ruhe und verhindert mit seiner jovialen Art eine weitere Eskalation.

Zwischendurch kaut der Therapeut Bonbons und schlabbert heimlich seinen Joghurt, wenn er die beiden gerade mal mit geschlossenen Augen eine Übung machen lässt. Der Experte sucht nach eigenen Worten das Gemeinsame, „das Licht, nicht den Schatten“. Nur dass davon beim besten Willen kaum etwas zu entdecken ist – und auch er das so sieht, wie sich viel später herausstellt.

Der andauernde Attacke-Modus dröhnt in den Publikumsohren

Beeindruckt ist der Therapeut immerhin von dem Schlagabtausch in Ping-Pong-Manier, der sich vor seinen Augen entfaltet. Als „polemisch-lebendige Streitkultur auf hohem Niveau“ beschreibt er das Rededuell. Das ist vielleicht ein bisschen zu viel des Guten: Für einen abendfüllenden Film verläuft diese Konfrontation zu gleichförmig, der andauernde Attacke-Modus dröhnt in den Ohren wie ein im Leerlauf hochgedrehter Motor. Auch ein Kasperle-Rollenspiel, eingestreut als kleines Intermezzo, bietet nur bedingt Abwechslung.

Erinnerungen an Roman Polanskis Zimmerschlacht „Der Gott des Gemetzels“ nach dem Bühnenstück der französischen Dramatikerin Yasmina Reza werden bei dieser Versuchsanordnung beinahe unweigerlich wach. Doch kann die Theatervorlage von Daniel Glattauer nicht wirklich mithalten.

Wo Polanski einen Dialog voller böser Pointen abbrennen kann, da er die bessere Vorlage hat, zischt es bei Kreihsl nur. Der Witz beim „Gemetzel“ besteht ja gerade darin, dass vier gut situierte Mittelschichtler allmählich die Kontrolle über sich selbst verlieren. Hier aber ist immer die Scheu zu spüren, das Geschehen wirklich ins Absurde zu treiben – das liegt zuerst an der Vorlage, die den Schauspielern wenig Chancen bietet, tiefer zu dringen.

Der bösen Komödie mangelt es an Unerbittlichkeit

Diese „Wunderübung“ ist eindeutig aufs Boulevardeske ausgerichtet. Auf der Bühne mag das funktionieren, wenn die Zuschauer sich in stillem Einverständnis mit ihr oder mit ihm auf die Schenkel klopfen und das Gebotene mit Erfahrungen aus dem eigenen Leben abgleichen. Auf der Leinwand wäre mehr Unerbittlichkeit wünschenswert gewesen.

Die Schärfe wird in der zweiten Hälfte noch weiter herausgefiltert: Der Therapeut erhält in der Sitzungspause eine E-Mail zugeschickt – und plötzlich verkehren sich die eben noch so eindeutigen Fronten. Die finale Pointe ist dann nicht ganz so überraschend, wie es Regisseur und Autor vielleicht glauben. Eines immerhin ist klar: Finden Eheleute eine gemeinsame Aufgabe, besteht auch für schwierige Fälle Hoffnung.

Von Stefan Stosch / RND

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