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Kultur Weltweit Ein Selbstbetrug – „Vom Ende einer Geschichte“
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06:01 14.06.2018
Wiederbegegnung nach langer Zeit: Tony Webster (Jim Broadbent) und Veronica (Charlotte Rampling). Quelle: Wild Bunch
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Hannover

Je älter wir werden, desto wichtiger werden unsere Erinnerungen. Wenn die Gegenwart ihren Ereignischarakter verliert, gewinnen die Geschehnisse der Vergangenheit an Bedeutung. Aber Erinnerungen sind trügerisch. Nicht nur, weil das Gedächtnis seinen Dienst versagt, sondern auch weil wir im Erinnern unsere eigene Geschichte formen. Unangenehmes wird verdrängt, vergessen oder zurechtgebogen. Das Erlebte wird sortiert, selektiert, in Erzählenswertes und Verschwiegenes unterteilt.

In seinem Roman „Vom Ende einer Geschichte“ hat Julian Barnes dieses Phänomen in ebenso kompakter wie packender Form beschrieben. Nun hat sich der indische Regisseur Ritesh Batra, der vor fünf Jahren mit seiner melancholischen Romanze „The Lunchbox“ international reüssierte, des Stoffes angenommen. Kein leichtes Unterfangen angesichts der introspektiven Erzählhaltung der Vorlage.

Tonys Unruhe wächst

Jim Broadbent („Another Year“) spielt den geschiedenen Pensionär Tony, der einen Laden für gebrauchte Leica-Kameras betreibt und ein genauso zufriedenes wie ereignisarmes Leben führt. Eines Tages flattert ihm ein Anwaltsschreiben ins Haus, welches ihn in Kenntnis setzt, dass die Mutter seiner Jugendliebe Veronica ihm ein Tagebuch vererbt hat. Die Aufzeichnungen stammen von Tonys verstorbenem Schulfreund Adam, in den sich Veronica damals verliebte – was zu ihrer Trennung von Tony führte.

Das alles ist ein halbes Jahrhundert her, versetzt den alten Mann jedoch in Unruhe, zumal Victoria – wie Tony von der Anwältin erfährt - die Herausgabe des Tagebuchs verweigert. Tony erzählt seiner Ex-Frau Margaret (Harriet Walther), mit der ihn immer noch ein vertrautes Verhältnis verbindet, von Veronica. Zunächst nehmen die verklärten Erinnerungen an eine Jugendliebe und die enge Freundschaft zu Adam in Rückblenden Gestalt an. Aber je länger das juristische Ringen um das Tagebuch dauert, desto deutlicher wird, dass Tonys Gedächtnis die Ereignisse in geschönter Form gespeichert hat. Doch erst die Konfrontation mit Veronica (Charlotte Rampling) bringt die schmerzhafte Wahrheit und die dramatischen Folgen seiner jugendlichen Eifersucht zum Vorschein.

Es geht um ungemütliche Themen

Regisseur Batra erzählt diese Geschichte über die schwindende Kraft der Verdrängung in einem scheinbar sanften Erzählton, verschränkt Gegenwart und Rückblenden elegant miteinander und hat mit Broadbent einen Hauptdarsteller gewählt, der als älterer Herr alle Sympathien auf sich zieht. Aber der gemütliche, narrative Flow ist trügerisch, denn mit dem Fortschreiten der Geschichte wird klar, dass es hier um sehr ungemütliche Themen geht.

Es geht um Ereignisse, die nicht wieder gutzumachen sind. Um Schuldgefühle, die mit aller Kraft verdrängt werden. Um männlichen Narzissmus, der erfüllten Liebesbeziehungen im Wege steht. Um die blinden Flecken der eigenen Vergangenheit, die auch blind fürs mögliche Glück der Gegenwart machen.

Das alles köchelt auf kleiner Flamme und ohne große dramatische Gesten. Batra setzt auf Genauigkeit in der Beobachtung des Alltäglichen und in der Charakterisierung der Figuren. Dabei kann er auf ein herausragendes Ensemble zurückgreifen. Broadbent und die fabelhafte Harriet Walther spielen die Vertrautheit und die kritische Distanz eines ehemaligen Ehepaares nuancenreich. Und Charlotte Rampling, die erst spät im Film ihren ersten Auftritt hat, kann in nur einem schafottartigen Blick das Leid und die Verachtung eines ganzen Lebens bündeln.

Das deutsche Kino könnte sich ein Beispiel nehmen

Wieder einmal beweist das britische Kino, dass es für seine hervorragende Schauspielerriege im fortgeschrittenen Alter Rollen mit der notwendigen Tiefe findet. Daran könnten sich Hollywood, aber auch das deutsche Kino ein Beispiel nehmen.

Von Martin Schwickert / RND

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