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Kultur Weltweit „Transit“: Irrlichternde Gestalten
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13:31 04.04.2018
Die Geister der Vergangenheit und Gegenwart: Georg (Franz Rogowski) und Marie Weidel (Paula Beer) in Marseille. Quelle: Foto: Piffl Medien
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Hannover

Etwas stimmt hier nicht. Die Sirenen klingen zu schrill, die Polizeiwagen kurven zu schnell um die Ecken, die Uniformen sehen modern aus. Eine seltsame Verunsicherung geht von diesem Film aus. Alles erscheint so unwahrscheinlich gegenwärtig. Was ist bloß los in Christian Petzolds Kinoumsetzung von Anna Seghers‘ Exilantenroman „Transit“?

Georg zuckt jedes Mal zusammen, wenn er die Sirenen in seinem Rücken hört. Er befürchtet die nächste Razzia. Die niemals abklingende Angst eines Flüchtlings steckt ihm in den Knochen. So könnte, so muss das gewesen sein, damals, 1940, als von den Deutschen Verfolgte in jedem Moment mit ihrer Verhaftung rechnen mussten und die Wehrmacht in Frankreich unaufhaltsam vorrückte. Aber so ist das immer noch bei Menschen, die sich heute vor Krieg und Verfolgung nach Europa zu retten versuchen.

Figuren werden aus dem historischen Kontext gelöst

1940 gehörte auch Anna Seghers zu den Flüchtlingen. Noch unter dem Eindruck des frisch Erlebten begann sie auf dem Schiff nach Mexiko, ihren Roman „Transit“ zu schreiben. Petzold hat dieses Meisterwerk der Exilliteratur nun ins Kino gebracht – und dabei eine radikale Entscheidung getroffen. Er löst die Figuren aus ihrem historischen Kontext. Er macht sie zu irrlichternden Gestalten. In seinem Zwischenreich kreuzen sich ganz selbstverständlich ihre Wege. Georg wird mit einem maghrebinischen Jungen Fußball spielen, der für Borussia Dortmund schwärmt.

Viele NS-Flüchtlinge schlugen sich nach dem Einmarsch der Deutschen in Nordfrankreich nach Marseille durch und versuchten, von dort auf ein Schiff nach Übersee zu kommen. Erst einmal aber mussten sie Visa, Transitbescheinigungen, Stempel organisieren, und dabei waren sie voll und ganz der Willkür der Behörden ausgesetzt.

Ein Mann lässt sich in die Identität eines Toten drängen

Mit wachsender Verzweiflung irrten sie zwischen den Behörden hin und her. Sie schlugen die endlose und doch gefährlich schnell ablaufende Zeit in Cafés bei Pizza Margherita und billigem Rosé tot. Sie warteten auf Schiffspassagen über jenes Meer, auf dem heute wieder Menschen gen Europa unterwegs sind. Das Warten darauf, dass sich die Hölle öffnet, ist womöglich schon die Hölle selbst, sagt Georg einmal.

Durch Zufall ist Georg (Franz Rogowski) in den Besitz eines mexikanischen Visums und auch des letzten Manuskripts des berühmten Schriftstellers Weidel gekommen. Weidel hat noch in Paris Selbstmord begangen. Er wird nicht der Einzige in diesem Film bleiben.

In Marseille lässt sich Georg eher in Weidels Identität drängen, als dass er diese annimmt. Ganz vorsichtig gewöhnt er sich an den Gedanken, ein anderer zu sein. Und dann trifft er ausgerechnet auf Marie (Paula Beer), Weidels Frau, die ihren Mann sucht und immer wieder hört, dass Georg schon in der Stadt sei. Georg wagt es nicht, ihr zu sagen, dass er Weidels Platz eingenommen hat.

Der Schrecken von Gestern in der Welt von Heute

In diesem Film ist durchaus von Nazis, Lagern, Deportationen die Rede. Georg ist einem Konzentrationslager entkommen. Der Schrecken des Nationalsozialismus ist nah. Aber gleichzeitig bewegt er sich durch ein Marseille, das wie das heutige aussieht, weil es das heutige ist. In einer Szene erblicken wir Georg auf den Bildern einer Überwachungskamera. Aber er hat einen Pass, auf dem „Deutsches Reich“ steht.

Petzold ist klug genug, die Parallelen zu unserer Gegenwart nicht überzustrapazieren. Die Vergleiche mit heutigen Menschenströmen treffen den Zuschauer in kurzen, beinahe schockartigen Momenten. Es ist am Publikum, Parallelen zu ziehen und die abgespeicherten Bilder von überfüllten Schlauchbooten zu aktivieren.

„Transit“ ist eine Geschichte übers Ankommen und Abfahren, übers Verlassen und Verlassenwerden in einem mörderischen Irrenhaus namens Europa. Georg fasst es so zusammen: „Ich darf nur bleiben, wenn ich nachweisen kann, dass ich nicht bleiben will.“ Das Abschiednehmen gehört genauso zum Alltag wie die jederzeit mögliche Wiederbegegnung auf sich überschneidenden Fluchtrouten.

„Transit“ ist einer von Petzolds Geisterfilmen

Ein Liebesfilm ist „Transit“ aber auch. Manchmal fühlt man sich an „Casablanca“ erinnert – und natürlich auch an Petzolds vorigen Film „Phoenix“, in dem eine Holocaust-Überlebende zurückkehrt und ihr Mann sie nicht erkennt.

Petzold gilt als Spezialist für Geisterfilme, in denen Menschen seltsam unbehaust durch die Welt ziehen („Innere Sicherheit“, „Yella“). Für diesen hier gilt das Prädikat ganz besonders. Zumal die gerade 23-jährige Paula Beer („Frantz“) in ihrer flüchtigen Erscheinung wie eine jüngere Wiedergängerin von Nina Hoss wirkt, Petzolds Lieblingsschauspielerin etwa im DDR-Drama „Barbara“.

Franz Rogowski ist als Georg der gute Geist, der sich mit schlechtem Gewissen quält. Mit minimalem Ausdruck spielt Rogowski größtmögliche Verlorenheit und kommt doch um so mehr zur Ruhe, je mehr er die Identität eines Toten annimmt.

Bis zum Schluss verfolgt der Zuschauer gebannt diese zwischen Vergangenheit und Gegenwart irrlichternden Gestalten.

Von Stefan Stosch / RND

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