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Kultur Weltweit Blut auf Asphalt – „Nur Gott kann mich richten“
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12:46 24.01.2018
Brüder im Verbrechen: Ricky (Moritz Bleibtreu, links) wollte seinen Bruder Rafael (Edin Hasanovic) eigentlich nicht in das neue todsichere Ding hineinziehen. Quelle: Foto: Constantin
Hannover

Ein Mann betet auf den Knien. Er hat Jesus und einiges mehr auf seinen Rücken tätowiert. Dass er kein heiliger Mann ist, ahnt man. Und ob Jesus auf seiner Seite ist? Rickys Blick ist ernst, entschlossen, Showdown-Augen nennt man das, dabei ist der Film gerade erst einmal eine Minute alt. Und so blendet Regisseur Özgür Yildirim, um die restlichen 99 Minuten zu füllen, erst einmal fünf Jahre zurück, als ein nächtlicher Coup Rickys mit rauchenden Colts endete.

„Nie mehr Scheiße bauen“ geht nicht

So war das: Zwei Brüder, Ricky und Rafael, ihr Kumpel Latif, eine nächtliche Werkstatt, eine wertvolle Tasche. Ein stiernackiger Russe, der nicht kleinbei gab. Es wurde blutig auf beiden Seiten, die räuberischen Brüder landeten im Knast. Fünf Jahre später will Ricky (Moritz Bleibtreu) mit einer Bar im Süden der Welt neu beginnen, und der alte Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan), den Ricky damals nicht verpfiffen hatte, liefert zur Finanzierung dieses Traums natürlich die angeblich passgenaue, todsichere, letzte krumme Tour.

Rickys Bruder ist am Ende auch wieder dabei, nachdem seine eigentlichen Komplizen wegen anderer Delikte von der Polizei festgesetzt wurden. Rafael (Edin Hasanovic) wollte eigentlich „nie mehr Scheiße bauen“, aber er träumt auch - von einer gemeinsamen Tanzschule mit der schwangeren Freundin Elena (Franziska Wulf), die nicht mehr als Stripperin an der Stange tanzen. Die rosarote Zukunft versperrt die Sicht auf die Schweinerei am Ende, der „Scheiße“-Magnetismus wirkt. Dabei ist die todsichere Sache eine mit Albanern. Und kriminelle Albaner machen keine halben Sachen, das ist Krimi- und Thrillerfans bekannt. Kriminelle Albaner ziehen einen immer blutig über den Tisch, über den man eigentlich sie ziehen wollte.

Diesmal gibt es auch Gesetzeshüter

Regisseur Özgür Yildirim ist nach dem Sci-Fi-Ausflug „Boy 7“ zu den Gangstern zurückgekehrt, die er von zehn Jahren in seinem Debüt „Chiko“ bereits ausgiebig gefeiert hatte. Damals war Hamburg Gangsterstadt, heute geht’s zu den Klein-Capones, die hinter den Glitzerfassaden der Banker-, Goethe- und Grüne-Soße-Stadt Frankfurt herumkrebsen.

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„Chikos“ dramaturgische Problemzone war 2008 die völlige Absenz von Gesetzeshütern. Diesmal gibt es die Polizistin Diana, die Ricky und Rafael direkt nach der bewaffneten Abzocke wegen eines defekten Rücklichts anhält. Nach einer Hatz durch Hinterhöfe bleibt die Tasche mit den zweieinhalb Kilo Heroin zurück. Und da besinnt sich auch Diana auf ihren Traum: Mit dem Erlös wäre die Herzoperation für ihr todkrankes Töchterchen plötzlich erschwinglich.

Echt wirkendes Milieu, unbändige Energie

Yildirims dampfendes Genre-Kino folgt amerikanischen Mustern, erzählt eine Geschichte, die – von Raoul Walsh bis Brian DePalma – vom Kino bereits tausendfach erzählt wurde. Nie werden Gangster aus Schaden klug, immer ist der Asphalt regennass als Vorbote neuerlichen Scheiterns. Was den klischeebeladenen Thriller „Nur Gott …“ erlebenswert macht, sind das echt wirkende Milieu, die authentische, selten aufgesetzt wirkende Sprache und die unbändige Energie, die jedes Bild vibrieren lässt. Zudem haben die „Helden“ neben Motiven auch ausreichend Tiefe. Da ist noch der demente Vater (Peter „Toni Erdmann“ Simonischek), der von Ricky versorgt wird, der aber vor allem den angeblich auf Malta lebenden, ihm aus Scham über seine Gefängniszeit fernbleibenden Rafael vermisst liebt. So viel Tragödie rollt hier heran, dass selbst ein Shakespeare Taschentücher bräuchte.

Und wenn zehn Minuten vor Schluss erst die Hälfte davon über den Zuschauer gerollt ist, ist man wieder zurück bei der Anfangsszene. „No Regrets“ hat der betende Ricky über dem Jesuskopf tätowiert – „kein Bedauern“. Nein, Erlösung gibt es für Ricky ebensowenig wie für James Cagneys Cody in „Maschinenpistolen“ oder für Edward G. Robinsons Rico in „Der kleine Caesar“. Gangster sterben, das ist Kinogesetz, die Frankfurter Soße ist in diesem Fall rot.

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Von Matthias Halbig / RND

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