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Kultur Weltweit „I, Tonya“: Tanz mit der Eishexe
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11:01 21.03.2018
Unheilige Allianz: Jeff Gillooly (Sebastian Stan) und Tonya (Margot Robbie). Quelle: Foto: DCM
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Hannover

In diesem Film wird geflucht, geprügelt und gelogen, bis sich die Kufen biegen. Im Kern dreht sich die Geschichte um ein Attentat, bei der einer Konkurrentin die Beine gebrochen werden sollen. Sport ist hier beinahe Mord. Ach ja, es geht in „I, Tonya“ um den Eiskunstlauf der Frauen. Das ist jene Disziplin, bei der adrette junge Frauen im knappen Dress akrobatische Höchstleistungen vollbringen und dabei ein festgefrorenes Lächeln im Gesicht tragen. Die Punktrichter dürfen schließlich auf keinen Fall merken, wie viel Schweiß und Tränen die Akteurinnen ihr Auftritt gekostet hat.

Tonya Harding (Margot Robbie, die Badewannen-Brokerin aus Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“) hat der Weg zum Ruhm viel gekostet. Ihre Mutter LaVona Golden (Allison Janney, für diese Rolle gerade mit dem Oscar ausgezeichnet) trieb sie als Kleinkind regelrecht aufs Eis. Beim täglichen Drill schreckte sie auch vor Gewalt nicht zurück und triezte Tonya mit unbarmherzigen Methoden. Momente der Schwäche ließ die Zigarillo rauchende Mama mit dem Raubvogelgesicht nicht zu. Siegen um jeden Preis lautete die einzige Option. Man muss wohl von einem nie geahndeten Fall von Kindesmissbrauch sprechen, von dem im Profisport ja immer mal wieder die Rede ist – wenn auch in anderem Sinn.

Jeder lässt jeden über die Klinge springen

Die erwachsene Tonya nennt ihre Mutter später „Monster“. Da kann man Harding nur beipflichten. Andererseits: Darf man einem Film glauben, in dem die Protagonisten das eine sagen und die Bilder oft genug das genaue Gegenteil davon zeigen? In dem sich alle als unschuldig ausgeben und dies die meisten gewiss nicht sind? In dem jeder jeden der Lüge bezichtigt und im Zweifelsfall auch über die Klinge springen lässt, wenn es dem eigenen Vorteil dient?

Der australische Regisseur Craig Gillespie unternimmt in „I, Tonya“ einen waghalsigen Ausflug in die Eiskunstlaufgeschichte: Er erzählt vom stümperhaften Versuch, Hardings ärgste Rivalin Nancy Kerrigan im Januar 1994 kurz vor den Olympischen Spielen in Lillehammer durch eine körperliche Attacke auszuschalten. Die echte Harding, heute 47 Jahre alt, bestreitet jede direkte Beteiligung an dem Schlagstock-Attentat in Detroit, räumt aber inzwischen ein, von der hinterhältigen Aktion ihres damaligen Ehemannes Jeff Gillooly schon vorher zumindest etwas gewusst zu haben.

Die Frau mit dem dreifachen Axel

Gillooly hatte einen halbdebilen Schläger auf Kerrigan angesetzt, den die Polizei mühelos überführte. Harding wurde auf Lebenszeit von Wettkämpfen gesperrt. Eine Beteiligung an dem Attentat ist ihr nie nachgewiesen worden, aber sie hatte sich schuldig bekannt, die FBI-Ermittlungen behindert zu haben. Die Verbannung vom Eis war für die nach Erfolg gierende Sportlerin schlimmer als jede Gefängnisstrafe, die ja irgendwann wieder zu Ende gegangen wäre.

Harding war damals die einzige Frau, die den dreifachen Axel springen konnte, eine der schwierigsten Figuren überhaupt im Eiskunstlauf. Aber sie war zugleich ein Paria in einer piekfeinen Gesellschaft, sie war die trashige Tänzerin im selbstgenähten Kostüm – während die anderen im Design-Outfit ihre Pirouetten drehten. Eiskunstläuferinnen sollten Eisfeen sein, Harding war die Eishexe mit einem prolligen und prügelnden Ehemann (Sebastian Stan) an ihrer Seite.

Ihr letztes Duell lieferten sich Harding und Kerrigan in Lillehammer, während die gerichtlichen Untersuchungen noch im vollen Gange waren und über den Ausschluss noch nicht entschieden war: Bei Harding versagten auf dem Eis die Nerven, ihr blieb der achte Platz. Die gerade noch rechtzeitig wieder fit gewordene Kerrigan errang die Silbermedaille. Noch einmal hatte der Publikumsliebling die ungeliebte Konkurrentin besiegt

Alternative Fakten sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts

Hinter dieser bissigen Komödie verbirgt sich eine Tragödie. Gillespie behauptet gar nicht erst, die Hintergründe bis ins Detail nachzuzeichnen und Aufklärung darüber geben zu können, was damals wirklich geschah. Mit bösem Grinsen blickt er zurück auf einen schier unglaublichen Skandal. Er lässt die Protagonisten abwechselnd immer wieder mal in die Kamera blicken und ihre ganz persönliche Wahrheit kundtun, die mit den Wahrheiten der anderen unvereinbar ist. Alternative Fakten sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

Tonya Harding büßte dafür, ohne Rücksicht auf andere ihren amerikanischen Traum träumen zu wollen. Sie wusste schon damals, dass die Öffentlichkeit lieben oder hassen und nichts dazwischen will, wie sie im Film sagt. Die längste Zeit ihrer Karriere war Harding fürs Publikum das willkommene Hassobjekt. Heute zeigt sie sich zusammen mit Hauptdarstellerin Margot Robbie im Scheinwerferlicht, um für diesen herrlich fiesen Film zu werben, in dem sie gelegentlich selbst wie ein Opfer wirkt. Könnte gut sein, dass mit gebührendem historischen Abstand nun auch für sie noch ein bisschen Liebe abfällt.

Von Stefan Stosch / RND

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