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20:02 27.06.2018
„Ich wollte ein Kämpfer sein, kein Verlierer“: Fantastic Negrito. dpa
Berlin

Dies ist die wundersame Geschichte von Xavier Dphrepaulezz aus Oakland, Kalifornien. Dass sie nicht am 25. November 1999 endete, dass er nicht aufgab, 18 Jahre später sogar einen Grammy als neuste schwarze Blues-Sensation gewann, liegt an einem einzigen Augenblick. Es muss ein magischer gewesen sein.

An jenem Donnerstag verunglückte der Musiker schwer mit dem Auto und fiel ins Koma. Drei Wochen später zählte der Arzt auf, wozu er künftig nicht mehr fähig sein werde, Gitarrespielen etwa. „Noch während der Doktor sprach, begann ich unter der Bettdecke damit, meine Finger und Zehen zu bewegen“, erinnert sich der Sänger und Songschreiber. „Ich wollte ein Kämpfer sein, kein Verlierer.“

Protestsongs gegen Rassismus und Rücksichtslosigkeit

Ein Freund fotografierte ihn, kurz nachdem er aus dem Koma erwacht war. Dphrepaulezz hat dieses Bild für das Cover seines neuen Albums „Please Don’t Be Dead“ ausgewählt. Sein Blick geht ins Nichts. Noch. Denn von da an habe er begonnen, in der Realität zu leben, erklärt er. „Der Unfall war das Beste, was mir passieren konnte. Ich brauchte das.“ Erst durch den furchtbaren Crash habe er erkannt, dass er etwas zu erzählen habe, und zwar seine Geschichte, „und diese scheint die Menschen an ihre eigene zu erinnern“.

Dphrepaulezz mixt Blues, so wie man ihn zuerst am Mississippi und später in Chicago spielte, mit Punk und mit Prince. Sein Sound ist vernarbt, roh und wahr. Seine Anliegen sind politisch und aktuell. Er geht gegen Rassismus an, gegen Gewalt und Gier, auch gegen die Waffenlobby, damit seine schwarzen Kinder weder bei einem Amoklauf in der Schule noch von einem Polizisten erschossen werden. „Ich schrieb diese Songs, weil ich Angst um meinen Sohn und meine Töchter habe.“

„Take the bullshit and turn it into good shit“, singt er. Der 50-Jährige überbringt diese Zeile mit der Stimme eines Stehaufmannes, der davon überzeugt ist, dass man sein Schicksal zureiten kann wie ein wildes Pferd.

„Ich glaube fest daran, dass auch die Liebe immer wiederkehrt“: Die Message des Bluesmusikers aus Oakland ist Menschlichkeit. Quelle: Lyle Owerko

„Jeder Mensch hat eine Stimme“, sagt er. „Mit den sozialen Medien haben wir ein gigantisches Forum. Klar, du kannst dort mitteilen, was du gerade gegessen hast. Du kannst dort aber genauso gut erzählen, was dich bedrückt, was dich beeinträchtigt.“ Seine Message ist Menschlichkeit. Er ist sich sicher: Wir können etwas gegen giftige Rücksichtslosigkeit tun. „Alle 20, 30 Jahre haben manche Leute Frieden und Demokratie offenbar satt. Sie rufen sich dann zu: Lasst es uns mal wieder mit Faschismus versuchen!“, sagt er. „Ich glaube fest daran, dass auch die Liebe immer wiederkehrt.“

Als eines von 14 Geschwistern wurde Dphrepaulezz im ländlichen Massachusetts geboren. Er wuchs in einer konservativen muslimischen Familie auf. Sein Vater, ein Einwanderer somalischer und karibischer Herkunft, besaß ein Restaurant. Als achtes Kind musste er um alles kämpfen, selbst um ein Glas Milch. Als er zwölf war, zog die Familie nach Oakland. Anstatt neue Freunde zu suchen, lief er von zu Hause weg, trieb sich herum und vertickte Drogen. Seinen Vater sah er nie wieder. Vernachlässigt habe er sich nicht gefühlt, sagt er, das sei das falsche Wort. „Mein Vater, 1905 geboren, war ein richtiger Mann, wie alle Männer aus dieser Zeit. Er bereitete mich auf das Leben vor.“

Prince ist sein Idol

Dphrepaulezz hörte Punk und Hip-Hop. Doch es war das Prince-Album „Dirty Mind“, das den damals 18-Jährigen so sehr beeindruckte, dass er sich aus der Kleinkriminalität in die Musik flüchtete. Der Popstar aus Minneapolis, ein Autodidakt, inspirierte ihn dazu, sich so viele Instrumente wie möglich selbst beizubringen. Dphrepaulezz schlich sich dazu in den Musikraum der University of California in Berkeley, obwohl er gar kein Student war.

Prince sei sein Idol, weil dieser sich – genauso wie Little Richard, Miles Davis oder David Bowie – niemals beirren oder verbiegen ließ. Sagt Dphrepaulezz heute. Damals jagte er den falschen Dingen nach. Er erhielt einen Plattenvertrag, nahm ein Album auf, das floppte, weil er einfach nicht der nächste Michael Jackson war, den sich sein Label Interscope Records wohl erhoffte. Ein „Chor von Leuten“, wie er es formuliert, wollte ihm vorschreiben, wie er zu sein hatte, wie er aussehen und klingen sollte. Am Ende bedauerte er sich selbst, weil aus ihm doch kein Popstar geworden war.

Nach dem Unfall ließ ihn Interscope fallen. „Ich war froh darüber“, sagt er. Gescheitert, aber frei tauchte er in das Nachtleben von Los Angeles ab, betrieb ein paar illegale Clubs, ließ die Puppen tanzen, ging erst morgens um zehn schlafen. „Dekadenter konnte man nicht leben“, erzählt er. „Oh, man. It was such a great time.“

Xavier Dphrepaulezz, kurz nachdem er aus dem Koma erwacht war. Das Foto wählte er für das Cover seines neuen Albums aus. Quelle: Cooking Vinyl

Schließlich zog er zurück nach Oakland, um Marihuana-Farmer zu werden und eine eigene Familie zu gründen. Er verkaufte alle Instrumente – bis auf eine Gitarre. Wieso behielt er gerade die? „Ehrliche Antwort?“ – Ja. – „Weil sie niemand haben wollte.“ – Wie hieß das Modell? – „Keine Ahnung. Es war eine Shit Guitar.“ Er sollte das Mistding noch einmal gut gebrauchen können.

Dphrepaulezz wurde tatsächlich Familienvater. Eines Tages wollte sein Sohn nicht einschlafen. Er konnte ihn einfach nicht beruhigen. Da erblickte er die Gitarre unter dem Sofa, zog sie in seiner Not hervor und schlug mit seiner bis heute lädierten rechten Hand einen Akkord an. G-Dur. „Wow!“ Das Gesicht seines Sohnes werde er niemals vergessen, erzählt er. „Mein Kind erinnerte mich daran, welche unfassbare Power Musik hat. Warum sollte ich das aufgeben?“

Dphrepaulezz gab sich den Künstlernamen Fantastic Negrito. „Es dauerte ein bisschen, aber ich kam zurück.“ „The Last Days of Oakland“, sein Comeback, wurde im vorigen Jahr mit dem Grammy als bestes zeitgenössisches Blues-Album ausgezeichnet. Den Musikpreis präsentierte er beim Oakland First Fridays, einem Festival auf der Telegraph Avenue, wo er schon so häufig aufgetreten ist. Er brachte den Grammy gewissermaßen dorthin zurück, wo er groß geworden war, auf die Straße.

„Es dauerte ein bisschen, aber ich kam zurück“: Fantastic Negrito mit Grammy. Quelle: dpa

Ob sein Vater heute stolz auf ihn wäre? „Nun, da ich selbst Vater bin, weiß ich, wie anstrengend Vatersein ist. It’s difficult, you know?“ Er empfinde eine „seltsame Art von Bewunderung“ für ihn und wehre sich gegen dessen dunkle Seite. „Ich bin religiös darin, nicht religiös zu sein.“

Ist er auch ein „richtiger Mann“ wie sein Vater? „Ich bin ein Mann, der Richtung Licht geht, Richtung Großartigkeit“, antwortet Dphrepaulezz. „Ein Mann, der jeden Tag versucht, sein Bestes zu geben, auch wenn ich es immer wieder vermassele. That’s it, man.“

Von Mathias Begalke/RND

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