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09:23 30.04.2018
Von links: Roman Coppola, Wes Anderson und Jason Schwartzman haben sich zusammengetan und einen Film mit handanimierten Hundepuppen gedreht. Quelle: Charlie Gray
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Berlin

Wie muss man sich das vorstellen, wenn dieser Regisseur und seine Kumpel an ihrem Drehbuch feilen? Blenden wir mal rein in den sogenannten Writing Room: “Roman hockt bald schon auf dem Boden, Jason liegt halb auf ihm, und ich bin da auch irgendwo“, sagt der Regisseur. Sofort fragt man sich bei dieser pittoresken Beschreibung: Sind Wes Anderson und seine Co-Autoren womöglich Figuren, die ihren eigenen Drehbüchern entsprungen sind?

Roman ist Roman Coppola und stammt aus der berühmten Hollywood-Familie mit Vater Francis Ford und Schwester Sofia, Jason ist der Schauspieler Jason Schwartzman, und Wes Anderson ist der spleenige texanische Filmemacher, der in seinen Tweedjackets immer wie ein lupenreiner Engländer ausschaut und die Welt mit skurrilen Filmen wie “Die Tiefseetaucher“, “Der fantastische Mr. Fox“ oder “Grand Budapest Hotel“ erfreut.

Berlinale-Bär für animierte Hundepuppen

An diesem Tag sitzen die drei in einer Suite des Berliner Adlon-Hotels und erzählen von ihrem aktuellen Film “Isle of Dogs – Ataris Reise“ (Kinostart: 10. Mai). Anderson zupft Schwartzman noch schnell einen Fussel von der Anzughose, aus der unten orangefarbene Socken herausgucken. Coppola holt sich eine Tasse Tee und streicht sich die edle Krawatte überm Bäuchlein glatt.

So stilvoll gekleidete Filmemacher trifft man selten. Aber auch Andersons Filme sind ja stylisch. Bei jedem Film wieder wundert man sich, dass die auf Superhelden fixierte US-Kinoindustrie überhaupt noch solche Individualisten in ihren Reihen duldet.

Beim aktuellen Werk “Isle of Dogs“ war noch der Japaner Kunichi Nomura mit von der Partie. Ob der vielleicht im Schreibraum an der Deckenlampe Turnübungen gemacht hat? “Isle of Dogs“ spielt in einem fiktiven Japan, das sich aber echt anfühlen soll. Dafür war Nomura zuständig. Bei der Berlinale im Februar gab es für den Film den Regiepreis. Das will schon etwas heißen für einen Stop-Motion-Film, in dem Hundepuppen die Hauptrollen übernehmen.

“Isle of Dogs – Ataris Reise“ startet am 10. Mai in den Kinos. Quelle: Twentieth Century Fox

Das fertige Werk lässt sich durchaus interpretieren als eine Parabel über eine heraufziehende Diktatur, in der sich Diskriminierungen und Reinheitswahn Bahn brechen. “So war das aber nicht gedacht“, sagt Coppola. „Wir wollten ganz einfach einen Film über ein Rudel Alpha-Hunde drehen, die auf eine riesige Müllkippe verbannt werden. Und dabei haben wir uns von dem von uns verehrten Akira Kurosawa inspirieren lassen“, sagt Schwartzman.

“Irgendwo in unseren Gehirnen muss aber diese düstere Geschichte gesteckt haben“, sagt Anderson. “Auch als Regisseur fühle ich mich jedes Mal wieder wie ein Zuschauer, vor dessen Augen sich der Film entfaltet.“ Und wenn Anderson ganz genau nachdenkt, ging es ihm sowieso zuerst um Stop-Motion und dann erst um die Hunde. Dass die Wirklichkeit ihnen so nah aufs, na ja, Fell rücken würde, hat das Team selbst überrascht.

Die dunkelsten Stellen des Skripts haben die Autoren wieder gestrichen: “Im Storyboard gab es eine Szene, in der der korrupte Bürgermeister das Schnauzenfieber-Gift an einem Chihuahua testen lässt“, sagt Anderson. Leider stirbt das Hündchen. “Wir dachten, das ist witzig.“ Dann habe der siebenjährige Sohn seines Regiekollegen Wallace Wolodarsky die Bilder gesehen: “Der Junge kriegte große Augen und fragte: ,Stirbt der Hund?’ Da haben wir uns gedacht, dass wir den Chihuahua besser doch nicht vergiften.“

Geschichten voller Kostbarkeiten en miniature

Man muss schon einen ganz eigenen Humor haben, um Freude daran zu haben, einen Chihuahua im Kino zu vergiften. Anderson will der Welt aber gewiss nichts Böses – und er gilt auch als unpolitisch. Eher hat er den Ruf, ein besonders kreativer Schaufensterdekorateur zu sein, der seine Detailliebe nicht zu zügeln weiß. Seine Geschichten ähneln bis zum Bersten gefüllten Setzkästen, in denen sich Kostbarkeiten en miniature stapeln.

Studiert hat der 1969 geborene Regisseur Philosophie in Austin. Dabei lernte er Owen Wilson kennen. Die beiden drehten die Filme “Durchgeknallt“ (1994), “Rush­more“ (1998) und “Die Royal Tenenbaums“ (2001). Beim Hundefilm war Wilson nicht dabei, aber dafür so ziemlich die gesamte Familie, die Anderson im Lauf der Zeit um sich geschart hat. Über den roten Berlinale-Teppich spazierten Bill Murray, Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Tilda Swinton, Bryan Cranston, Liev Schreiber und ein paar andere.

Sie leihen Hunden und Menschen im Film ihre Stimmen, jedenfalls in der Originalfassung. Zu sehen sind sie nicht. Aber das ist egal. Wenn Anderson ruft, dann kommen alle. “In diesem Fall hat sich keiner drücken können“, sagt Anderson. “Bei animierten Filmen kann niemand sagen, er habe keine Zeit. Die Synchronisation kann ja jederzeit und überall gemacht werden. Ausreden habe ich nicht akzeptiert.“

Bill Murray mit roter Pudelmütze in “Die Tiefseetaucher“ Quelle: Verleih

Es drückt sich auch sonst keiner. Bill Murray war bereits in insgesamt acht Anderson-Filmen dabei und trug in “Die Tiefseetaucher“ die ganze Zeit eine rote Pudelmütze – seine Figur war dem Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau nachempfunden. Als es darum ging, den Berlinale-Bären abzuholen, wurde der stoisch dreinblickende Schauspieler vorgeschickt. Anekdoten aus der gemeinsamen Arbeit mit Murray kann Anderson ohne Ende erzählen. “Weißt du noch, Jason, wie Bill in ,Rushmore’ weglaufen sollte und so einen Comedy-Gang draufhatte?“ Lauf schneller, habe er Murray gesagt, und der habe geantwortet: “Ich laufe doch so schnell, wie ich kann.“

Und wieso haben Anderson und Co. überhaupt die Stop-Motion-Technik angewendet, da sich doch Spezialeffekte viel leichter am Computer kreieren lassen? “King Kong“ hat man in den Dreißigerjahren noch mit winzigen Bewegungen Bild für Bild animieren müssen, auch George Lucas war bei seiner ersten “Star Wars“-Trilogie auf diese Technik angewiesen – aber heute? “Alles in diesem Film sollte echte Handarbeit sein“, sagt Anderson – so wie schon bei “Der fantastische Mr. Fox“. Anderson klingt, als würde er sich vor dem modernen CGI-Zeugs ekeln. Wenn in seinem Film Dampf aufsteigt, dann ist das kunstvoll arrangierte Baumwolle mit dahinter verborgenen Drähten.

Für dieses Filmteam sind Hunde auch nur Menschen, die sich in einer ziemlich üblen Welt durchschlagen müssen. Der größte Hundefreund im Autorenteam ist Schwartzman, Besitzer einer alten Bulldogge namens Arrow Joel. Wes Anderson hat gar keinen Hund, dafür aber eine Pygmäenziege. Nun ja.

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