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Kultur Weltweit Eine Kratzbürste wird weich
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07:00 13.04.2017
Bei diesem Selfie ist sie jedenfalls noch quicklebendig: Harriet (Shirley MacLaine, r.) mit Anne (Amanda Seyfried) und „Problemkind“ Brenda (AnnJewel Lee Dixon). Quelle: Tobis
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Hannover

Shirley MacLaine hat einen der wohl hinreißendsten missglückten Selbstmordversuche der Kinogeschichte hingelegt. Als Fahrstuhlmädchen Fran Kubelik schluckte sie in „Das Appartement“ (1960) erst Tabletten und ließ sich dann von ihrem ewig babbelnden Arbeitskollegen C. C. Baxter eher widerwillig retten. Shirley MacLaine und Jack Lemmon: Das war ein grandioses Leinwand-Paar in einer tieftraurigen Komödie, in der Regisseur Billy Wilder erst von Unterwürfigkeit gegenüber Chefs und dann von Rebellion im Namen der Liebe erzählte.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist das nun her. Klar, dass man solche Rollen nicht allzu oft in einem Schauspielerleben angeboten bekommt. MacLaine war damals Wilders Stammkraft. Für ihn spielte sie 1963 auch die Prostituierte Irma la Douce (wieder mit Jack Lemmon), ihre vielleicht berühmteste Rolle. Den Oscar gab es für die 1934 geborene Schauspielerin, Tänzerin und Buchautorin allerdings erst als dominante Mutter zwei Jahrzehnte später in „Zeit der Zärtlichkeit“ – und das war damals bereits ihre fünfte Nominierung.

MacLaine war Mönch und auch Piratin

Später hat MacLaine, die Streiterin gegen den Vietnamkrieg und für die Gleichstellung der Frau, vorrangig als Esoterik-Autorin auf sich aufmerksam gemacht. Ihre Leser ließ sie in zahlreichen Büchern wissen, dass sie in früheren Leben auf Erden als Mönch oder auch als Piratin unterwegs gewesen sei. Solche überraschenden Bekenntnisse taten ihrer Beliebtheit aber keinen Abbruch, wie sich jüngst bei der Oscar-Verleihung überprüfen ließ: Hollywoods versammelte Elite erhob sich applaudierend von den Sitzen, als die 82-Jährige auf der Bühne auftauchte, um eine Trophäe zu überreichen.

Und nun ist Shirley MacLaine wieder als scheiternde Selbstmörderin auf der Leinwand zu sehen. Kurzzeitig fühlt man sich an die guten, alten Zeiten erinnert, in denen sie als rothaarige Kratzbürste brillierte. Es könnte ja wieder so eine unwiderstehliche Mischung aus lustig und traurig in der Komödie „Zu guter Letzt“ stecken, aber das ist dann nur bedingt so.

In Mark Pellingtons Film spielt MacLaine einen Kontrollfreak. Ihre Harriet hat Haare auf den Zähnen und in ihrer totenstillen Villa alle Dinge geregelt, die sich im Leben regeln lassen. Es gibt einfach nicht mehr genug zu tun: Die Frisur sitzt bereits vor dem Friseurbesuch perfekt, die Erinnerungsbilder hängen akkurat an der Wand, und der Rasen kann gar nicht so schnell nachwachsen, wie Harriet ihn mähen lässt. Da schluckt sie – ein bisschen wohl auch aus Langeweile – Tabletten, findet sich nach dem Erwachen im Krankenhaus wieder und hat plötzlich eine prächtige Idee: Sie gibt ihren eigenen Nachruf in Auftrag und der Journalistin Anne (Amanda Seyfried) gleich eine Liste von einstigen Wegbegleitern zur leichteren Recherche mit.

„Sie hat die wütendste Vagina jenseits von China“

Blöd nur, dass niemand auf dieser Liste Harriet leiden kann. „Ich hasste sie“, sagt der Priester, mit dem sie offenbar in einer Art Oblatenzwist verstrickt war. „Wenn sie tot wäre, das wäre wundervoll“, sagt eine vermeintliche Freundin. „Sie hat die wütendste Vagina jenseits von China“, sagt die Frauenärztin. Und was nun? Harriet gedenkt, ihrem Vermächtnis eine positive Wendung zu geben, wobei sie einem schwarzen Problemkind an ihrer Seite eine glücklichere Zukunft eröffnen will. Kurz vor Torschluss will Harriet ihr Image ordentlich aufpolieren.

Und damit beginnen die Probleme in diesem Feelgood-Film. Denn alles Hassenswerte, für das ein Publikum solche Figuren liebt, wird wieder vom Tisch gewischt. Die scharfzüngige Alte wird zur Mut machenden Weisen umfrisiert, die der an sich selbst zweifelnden Journalistin Selbstvertrauen einflößt und tatsächlich bald schon ein schwarzes Problemkind – sprich einen fotogenen Wonneproppen (AnnJewel Lee Dixon) – an ihrer Seite hat.

Die Zicke Harriet wird Opfer eines Drehbuchs, dessen küchenphilosophische Anweisungen in etwa „Liebe dein Leben“ oder „Mach das Beste aus dir“ lauten könnten. Nur manchmal blitzen in all diesen Glättungsanstrengungen noch Anklänge an Harriets Menschenfeindlichkeit auf, und dann sagt sie in ihrer gut gelaunten Gnadenlosigkeit: „Ein Kompromiss hinterlässt zwei Unglückliche statt einen.“ Solch sarkastischen Einsichten zählen zu den Stärken des Films. Die nach wie vor hinreißende Shirley MacLaine macht ihn sehenswert.

Von Stefan Stosch/RND

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