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Kultur Weltweit „Die kostbarsten Freuden, die man auf Erden sehen kann“
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09:01 07.05.2018
Das Restauratorenteam bei der Arbeit an Veroneses Gemä̈ldezyklus „Die Madonna der Familie Cuccina“, Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlunegn Dresden Quelle: © Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Dresden

„Paolo hatte darin niemand seines gleichen, niemand konnte das Ensemble der Bildgeschichten besser aufstellen als er, und niemand konnte Figuren mit größerer Grazie und Eleganz schaffen als er.“ Mit diesen Worten lobte der Künstler und Kunstkritiker Marco Boschini im 17. Jahrhundert Paolo Veronese, einen der erfindungsreichsten und wichtigsten Renaissancemaler. Alle von Boschini genannten Vorzüge seiner Kunst sind derzeit in der Sonderausstellung der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden zu studieren: Veroneses Kompositionsgespür und Erzähltalent, mit der er die Wahrnehmung der Betrachter geschickt lenkt, die berückende Anmut und Eleganz seiner Figuren.

Nach ebenso umfangreichen wie forschungsintensiven Restaurierungsarbeiten widmet sich die Ausstellung dem großformatigen sogenannten „Cuccina-Zyklus“ des venezianischen Künstlers. Die vier querformatigen großen Dresdner Ölgemälde entstanden vermutlich um 1571, im Auftrag der im Stoffhandel tätigen venezianischen Kaufmannsfamilie Cuccina für deren am Canal Grande gelegenen Stadtpalast. Dargestellt sind „Die Anbetung der Könige“, „Die Hochzeit zu Kana“, „Die Kreuztragung“ und schließlich „Die Madonna der Familie Cuccina“.

Bühne und Theater

Es sind allesamt figurenreiche, komplexe Gemälde, doch während die ersten drei Begebenheiten aus dem Leben Jesu schildern, stellt das vierte ein riesiges Votivbild dar, das die Mitglieder der Auftraggeberfamilie in Anbetung von Madonna und Christuskind zeigt. In der bühnenartig angelegten Komposition – Veronese war ein Meister in der Anleihe von Elemente aus dem antiken und zeitgenössischen Theater – verschwimmen räumliche und zeitliche Grenzen, denn die prunkvoll und nach der neuesten Mode der Zeit gekleideten Angehörigen der Cuccina erscheinen in gleicher Größe neben den Protagonisten der biblischen Geschichte. Die Darstellungen sind von brillanter Farbigkeit, die Figuren angetan mit prächtiger Kleidung aus kostbaren Stoffen, edlem Schmuck und eleganten Frisuren. Das Bildpersonal kommuniziert regelrecht mit den Betrachtern, um unser Mitempfinden zu erregen, und nimmt damit Prinzipien der Barockmalerei vorweg.

Veroneses Werke – gerade auch die religiösen – sind angefüllt mit zahllosen wirklichkeitsversessenen Details. Für diesen erzählerisch-szenografischen Umgang wurde der 1528 in Verona (daher der Name „Veronese“) als Paolo Caliari geborene Maler von Zeitgenossen gepriesen – und heftig kritisiert. Denn sein Hang zu lebendiger Charakterdarstellung mit ausufernden, von der biblischen Geschichte losgelösten Details erregte das Misstrauen der katholischen Kirche. Sie warf ihm seine angeblich profane Haltung vor, weshalb sich der Maler 1573 sogar vor einem Tribunal der Inquisition rechtfertigen musste.

Veronese in Dresden

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nennen ein umfangreiches Konvolut an Gemälden des Venezianers ihr Eigen. Die Gemäldegalerie Alte Meister besitzt nicht nur den prächtigen vierteiligen Zyklus, sondern auch herausragende Porträts, unter anderem von Familienmitgliedern, wie Zuana Cuccina, die als junge Frau zusammen mit ihren Kindern auch auf dem großen Votivbild zu sehen ist. Die Gottesmutter Maria ist zwar am linken Bildrand majestätisch über der Szenerie thronend dargestellt, doch im Zentrum steht die in ein prunkvolles rotes Gewand gehüllte Zuana, demonstrativ hinterfangen vom Weiß der Allegorie des Glaubens. Diese Akzentuierung kommt nicht von ungefähr, denn in der venezianischen Kunst huldigte man (weltlicher) weiblicher Schönheit unverhohlener als etwa in der Florentiner Malerei.

Paolo Caliari, genannt Veronese

Geboren 1528 in Verona als Sohn eines Steinmetzen

1541 zunächst Schüler von Giovanni Badile sowie, laut Vasari, von Giovanni Caroto

Seit 1553/54 in Venedig ansässig, wo er zunächst Deckenbilder im Dogenpalast ausführte und die Sakristeidecke von S. Sebastiano bemalte

In den 1570er-Jahren entstanden seine berühmten Gastmahlsdarstellungen (vor allem „Das Gastmahl im Hause des Levi“ für SS. Giovanni e Paolo, heute im Museum Accademia in Venedig)

Gestorben 1588 in Venedig und begraben in S. Sebastiano

Zuletzt spielte Veronese neben dem greisen Tizian und dem Hauptrivalen Tintoretto die führende Rolle in der venezianischen Malerei. Der Glanz, die Farbenpracht sowie seine üppige und dabei klassische ausgewogene Kompositionsweise sollten die italienische Malerei bis ins 17. und 18. Jahrhunderts entscheidend prägen.

Der anspruchsvolle Zyklus weckte bereits früh Begehrlichkeiten außerhalb der Auftraggeberfamilie. Im 17. Jahrhundert interessierten sich der kunstversessene Kardinal Francesco Barberini und der englische König Charles I. für die Gemälde. Im Jahr 1645 gelangten sie in den Besitz von Francesco I. d’Este, Herzog von Modena. Fast genau 100 Jahre später, 1746, konnte sie dann der sächsische Kurfürst und polnische König August III. zusammen mit weiteren 96 Kunstwerken aus den Estensischen Sammlungen für die Dresdner Gemäldegalerie erwerben. Seither wurden die Bilder wiederholt restauratorischen Maßnahmen unterzogen.

Entsprechend ist es keine Selbstverständlichkeit, dass das Konvolut aus vier großformatigen, äußerst fragilen Leinwandgemälden auch fast 450 Jahre nach seiner Entstehung vollständig erhalten ist. Während des Zweiten Weltkriegs waren die beiden größeren Formate, „Die Anbetung der Könige“ und „Die Hochzeit zu Kana“, auf der Meißner Albrechtsburg ausgelagert. Die beiden kleineren, „Die Kreuztragung“ und das Familienbild, wurden in die Lausitz und an einen unbekannten Ort verbracht und gingen 1945 zwischenzeitlich in die Sowjetunion, bis zu ihrer Rückgabe in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre.

Meisterhafte Restaurierung

Aufgrund dieser wechselvollen Geschichte sowie durch die Maltechnik Veroneses selbst – er verwendete kupferhaltige Pigmente, sodass vor allem Blau- und Grüntöne schon früh ihren ursprünglichen Farbcharakter verloren – stand mit der Teilschließung der Sempergalerie 2013 eine umfassende Restaurierung der vier Werke an. Im Laufe der bis 2017 erfolgten Sicherungs- und Wiederherstellungsmaßnahmen mussten 33 Quadratmeter Bildfläche grundlegend bearbeitet werden.

Die Restaurierung der Bilder und ihrer historischen Rahmen wurde von einem Team aus freiberuflichen Restauratorinnen und Restauratoren geleistet: Evelyn Adler, Jan Sacher, Tobias Lange, Anke Stenzel, Kathrin Jacob und Sabine Posselt restaurierten die Bilder; die vergoldeten barocken Galerierahmen – insgesamt 53 Meter Rahmenleisten – wurden durch Timo Fregin, Karen Gäbler, Theresa Herrmann, Jörg Kestel, Tania Korntheuer-Wardak und Stephan Thürmer aufgearbeitet.

Die Röntgenaufnahme der Allegorie des Glaubens aus Veroneses „Die Madonna der Familie Cuccina“ Quelle: Kerstin Riße, HfBK Dresden

Die aufwändigen Forschungs- und Restaurierungsarbeiten stellt der erste der drei Sonderausstellungsräume der Gemäldegalerie vor. Neben den Untersuchungsmethoden und -ergebnissen wird hier kulturhistorisches Hintergrundwissen geliefert, das die Stellung der Auftraggeberfamilie im Venedig des 16. Jahrhunderts, ihren Reichtum und schließlich das spezifische Aussehen der Gemälde, die dargestellten Farben und Materialien verständlich macht. Denn die Cuccina waren im Stoffhandel tätig; die Familie Zuanas hatte das Monopol auf Cochenille, jenen roten Farblack, der für die prächtigen Rottöne im Gemäldezyklus geradezu verschwenderisch Anwendung fand und nicht von ungefähr die Farbe des Kleides von Zuana im Familienbild ist. Daneben sind Stoffe und Gewänder aus den Beständen von Kunstgewerbemuseum und Rüstkammer ausgestellt.

Den vier Großformaten ist, zusammen mit feinen Porträtbildern von Veronese, der zweite, langgestreckte Saal gewidmet. Dieser kommt zwar nicht an die Ausmaße des Festsaals im Palazzo Cuccina von 23 Metern Länge heran, für den die vier Bilder ursprünglich geschaffen wurden, aber in der Hängung mit der Platzierung von zwei Querformaten je Längsseite orientiert man sich am ursprünglichen Kontext. Den Fenstern an den Schmalseiten im venezianischen Palazzo trauert man in den abgedunkelten Räumen im Zwinger zwar nach, aber mit Blick auf die Empfindlichkeit der eben restaurierten Stücke ist der Verzicht auf jegliches Tageslicht verständlich. Die olivfarbene Wandfarbe in der Ausstellung erscheint hingegen weniger nachvollziehbar. Warum kein kühles helles Blau oder frisches Altrosa, das mit den lichten Himmelspartien in den Szenerien Veroneses korrespondiert und die festliche Stimmung in der „Anbetung der Könige“ und im Hochzeitsbild unterstrichen hätte?

Im dritten und letzten, kleineren Raum sind neben Zeichnungen und Druckgrafiken anderer Künstler, die sich mit dem Zyklus auseinandergesetzt haben, zwei wunderbar quirlige Studienblätter Veroneses zur „Hochzeit zu Kana“ und zur „Kreuztragung“ zu sehen. Diese Leihgaben aus dem Berliner Kupferstichkabinett und dem Courtauld Institute in London geben einen Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers und den Entstehungsprozess der Leinwandbilder. Vor allem aber demonstrieren sie die lockere Hand und Virtuosität des Künstlers in der Bewältigung vielfiguriger Kompositionen, im Medium der Zeichnung ebenso wie in der Malerei. Was die Großformate auszeichnet – ihre Farbe und Stofflichkeit –, davon ist hier nichts zu sehen; die Figuren auf den Federzeichnungen bestehen fast sämtlich aus vibrierenden Umrissen und wenigen Binnenschraffuren. Und doch demonstriert Veronese auf beiden Gebieten, in Malerei und Zeichnung, jene umwerfende Eleganz, Erfindungsgabe und Kompositionssouveränität, für die ihn bereits Zeitgenossen priesen.

Ausstellung „Veronese: Der Cuccina-Zyklus. Das restaurierte Meisterwerk“. Bis 3. Juni, Gemäldegalerie Alte Meister. Täglich 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen.

www.skd.museum

Von Teresa Ende

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