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16:18 06.04.2017
Schlagkräftig in Berlin: Tiger (Ella Rumpf, rechts) und Maggie (Maria-Victoria Dragus). Quelle: Constantin
Hannover

Drei betrunkene, aufdringliche Typen lungern an einer Berliner U-Bahn-Station herum, einer hält einen Baseballschläger in der Hand. Eine junge Frau taucht auf, mutterseelenallein. Maggie (Maria-Victoria Dragus) will sich unauffällig davonmachen. Aber die Männer haben sie schon erspäht. Maggie soll ihr Opfer sein heute nacht. Dem Kinozuschauer zieht sich der Magen zusammen. Man weiß, wie so etwas enden kann.

So etwas gibt’s sonst nur in Superheldenfilmen

Nein, weiß man nicht, jedenfalls nicht in Jakob Lass’ wildem Film „Tiger Girl“. Denn da taucht auch schon die Titelheldin wie aus dem Nichts auf, tritt und boxt, bis die drei zu Boden sacken. So etwas kennt man sonst nur aus Superheldenfilmen. Und Maggie? Hat versuchsweise auch mal den Baseballschläger ausprobiert, der vor ihre Füße gerollt war. Dann läuft sie lächelnd hinter ihrer Retterin Tiger (Ella Rumpf) her, die auf einem Parkplatz mit ein paar Drogenjungs in einem schrottreifen Lastwagen haust.

Bis eben war Maggie noch eine, die sich herumdirigieren lassen hat. Vom Polizeiausbilder in der Aufnahmeprüfung, die sie beim Bockspringen verpatzte, von der Tussi im Angeber-Geländewagen, die ihr die Parklücke wegschnappte, von dem Polizeianwärter (mit bestandener Prüfung), der sie als leichte Beute in der Bar aufgabelte. Immer hat sie höflich zurückgelächelt, egal wie mit ihr umgesprungen wurde. Aber damit ist jetzt Schluss. Von nun an heißt Maggie „Vanilla Killer“, wie Tiger sagt. Von nun an nimmt sich Vanilla, was sie vom Leben will. Von nun an lässt sie ihre Wut raus.

Selten hat ein Regisseur den Akt einer weiblichen Selbstermächtigung so schwungvoll und so selbstverständlich durchgezogen. Hier wird nicht groß psychologisiert. Hier passiert’s einfach. Diese Unmittelbarkeit hat auch damit zu tun, dass vieles in „Tiger Girl“ aus der Improvisation heraus entstand.

Bereits Lass’ gefeiertes „Love Steaks“-Experiment über eine unkonventionelle Liebe zwischen zwei Hotelangestellten wirkte wie eine Energieschub fürs deutsche Kino, jetzt legt er nach. Er hat ein eigenes „Fogma“-Regelwerk ersonnen, das nicht zufällig (wenn auch mit ironischem Unterton) nach dem dänischen „Dogma“ klingt, das Lars von Trier in den Neunzigern berühmt machte. So wie bei dem Dänen soll auch bei Lass das Reglement vor allem Freiheit beim Filmemachen garantieren und vor falschen Kompromissen schützen. Hier soll nichts weichgespült und abgewogen werden. Hier werden die üblichen dramaturgischen Leitplanken des Filmemachens abgebaut. Lass und sein eingeschworenes „Fogma“-Team beanspruchen sogar für sich, ein eigenes Genre erfunden zu haben: den „Martial Arthouse Film“, da steckt kämpferisches Autorenkino drin.

Das neue Freiheitsgefühl hat Folgen

So eine Revoluzzerhaltung kann schnell zur Attitüde werden, auch von Trier war davor nicht gefeit. Momentan aber scheint Lass eher dem System seine Bedingungen aufzuerlegen als umgekehrt: „Tiger Girl“ entstand – anders als „Love Steaks“ – mit Filmfördergeld, wurde bei der diesjährigen Berlinale gefeiert, und die mächtige Constantin gibt Rückendeckung. Trotzdem hatte Lass die letzte Entscheidungsgewalt.

Vanillas neues Freiheitsgefühl hat Folgen. Die beiden maßen sich ganz machohaft jene Autorität an, die sie gleichzeitig verachten. Sie „kontrollieren“ Parkbesucher und männliche Passanten auch gern mal bis auf die nackte Haut, wenn diese einen knackigen Hintern haben.

Was als Köpenickiade beginnt, nimmt bald üble Züge an. Die Gewalt eskaliert. Und daran ist Vanilla schuld, die anders als Tiger auch nur mal so aus Frust zuhaut. Es fällt nicht schwer, in ihr eine Unzufriedene zu sehen, die sich nun an der Gesellschaft rächt. So eine Abrechnung lässt sich ebenso mit einem Wahlkreuz bei einer rechten Partei wie mit einem Prügel erledigen. Eine politische Dimension hat dieser furiose Film also auch. Zugleich ist „Tiger Girl“ ein Beleg dafür, dass das vielfach verkrustete deutsche Kino durchlässiger ist, als man glaubt – so wie es auch Sebastian Schipper mit dem in nur einer Einstellung gedrehten Bankräuber-Film „Victoria“ (2015) und jüngst Maren Ade mit ihrer Vater-Tochter-Tragikomödie „Toni Erdmann“ bewiesen haben.

Von Stefan Stosch/RND

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