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Kultur Weltweit „Die Frau, die vorausgeht“: Ein Bild von einem Mann
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04:01 05.07.2018
Ob es wirklich so romantisch war? Sitting Bull (Michael Greyeyes) und Catherine Weldon (Jessica Chastain). Quelle: Verleih
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Hannover

Was muss man beachten, wenn man mit einem großen Häuptling über die Prärie spaziert? Dass man ihm keinesfalls vorauseilt. Denn sonst könnte es so aussehen, als sei der Mann ein Befehlsempfänger. Der unternehmungslustigen Catherine Weldon (Jessica Chastain) muss es schwer gefallen sein, diese Regel zu befolgen, denn Sitting Bull gab ihr den Namen „Die Frau, die vorausgeht“ – und so heißt nun auch der Film von Regisseurin Susanna White.

Es ist gut, im Hinterkopf zu behalten, dass diese Catherine Weldon wirklich gelebt hat – auch wenn sie tatsächlich Caroline mit Vornamen hieß. Sonst könnte man der Filmemacherin leicht unterstellen, sich in reinen Fantastereien verloren zu haben, so wenig wahrscheinlich klingt diese Geschichte.

Seine Geliebte war sie wohl nicht

Die echte Weldon war Mitglied der National Indian Defense Association und unterstützte die Sioux vom Stamm der Lakota in ihrem Kampf gegen die Enteignung ihres Landes durch die Weißen. Vor allem aber war sie die Vertraute von Sitting Bull, seine Sekretärin und Dolmetscherin – seine Geliebte war sie entgegen von damals böswillig gestreuten Gerüchten wohl nicht.

Eine Zeit lang lebte sie mit ihrem Sohn Christy – er stammte aus einer früheren Beziehung, Weldon war geschieden, im Film ist sie seltsamerweise Witwe – im Lager von Sitting Bull im Reservat. Dank des Erbes ihrer Mutter stand Weldon finanziell auf eigenen Füßen, musste sich niemandem gegenüber rechtfertigen und ging ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Malerei, nach.

So ist man fasziniert von der Frau, die Ende der 1880er Jahre von New York allen Widerständen zum Trotz gen Westen aufbricht. Sie will ein Bild Sitting Bulls anfertigen, jenes Sioux-Häuptlings, den die Weißen hassten, weil er 1876 maßgeblich die Schlacht am Little Bighorn während der Indianerkriege vorbereitet hatte – und da hatten die Soldaten des 7. Kavallerie-Regiments eine vernichtende Niederlage erlitten.

Der Häuptling ist sich seines Marktwerts bewusst

Weldon trifft in North Dakota an der kanadischen Grenze in der Stadt auf eine chauvinistische Gesellschaft, in der Frauen bestenfalls als Offiziersgattinnen akzeptiert werden – zugleich aber im Reservat auf einen Häuptling, der sich seines Marktwertes voll bewusst ist und erst einmal einen horrenden Preis fürs Porträtsitzen aushandelt.

Sitting Bull (Michael Greyeyes, Angehöriger der kanadischen Ureinwohner), der einstige große Krieger, kann das Geld gut brauchen: Momentan kniet er auf einem Acker und baut Kartoffeln an. Das wolkige Gesäusel der Besucherin von reißenden Flüssen und hohen Bergen, das diese wohl als Indianer-Sprech versteht, lässt ihn seine Gage nur höher treiben.

Die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verfließen

Vielleicht übertreibt es die britische Regisseurin White – bekannt geworden durch die John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ – mit den komischen Momenten. Zumindest aber bewahrt sie ihren Film so vor jeder Heroisierung. Wo die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verlaufen, ist allerdings schwer zu sagen. Die Regisseurin scheint sich große Freiheiten genommen zu haben.

Unübersehbar zeigt der Film die verzweifelte Situation der Sioux: Ihre Sprache dürfen sie nicht sprechen, ihre Stammeskleidung nicht tragen, ihre Geistertänze nicht tanzen. Ziel der Regierung ist es, die Sioux auszuhungern und gefügig zu machen. Sie sollen die Hälfte ihres Landes abtreten.

Einmal fragt die arglose Malerin, ob auf den Hügeln in der Entfernung Schnee liege. Sitting Bull klärt sie auf: Was sie dort oben sehe, seien die ausgeblichenen Knochen von Tausenden von niedergemetzelten Büffeln, der einstigen Lebensgrundlage der Sioux.

Das Trauma der Landeroberung

Dies ist nach „Feinde – Hostiles“ nun schon der zweite Westernstoff, der in diesem Jahr vom Trauma der Landeroberung in den USA erzählt. Die Bitterkeit von Scott Coopers Film erreicht White nicht. Sie hat aber auch noch einen zweiten Fokus: Die Regisseurin versteht ihren Film zugleich als Porträt einer Frau, die sich von gesellschaftlichen Zwängen befreit und an Unabhängigkeit gewinnt. Erzählt wird hier auch die Geschichte einer persönlichen Emanzipation.

Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) ist dabei als couragierte, aber auch lernfähige Streiterin die richtige Besetzung – auch wenn es seltsam klingt, wie sie hier dem lebensklugen Sitting Bull Nachhilfe in demokratische Gepflogenheiten gibt. Andererseits: Die echte Weldon hat Sitting Bull tatsächlich beraten.

Zweifellos ist „Die Frau, die vorausgeht“ in allzu schönen Farben ausgemalt. Zu dekorativ spazieren und reiten hier ein Mann und eine Frau über die Prärie. Zu sehr setzt die Regisseurin am Ende auf Romantik, wenn sehnsuchtsvolle Blicke im Zelt hin- und hergehen. Da fühlt man sich beinahe an Robert Redford und Meryl Strepp beim Nilpferd-Picknick in „Jenseits von Afrika“ erinnert.

Der Kampf der Lakota geht weiter

Und doch verliert White die Tragödie der Indianer nie aus dem Blick. „Geschichte ist es erst, wenn es vorbei ist“, sagt der hartgesottene Colonel Silas Groves (Sam Rockwell, jüngst mit dem Oscar für seine Rolle als rassistischer Polizist in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ausgezeichnet). Groves will Weldon loswerden und den Häuptling tot sehen.

Vorbei ist es tatsächlich bis heute nicht. Der Kampf der Lakota gegen die Enteignung geht weiter: Mit juristischen Mitteln wehren sie sich gegen eine Ölpipeline, die durch ihr Reservat verläuft. Präsident Barack Obama hatte das Projekt nach heftigen Protesten der Ureinwohner gestoppt, Donald Trump hob den Beschluss per Dekret wieder auf.

Und die Gemälde der Künstlerin? Caroline Weldon hat vier Ölgemälde von Sitting Bull gemalt. Zwei davon kann man immer noch betrachten, das eine hängt in der North Dakota Historical Society in Bismarck, das andere im Historic Arkansas Museum in Little Rock in Arkansas.

Von Stefan Stosch / RND

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