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16:02 20.10.2016
Singer-Songwriter und Dichter: Leonard Cohen will sich mit Stil verabschieden. Quelle: dpa
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Hannover

„Mehr Licht“ wollte Goethe ganz zum Schluss, die erhoffte Erleuchtung am Ende eines gedankenschweren Lebens. Die Forderung „Lighten up“ bedeutet für seinen kanadischen Dichterkollegen Leonard Cohen ganze 184 Jahre später nur noch ein „Entspann dich“. Er hat die rätselhafte Welt so gut verstanden wie es geht und sie nicht enträtseln können – jetzt dreht er das Licht ein wenig herunter: „You want it darker“ heißt Cohens 14. Studioalbum, das an diesem Freitag erscheint.

Der 82-Jährige blickt in die Finsternis des vor ihm Liegenden. Ein bisschen Zeit bräuchte er noch, um alles abzuschließen, sagte er zuletzt dem Musikmagazin Rolling Stone. Er sei schließlich ein ordentlicher Mensch. Aber dem Tod blicke er doch in stiller Bereitschaft entgegen. Davon künden die neuen Lieder unentwegt. Mit einem „I’m ready my Lord“ wendet er sich im Titelsong direkt an das höchste Wesen.

Mix aus dunklen Klavieren, Chorgesang und väterlichem Streicheln

Es ist ein Klassealbum, eine graue Schönheit, die sein Sohn Adam Cohen produziert hat. Eins mit dunklen Klavieren, trauten Mandolinen, mit weinenden Celli, Violinen und viel Bibel in den Zeilen, so als wäre es von der Jahreszeit des Regens und der Totenfeiertage selbst geschrieben worden. Es hebt mit sakral anmutendem Chorgesang an, dann dringt Leonard Cohens dunkles Sprechsingen ein, das väterlich ist wie ein Streichen übers Haar, wohltuend wie Salbe auf einen Schmerz: „Ich habe mit einigen Dämonen gekämpft / sie waren mittelmäßig und zahm“.

Unnachahmliches Talent, einmalige Stimme, poetische Geistesblitze – das alles vereint Leonard Cohen. Quelle: dpa

Und eine Hammondorgel schmurgelt dazu ihre trauten Tonfolgen. Möglicherweise ist es tatsächlich das Abschiedsalbum des Poeten und Troubadours, der 1967 vom geschriebenen Wort zum gesungenen wechselte und mit heutigen Folkklassikern wie „Suzanne“ und „Bird on a Wire“ weltberühmt wurde. Zwar existierten noch viele halbfertige Liedideen, aber Cohen lässt offen, ob er sich ihnen noch zuwenden wird. Manchmal kommen einem Melodiefetzen hier auch bekannt vor, in „Treaty“ (das am Albumende noch einmal als Beinahe-Instrumental wiederkehrt) steckt einiges vom 92er Song „Anthem“.

Tonfall des Geheimnisumwitterten

Ein Genießertum ist in Cohens Raunen und Flüstern, eine Erotik mit Herbstblättern – auch wenn Cohen behauptet, das Feld der Liebesträume verlassen zu haben: „Das erbärmliche Biest ist gezähmt / ich brauche keine Geliebte / drum blas die Flamme aus“ verlautbart er im Abgesang „Leaving the Table“. Jedes Wort in diesen acht Liedern erscheint im Tonfall des Geheimnisumwitterten, wird zelebriert und ausgeleuchtet wie eine kostbares Juwel, wird durch die Stimme etwas Lebendiges – ob Cohen nun in „Steer your Way“ die „ruins“ des heiligen „altar“ beschwört oder die der profanen „mall“.

Ein wohltuendes Zusammenspiel aus Stimme, Gesang, Musik, eine perfekte Harmonie, nachdem er schon vor zwei Alben die dünnen Synthesizerinstrumentierungen zugunsten klassischer Instrumente aufgab. Gäbe es den Popmusiknobelpreis für ein solches Miteinander, Cohen wäre – für sein musikalisches Früh- und Spätwerk – einer der ersten Anwärter. Dem ersten Literaturnobelpreisträger aus den eigenen Songwriterreihen, Bob Dylan, hat er – ebenfalls im Rolling Stone – mit dem ihm eigenen Talent zum geflügelten Satz gratuliert: Das sei in etwa so, „als würde man ein Schild vor dem Mount Everest errichten, auf dem ‘höchster Berg der Welt’ steht.“ Selber Himalaya, Leonard! Möge ihm 100 Jahre beschieden sein.

Von Matthias Halbig

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