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Kultur Weltweit Deutsches Soziogramm: Unter Gefrusteten
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06:00 04.05.2017
Blaue Phase: Die Künstlerin Janine (Katja Bürkle) porträtiert Robert (Rainer Bock). Quelle: Foto: X-Verleih
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Hannover

Man weiß gar nicht recht, bei wem man anfangen soll. Rund ein Dutzend Figuren tummeln sich in diesem Film. Zwischen den meisten sind feine Fäden gesponnen. Je heftiger die Figuren zappeln, desto mehr verstricken sie sich in diesem kaum zu entwirrenden Beziehungsnetz. Nur dauert es ein bisschen in Lars Montags Gesellschaftssatire „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, bis der Zuschauer die Zusammenhänge erkennt. In den ersten Minuten wirkt der Film wie eine zufällige Abfolge bitterböser Sketche über mehr oder weniger gestörte Zeitgenossen.

Zappen wir also einfach direkt hinein, so wie es der Regisseur ja auch tut: Da gibt es zum Beispiel den ehemaligen Lateinlehrer Ecki (Bernhard Schütz), der die Welt so sehr hasst, dass er schon mal am Chipsregal im Supermarkt Amok läuft; den Supermarktchef Uwe (Peter Schneider), der vor dem Sex auf irgendeinem Club-Klo mit einer Internetbekanntschaft bis zur Ermüdung von seiner Gin-Sammlung schwärmt; seine rigide Ex-Frau Julia (Eva Löbau), die ihre präzise ausformulierten Bedürfnisse bei einem Callboy stillt. Dazu gesellen sich der rassistische Polizist Thomas (Jan Henrik Stahlberg), der Ausländer mit kaugummikauender Überheblichkeit zur Schnecke macht, oder der kreuzunglückliche Ehemann Robert (Rainer Bock), der sich von seinen Bienenvölkern im Garten besser verstanden fühlt als von seiner Familie im Haus.

Bei den Teenagern ist ein bisschen anders

Noch nicht genug? Es ist auch noch eine nachfolgende Generation mit von der Partie: Robert ist der Vater von Teenager Swentja (Lilly Wiedemann), und die ist zugleich die Ex-Schülerin von Ecki und der Grund von dessen Wut auf die Welt. Swentja ist aber längst mit anderen Dingen beschäftigt: Sie hat sich erst von dem fundamental katholischen und nun schwer schuldbeladenen Johannes (Aaron Hilmer) befummeln lassen und ist inzwischen fasziniert davon, dass ihr der „Araber“ Mahmud (Hussein Eliraqui) 100 Euro bietet, damit er sie „lecken“ darf – was allerdings gar nicht so einfach zu organisieren ist, wenn man bei den Eltern wohnt.

Obwohl: Die Begegnung zwischen diesen beiden Teenagern ist ein klein wenig anders als all die anderen. Hinter der hilflosen Annäherung zwischen Swentja und Mahmud wird eine Sehnsucht nach Liebe spürbar, auf deren Erfüllung die Älteren kaum mehr zu hoffen wagen.

Erst langsam wird der Anspruch dieser tiefschwarzen Komödie erkennbar: Das ganze Deutschland soll es sein, zur Kenntlichkeit verzerrt als ein Land voller genauso verklemmter wie enthemmter seelisch Versehrter. Der Filmtitel spielt nicht zufällig auf die hier gänzlich anders interpretierte Nationalhymne an, die gleichnamige Romanvorlage stammt von dem Schriftsteller Helmut Krausser („Der große Bagarozy“).

Der Regisseur spitzt die Episoden zu

Der Regisseur tut etwas, was selten im deutschen Kino ist: Lars Montag sucht nicht das Versöhnliche, um den Zuschauern zu gefallen. Im Gegenteil: Er spitzt die Episoden noch ein bisschen zu, damit sie sich so richtig unter die Haut bohren und wie ein Stachel brennen können.

Der Regisseur hat bislang vorrangig Krimis fürs Fernsehen gedreht, darunter auch einige „Tatort“-Folgen. Nun nutzt er seinen Freiraum im Kino und tobt sich mal so richtig aus. Es heißt, einige Filmförderer seien vor der Heftigkeit dieses Attacke auf deutsche Befindlichkeiten nervös zurückgezuckt und hätten jede Unterstützung abgelehnt.

Die Figuren schrammen manchmal haarscharf an Karikaturen vorbei. Deshalb kommen sie dem Zuschauer nicht so nahe, als dass dieser vor sich selbst erschrecken müsste. Und doch dürfte einem manches hier sehr bekannt vorkommen – zum Beispiel der Dating-, Selbstoptimierungs- und Selbstverwirklichungswahn, der in unserer Gegenwart machtvoll um sich greift. Auch Blicke in sogenannte Anger-Räume erhaschen wir hier, in denen Frustrierte mit dem Baseballschläger ihre Wut rauslassen.

Kürzlich gab es schon einmal einen Film, der sich was getraut hat und in dem ein Baseballschläger ein wichtiges Requisit war: In „Tiger Girl“ von Jakob Lass zogen zwei junge Frauen randalierend durch ein ganz und gar nicht glamouröses Berlin. Hier lassen die Protagonisten ihren Hass vorerst lieber hinter geschlossenen Vorhängen raus.

So viel beruhigender ist das aber auch nicht.

Von Stefan Stosch / RND

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