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14:54 13.12.2017
Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren. Eine Wanderung durch Israel und Palästina. Mit 35 farbigen Abbildungen und einer Karte. Malik-Verlag; 304 Seiten, 16 Euro  Quelle: Malik Verlag
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Leipzig

Wenigstens zwei Gründe sprechen gerade jetzt für ein Buch, das sich „Auf Jesu Spuren“ begibt. Natürlich ist – erstens – bald Weihnachten, das Fest, das an den Beginn des Christentums erinnert. Zweitens endete zumindest der irdische Weg des Heilands vor 2000 Jahren in Jerusalem: Seit US-Präsident Donald Trump die Stadt als Israels Hauptstadt anerkennt, hat sich die eh schon schwierige Gemengelage dort nun noch mal verkompliziert.

Nils Straatmann hat Israel, Palästina und den Libanon im Sommer 2016 bereist. Der 28-Jährige ist in der Poetry-Slam-Szene als Bleu Broode und den Fans der RB-Nachwuchsmannschaften als Stadionsprecher bekannt. Mit Reiseliteratur debütierte er vor gut zwei Jahren, nachdem er in der Karibik als Matrose angeheuert hatte. Seitdem studiert Straatmann in Leipzig Theologie. Weil er die graue Theorie mit Leben füllen wollte, wanderte er mit einem Jugendfreund aus Bremer Zeiten, dem Fotografen und Kameramann Sören Zehle, die Routen nach, von denen das Neue Testament berichtet. Eine halbstündige Dokumentation darüber hat der WDR schon vor einigen Monaten ausgestrahlt.

Das Reisebuch, das nun aus dem zu Piper gehörenden Malik-Verlag vorliegt, geht noch tiefer als der Fernsehbeitrag. Straatmann ist ein präziser Beobachter. „Auch aus der unangenehmsten Situation“, schreibt er über vier palästinensische Jungs, die in einem heruntergekommenen Hinterhof Bethlehems spielen, wollen sie mit Stolz und unbändigem Willen, „das größte Glück herausholen“. Sich selbst nimmt er ebenso ins Visier: „Ich schäme mich dafür, wie neugierig ich sie anstarre“, gibt er zu, nachdem sich die zwei Reisenden mit einer Gruppe orthodoxer Juden ein Sammeltaxi geteilt haben.

In weihnachtliche Stimmung versetzt die Lektüre auf den ersten Blick jedoch kaum, selbst wenn die Wanderung in Bethlehem beginnt. Am Ende eines von Souvenirshops zugebauten Pfads läuft den beiden in der Geburtskirche zwischen all den Handy-Kameras kein Schauer über den Rücken. Sowieso weiß Straatmann als Theologe, dass Jesus zum einen nicht im Stall, sondern allenfalls einer Höhle zur Welt gekommen sein kann. In der Region gab es damals keine Ställe. Zum anderen war Jesus nach gegenwärtigem Forschungsstand in seinem Leben wahrscheinlich überhaupt nie in Bethlehem. Vermutlich wurde die Entbindung nachträglich dorthin verlegt, um eine Linie zum 1000 Jahre älteren König David zu ziehen.

Avid, der letzte verbliebende Fischer auf dem See Genezareth

Straatmann zeichnet ein vielschichtiges Stimmungsbild einer umkämpften Region, die drei Weltreligionen heilig ist. Ihm gelingt das mit den Mitteln des Journalismus: Er sucht das Gespräch zu den Menschen – zu Einwohnern, die miteinander niemals reden. So treffen sein Kompagnon und er den Palästinenser Daher, der in der Nähe von Bethlehem einen Weinberg bewirtschaftet. Jüdische Siedler rücken ihm und seinem Land auf die Pelle, aber die Familie weigert sich „rigoros, ihre Widersacher als Feinde anzuerkennen“.

Später steigen die Reporter ins Boot des Israelis Avid, des letzten verbliebenen Fischers auf dem See Genezareth. „Ich will mit diesem ganzen Mist nichts zu tun haben“, sagt er über die Politik. Sie freunden sich mit Lahvac an, der guten und zugleich sympathisch durchtriebenen Seele eines Kibbuz im Norden Israels; mit den arabischen Nachbarn im angrenzenden Libanon versteht man sich dort eigentlich ganz gut. Auch mit den Drusen Thaer und Narji, bei denen die Deutschen ein paar Tage in den Golanhöhen wohnen, schließen sie Freundschaft. „Ich persönlich will nur meinen Frieden“, erklärt Narji den beiden beim Grillen, während von der drei Kilometer entfernten Grenze zu Syrien Kanonenpoltern herüberschallt. „Wenn du Frieden willst, musst du friedlich sein.“

Es mag in den Nachrichten nicht vorkommen, dass im Nahen Osten auch Lebensfreude gedeiht, merkt Straatmann bald. Doch es ist so: Auch dort begegnet er glücklichen Menschen – „guten Menschen, die ein Leben außerhalb der Gewalt führen“. Auf Überheblichkeit, Feindseligkeit und Angst trifft er freilich ebenfalls. Auf Israelis, die ihr Gewehr als besten Freund bezeichnen und in Palästinensern pauschal nur unmündige Kinder erkennen. Und auf Araber, die „Heil Hitler“ rufen, wenn sie von der deutschen Herkunft der Reisenden hören. Schließlich habe Hitler die Juden doch damals „besiegt“.

Die vielen Dialoge tragen zu einem kurzweiligen Lesefluss bei. Straatmann formuliert nicht wie ein Sachbuchautor, sondern gekonnt wie ein Romancier. Hintergrundinformationen oder die persönliche Reflexion streut er geschickt in die Gespräche. Mit seiner eigenen Haltung im Krieg zweier Völker, denen ein Gott offenbar dasselbe Land versprach, hält er nicht hinterm Berg. Doch er ergreift keine Partei. „Das Schlimme ist: Ich kann beide Seiten nachvollziehen.“ Unumwunden gibt er zu, dass brenzlige Erlebnisse, mal mit jungen, aggressiven Palästinensern, mal mit unfreundlichen israelischen Soldaten, seine eigenen Ängste schüren – und ihm die jeweils andere Seite auf einmal vorübergehend viel näher erscheint.

Jesus Christ Superstar

Die eigentliche kulturelle Trennlinie markiert das Buch daher nicht zwischen Israelis und Palästinensern, sondern zwischen Menschen, die Frieden wollen und denen, die den Krieg schüren. „Ich vermute, dass der Konflikt schon längst gelöst wäre, wenn niemand mehr davon profitieren würde“, wird Abuna Ludger zitiert, der geistliche Leiter eines christlichen Pilgerhauses im Norden Israels.

Die Beobachtung der Reisereporter, dass indes auch Jesus Christ Superstar Profit verspricht, überrascht kaum. Ein französisches Jesus-Multimediacenter in Nazareth erinnert Straatmann gar an seine Leipziger Punk-Kneipe. Hier ist der Eintritt frei, dort das Bier kostenlos – gegen eine großzügige Spende respektive Solizuschlag. Die Altstadt Jerusalems gleicht einem „religiösen Disneyland“, stellt Straatmann fest. Der Weg auf den Tempelberg führt die beiden an 3-D-Jesus-Bildern und „kunstvoll geflochtenen Dornenkronen“ entlang.

Dennoch fühlt sich der Theologiestudent im gelobten Land irgendwann auch Christus näher: dem fehlbaren Menschen Jesus, der seiner Familie den Rücken zukehrt, das Judentum reformieren will, politischen Zielen folgt. Und dem – wie die Wanderer eindrücklich in Erfahrung bringen – wohl stramme Waden gehörten. Dieser Jesus habe seine wahre Größe durch Machtverzicht bewiesen, glaubt Straatmann: Als er seine Gefolgschaft eben nicht zum gewaltvollen Widerstand gegen die römischen Besatzer anstachelte.

„Wer Frieden will, muss friedlich sein“. Als Fazit greift Straatmann noch einmal das Credo des Golan-Bewohners Narji auf. Auf den zweiten Blick verbreitet der Bericht aus der Krisenregion also doch fast so etwas wie eine Weihnachtsbotschaft – die selbstredend zum jüdischen Versöhnungsfest Jom Kippur und in den muslimischen Fastenmonat Ramadan ebenso passt.

Nils Straatmann: Auf Jesu Spuren. Eine Wanderung durch Israel und Palästina. Mit 35 farbigen Abbildungen und einer Karte. Malik-Verlag; 304 Seiten, 16 Euro

Von Mathias Wöbking

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