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00:00 01.06.2017
Grabesstimmung: Der Film „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zeichnet ein dichtes Bild von den Untergangsjahren der DDR. Quelle: Hannes Hubach
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Hannover

Kaum ein Roman hat die erstarrte Stimmung in der untergehenden DDR besser eingefangen als Eugen Ruges brillantes Debüt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Anhand der eigenen Familiengeschichte untersuchte der Autor über vier Generationen hinweg die gescheiterten Hoffnungen und die bittere Wirklichkeit des realexistierenden Sozialismus. Dabei spannte er den Erzählbogen vom mexikanischen Exil während der Nazizeit, über den sibirischen Gulag bis hin zur massenhaften Republikflucht am Vorabend des Mauerfalls im Herbst 1989 und blieb doch immer ganz dicht am verwandtschaftlichen Figurengeflecht.

Ganz und gar unmonumentale Form

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der mehrfach ausgezeichnete Roman verfilmt würde. Der Stoff bot sich geradezu für einen TV-Mehrteiler im ARD-Degeto-Format an, hat aber nun unter der Regie von Matti Geschonneck („Boxhagener Platz“) glücklicherweise eine ganz und gar unmonumentale Form angenommen. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase („Solo Sunny“, „Sommer vorm Balkon“) hat die Vorlage geradezu kongenial entschlackt und in ein intensives Kammerspiel verwandelt.

Das alleinige Zentrum der Erzählung ist der 90. Geburtstag des aufrechten Kommunisten Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) im Oktober 1989. Seit siebzig Jahren ist der Mann in der Partei, hat als Antifaschist gegen die Nazis gekämpft, floh mit seiner Frau Charlotte (Hildegard Schmal) ins mexikanische Exil und baute nach dem zweiten Weltkrieg die DDR mit auf. Altersstarrsinn, stalinistisches Gedankengut und fortschreitende Demenz vermischen sich im Denken und Handeln des Jubilaren auf zunehmend unschöne Weise.

Unverhoffte Fahrt ins sibirische Arbeitslager

Sein Stiefsohn Kurt (Sylvester Groth) wollte als junger Mann in der Roten Armee auch gegen die Nazis kämpfen. Aber von Moskau fuhr der Zug Richtung Osten und er landete in einem sibirischen Arbeitslager, aus dem er erst Mitte der Fünfzigerjahre mit seiner russischen Frau Irina (Evgenia Dodina) in die DDR zurückkehrte, wo er sich als Historiker mit den System arrangierte. Ihr gemeinsamer Sohn Sascha (Alexander Fehling) ist in der Nacht vor Großvaters Geburtstag in den Westen abgehauen - dabei ist er der Einzige, der den riesigen Ausziehtisch für das Büffet aufbauen kann. Und so macht sich der alte Powileit mit Hammer und Nägeln über das sperrige Möbelstück her, das im Verlauf der Feierlichkeiten nicht allein zu Bruch gehen wird.

Denn während Jungpioniere ein Ständchen schmettern, der stellvertretende Bezirksvorsitzende seine Laudatio in Szene setzt und dem störrischen Geburtstagskind den Stern der Völkerfreundschaft in Gold verleiht, werden die Gräben in den familiären Beziehungen immer tiefer aufgerissen. Altmeister Kohlhaase zeigt sich auch hier wieder als Drehbuchautor, der komplexe Themen dialogisch auf den Punkt bringen und das Ungesagte zwischen den Zeilen mitschwingen lassen kann. Denn natürlich wird über die Abwesenheit des Enkels genauso wenig gesprochen wie über die prekäre Lage der Republik. Gerade im ungelenken Drumherumreden spiegeln sich die familiären wie politischen Erstarrungen eines untergehenden Systems.

Matti Geschonnecks humoristisches Gespür

Geschonneck entwickelt wie schon in „Boxhagener Platz“ ein feines humoristisches Gespür, das nie in die bloße Karikatur abgleitet. Selbst die herbei zitierten Kollegen aus dem Molkereikombinat, die linkisch ihrer sozialistischen Gratulationspflicht nachkommen, werden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben. Dabei kann sich Geschonneck voll und ganz auf sein herausragendes Ensemble verlassen. Dass Bruno Ganz auch den stalinistischen Patriarchen spielen kann, ist keine wirkliche Überraschung. Aber wie Sylvester Groth den Historiker, der selbst durch die Mühlen des gewalttätigen 20. Jahrhunderts gegangen ist, mit einer resignierten Herzenswärme füllt, ist eine ganz leise Offenbarung.

Von Martin Schwickert / RND

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