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18:37 08.06.2017
Die argentinische Künstlerin Marta Minujin auf der documenta 14 in Kassel vor ihrem Werk „Parthenon of books“. Die documenta 14 wird am 10.06.2017 offiziell eröffnet. Quelle: dpa
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Kassel

Unübersehbar steht der Tempel mitten zwischen den Hauptlocations der Kunstausstellung, zu der ab Samstag rund eine Million Besucher erwartet werden. 70 Meter lang, 30 Meter breit und 20 Meter hoch ist das Riesen-Kunstwerk und hat damit in etwa die Maße des antike Parthenon-Tempels auf der Akropolis in Athen. Es ist behängt mit Zehntausenden Büchern, die irgendwo in der Welt verboten sind oder es einmal waren. 

Klicken Sie hier, um die Documenta 14 auf einem virtuellen Rundgang in einer Bildergalerie zu erleben.

So spektakulär die Aktion ist, neu ist sie nicht. 1983 hat die Argentinierin Marta Minujín schon einmal einen „Parténon de Libros“  in ihrer argentinischen Heimat aufgebaut. Nach dem Ende der Diktatur hat sie dafür 25 000 von der Militärregierung verbotene Bücher verwendet. Dieser Tempel wurde am Ende der Aktion gezielt zum Einsturz gebracht - um die verbotenen Bücher wieder unters Volk und an die Leser zu bringen.

Die Bücher sollen am Ende wieder kursieren

Ein eindrucksvolles Statement für die Pressefreiheit, das in Kassel aber nicht wiederholt werden wird. Die Behörden hätten das aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, sagte Minujíns Assistent am Donnerstag. Am Ende der 100 Tage ist „eine gemeinsame Aktion mit der Öffentlichkeit geplant, um die Bücher wieder kursieren zu lassen“, heißt es bei der documenta. 

Der „Parthenon der Bücher“ Quelle: AP

Eindrucksvoll ist der Tempel ohnedies, vor allem nachts, wenn er bunt beleuchtet wird. An den Preview-Tagen wurde die Freude allerdings vom schlechten Wetter getrübt. Es regnete und stürmte und war zu kalt, als dass sich viele Menschen zum nächtlichen Spektakel versammelt hätten, aber das kann ja noch kommen.

Rund 45.000 Bücher aus aller Welt sollen es sein

Damit die Bücher die 100 Tage der documenta in „hessisch Sibirien“ überstehen, wurden jedes einzelne in Plastik verpackt, eingeschweißt und mit Kabelbinder zum Aufhängen versehen. Mitarbeiter des VW-Werks in Baunatal hätten das übernommen, berichtet Stephan Gruber, der auch beim Bau des Riesengerüsts mitgearbeitet hat. Was in Buenos Aires noch aus Stahl war, ist jetzt aus einem Modulsystem, wie es im Bühnenbau verwendet wird. Anschließend wurden die Säulen mit Stahlmatten verkleidet.

Die Bücher selbst – knapp 45 000 sollen es inzwischen sein - wurden nach dem Startschuss auf der Frankfurter Buchmesse 2016 in aller Welt eingesammelt. An der Uni Kassel wurde eine Forschungsstelle eingerichtet, die die Geschichte der Bücher recherchierte. Bis zu 100 000 Bücher wollte die documenta ursprünglich bekommen, zuletzt wurde 50 000 als Zielmarke ausgegeben. Die dem Fridericianum abgewandte Seite ist noch ziemlich kahl. Aber der Ort ist gut gewählt: 1933 wurden hier rund 2000 Bücher von den Nazis verbrannt. 

Minujín war mit Andy Warhol befreundet

Marta Minujín, die stets bunt gekleidete 74-Jährige, will mit dem Tempel das „Schwanken des Denkens in der Welt“ darstellen, wie sie Ende Mai in einem Interview sagte. „Dieser Parthenon des Friedens zeigt alle Verbote, die es in der Welt der Schriftsteller und Bücher gab – und wie die Politiker entscheiden, was die anderen lesen dürfen“, erklärte Minujín damals die Idee hinter dem Werk.

Schon als junge Künstlerin überraschte sie mit ihren Werken, Performances und Happenings. Popart-Künstler Andy Warhol gehörte zu ihren Freunden, dennoch war ihrem Schaffen die große Anerkennung seitens der Kritik nicht vergönnt. Die Einladung nach Kassel kam auch deshalb einer großen Genugtuung gleich: „Dass sie mich anriefen und einluden, ist das Beste, was mir jemals im Leben passiert ist“, freut sich Minujín. „Jetzt wird mein Werk noch stärker gewürdigt.“

Im April hatte Minujín bereits in Athen, dem zweiten documenta-Standort, für Aufsehen gesorgt. In einer Performance überreichte sie einem Double von Bundeskanzlerin Angela Merkel Oliven als symbolischen Akt der Rückzahlung der griechischen Schulden. 

Kurz-Interview mit documenta-Künstlerin Marta Minujín

Ihr „Parthenon der Bücher“ ist das wohl auffälligste Kunstwerk der documenta in Kassel - eine Nachbildung des antiken Tempels auf der Akropolis, umkleidet mit tausenden einst oder gegenwärtig verbotener Bücher. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Marta Minujín über ihre Pläne am Ende der 100-Tage-Schau.

Frage: Wie sind Sie zufrieden mit dem Fortschritt Ihres Kunstwerks?

Antwort: Ich hätte gern mehr Bücher! Mindestens 20 000 oder 25 000 mehr, dann könnten wir auch die andere Seite des Tempels fertigstellen. Ich bitte die Besucher der documenta: Wenn 1000 Leute zehn Bücher mitbringen, hätten wir 10 000 mehr.

Frage: Was passiert am Ende der documenta mit dem Tempel? Einstürzen wie in Buenos Aires soll er ja nicht.

Antwort: Ich schenke den Parthenon dem deutschen Staat. Die Bücher sollen an Menschen verteilt werden, die kein Geld haben, um zu lesen. An den letzten vier Tagen der documenta werden die Säulen abgehängt, eine nach der anderen, als eine Kunstaktion.

Frage: Waren Sie schockiert, dass so viele Bücher verboten sind?

Antwort: Überall in der Welt werden Bücher verboten. Und so viele. Es hört nicht auf. Manche Menschen denken, Bücher sind Gift. Dagegen kämpfe ich. Die Menschen sollen den Parthenon sehen und anfangen zu denken: Was geschieht in dieser Welt?

Frage: Was planen Sie als nächstes?

Antwort: Etwas Ähnliches, aber noch größer. Ich denke darüber nach, den Turm zu Babel aus verbotenen Büchern nachzubauen. Vielleicht in Brasilien.

Frage: Haben Sie sich schon umgesehen? Wie finden Sie die documenta?

Antwort: Sehr interessant. Aber ich glaube, ich mag die Haltung mehr als die Kunstwerke.

Zur Person: Marta Minujín wurde 1943 in Buenos Aires geboren. Die Installations- und Performance-Künstlerin war Teilnehmerin der Biennalen von Venedig und São Paulo. „In ihren auf große Teilnehmerzahlen angelegten Projekten entdeckt die Künstlerin den ursprünglichen Wert von kollektiven Schätzen neu und schmilzt geteiltes Kapital rückstandslos in kulturelle Währung um“, schreibt die documenta über sie.

Von Cecilia Casinos und Sandra Trauner, dpa

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