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14:56 02.06.2017
„Wir sind die Roboter“: Die Band Kraftwerk beeinflusste nicht nur elektronische Musiker auf der ganzen Welt. Zuletzt nahmen auch Die TotenHosen eine Rockversion ihres Hits „Das Model“ auf. Quelle: dpa
Düsseldorf

Auf den ersten Horch klingt alles wie gehabt, man braucht eine kleine Weile, um festzustellen, dass man nicht die Originale oder alternative Versionen der Lieder vor sich hat. Der Hit „Das Model“ auf dem Album „Menschmaschine“ steht an anderer Stelle als auf Kraftwerks Originalplatte von 1978, außerdem wird er mit „eins,zwei, drei, vier“ angezählt, das gabs damals auch nicht. Immer mehr Unterschiede fallen dann auf beim Durchhören der acht CDs, die in dem properen, feuerroten Karton stecken. Kein begleitendes Büchlein steckt darin, in dem wenigstens ein bisschen was erzählt würde. Über diese nach den Originalalben sortierten Neuaufnahmen der Kraftwerk-Tracks, mitgeschnitten während der 3-D-Konzertreihen bei den Auftritten Kraftwerks an sehr speziellen Kunstorten – dem Museum of Modern Art in New York, der Londoner Tate Modern, dem Masonic Temple Theatre von Detroit oder der Neuen Nationalgalerie Berlin zwischen 2012 und 2016. An jedem Konzertabend stand ein anderes Album im Mittelpunkt.

Hypnotisierendes Klangbild

Einzigartig wurden Kraftwerk, als sie 1974 mit ihrem fünften Album „Autobahn“ dem Krautrock adé sagten und sich fortan elektronischen Instrumenten verschrieben. Die Musik klang anders als alles zuvor Gehörte. Die Monotonie der Fernstraßen fand sich im repetitiven Aufbau der über 20-minütigen Titelsongs wieder, das mobile Morgen wurde mit dem spacig unterkühlten Songslogan „Wir fahr‘n, fahr‘n, fahr‘n auf der Autobahn“ bemurmelt. Die Popfans fanden an dem hypnotisierenden Klangbild Gefallen, und Kraftwerk schafften es in Zeiten, als dafür noch Hunderttausende Einheiten verkauft werden mussten, im Jahr von Abbas „Waterloo“, auf Platz sieben der deutschen Albumcharts, erreichten im progressiveren Großbritannien Platz vier und in den USA Platz fünf.

Die Beatles der elektronischen Musik

Von allen deutschen Bands sind sie die wohl einflussreichste. Nahezu alle elektronischen Acts – von David Bowie (in Berliner Zeiten) über Depeche Mode bis Daft Punk beriefen und berufen sich auf die innovativen Düsseldorfer. Der New Yorker Musiker Moby, Pendler zwischen Punk und Techno, drückte es so aus: „Kraftwerk ist für zeitgenössische elektronische Musik das, was die Beatles und die Rolling Stones für die zeitgenössische Rockmusik waren.“ Aber sie strahlen weiter: Die Punkband Tote Hosen, ebenfalls Düsseldorfer, nahm vor fünf Jahren eine Rockvariante von „Das Model“ auf.

„3-D Der Katalog“ gibts auf Vinyl, CD und digital. Die Blu-Ray-Version von „3-D Der Katalog“ aber ist der wahre Jakob. Zur Musik illustrieren Filmaufnahmen das Spektakel der Konzerte. Zu Zeilen wie „Jetzt schalten wir das Radio an / aus dem Lautsprecher klingt es dann“ sieht man computerbewegte Bilder, dem originalen Wirtschaftswunder-bunten Cover des „Autobahn“-Albums von Emil Schult nachempfunden. Klänge und Design sind immer eins, kalte Magie – faszinierend. 43 Jahre alt sind die ältesten Stücke und Collagen, aber immer noch klingt das wie Musik, die es durch ein Wurmloch aus der Zukunft zu uns geschafft hat.

Kein bisschen museal

Mit dem Blu-Ray-Paket könnte man Menschen erschlagen. Neben einem Vier-Disc-Schuber findet sich darin ein schwerer, breiter mehr als 200 Seiten starker Bildband über die Projektionen zu den Songs, zu „Neonlicht“, „Ohm Sweet Ohm“, „Boing Bum Tschak“, „Radioland“ und „Vitamin“. Liner Notes werden auch hier nicht gereicht, zu allen Zeiten haben sich Kraftwerk mit Erläuterungen ihrer Arbeit zurückgehalten. Museal aber sind sie trotz der nun schon seit 14 Jahren währenden Albumpause und der ungewöhnlichen Auftrittsorte nicht. Zeilen wie „Am Heimcomputer sitz‘ ich hier / und programmier‘ die Zukunft mir“ aus dem Stück „Heimcomputer“ sind zwar auch schon wieder 36 Jahre alt, klingen aber wie eine Lagebeschreibung von 2017.

Konzert zum Start der Tour de France

Am 1. Juli geben Kraftwerk ein natürlich längst ausverkauftes 3-D-Konzert im Ehrenhof in ihrer Gründungsstadt Düsseldorf. Anlass ist der „Grand départ“, der Prolog zur Tour de France, der in diesem Jahr in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt stattfindet. Die 198 Fahrer der 22 Teams stellen sich dort dem Publikum vor und starten die Tour 2017 mit einer Stadtfahrt über 14 Kilometer. Dass ausgerechnet Kraftwerk dem motorlosen Traditionsrennen huldigen, erscheint auf den ersten Blick selbstironisch, aber das letzte Gründungsmitglied Ralf Hütter ist ernsthafter Radsportler seit Ewigkeiten. Schon 1983 veröffentlichte die Gruppe die Single „Tour de France“, 2003 brachten sie nach 17 Jahren Kreativpause ihr bislang letztes Album „Tour de France Soundtracks“ heraus. Das dann Kraftwerks erste Nummer Eins in den Albumcharts wurde.

Von Matthias Halbig / RND

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