Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Google+
Der Künstler Georg Baselitz wird am Dienstag 80 Jahre alt

Fern jeder Huldigungsstarre Der Künstler Georg Baselitz wird am Dienstag 80 Jahre alt

Georg Baselitz wird am Dienstag 80 Jahre alt, und es war zu erwarten, dass diese Lebenszäsur für ihn keinen Anlass zur Huldigungsstarre bietet. In gewohnt vitaler Statur hat er in der Fondation Beyeler in Basel einer umfänglichen Retrospektive auch jüngste Bilder zugearbeitet und zugleich in zwei biographischen Interviews ungewöhnlich offen Einblicke gewährt.

Georg Baselitz zur Eröffnung seiner Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Gezeigt werden hier 81 Gemälde und zwölf Skulpturen aus sechs Schaffensjahrzehnten von ihm.

Quelle: KEYSTONE

Salzburg/Deutschbaselitz. Wer glaubt, dass die Jugend im Leben eines Künstlers die größte Kraftprobe darstellt? Nur derjenige, der das Alter nicht kennt. Gemeinhin wird diese Lebensphase abgedunkelt, allenfalls schlaglichthaft von den Jubiläen erhellt, in denen nicht der Künstler, sondern seine Verwerter die Regie führen. In diesen Szenarien gibt es keinen Platz, das große Abenteuer beim Namen zu nennen, welches das Altwerden eines Malers zweifellos darstellen kann – zwischen den Tücken versagender Physis, dem trotzigen Mut zum radikalen Konventionsbruch sowie der permanenten Heimsuchung durch die lange verdrängte und nunmehr hemmungslos entsicherte Kraft der Erinnerung an Landschaften zwischen Herkunft, Aufstieg und Versagen.

Georg Baselitz wird heute 80 Jahre alt, und es war zu erwarten, dass diese Lebenszäsur für ihn keinen Anlass zur Huldigungsstarre bietet. In gewohnt vitaler Statur hat er in der Fondation Beyeler in Basel einer umfänglichen Retrospektive auch jüngste Bilder zugearbeitet und zugleich in zwei biographischen Interviews – mit Cornelius Tittel in der „Welt“ und mit Hanno Rauterberg in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ – ungewöhnlich offen und somit in höchst authentischer Weise ungeschönte Einblicke in die Existenzlage eines Malers jenseits der 70 gewährt.

Georg Baselitz, Der Brückechor, 1983, Öl auf Leinwand, Privatsammlung

Georg Baselitz, Der Brückechor, 1983, Öl auf Leinwand, Privatsammlung

Quelle: Foto: © 2014 Christie’s Images Limited

Mancher Satz erscheint da wie ein Schlag in den Sandsack eines Boxers. Wer jedoch ernsthaft liest und sich nicht nur an den Reizwörtern orientiert, wird einerseits die Stereotypen eines polternden Patriarchen finden, der die Wahrheit für sich gepachtet zu haben scheint, auch wenn er damit längst auf Kriegsfuß zur Realität steht. Zwar fällt das A-Wort nicht, mit dem er seit 1990 die DDR-Künstler als „Arschlöcher“ abqualifiziert; hierzu merkt er diesmal nur an, dass Tübke & Co auf dem „Müllhaufen“ gelandet seien, weil sie „schlecht“ seien und „getäuscht“ hätten. Neue Attraktionswerte bieten vielmehr die P- und T-Worte, Pegida und Trump, vom Künstler in bizarr anmutender Sympathie gebraucht.

Man kann diese unerwarteten Zuneigungen getrost als Duftmarken abtun, mit denen Georg Baselitz versucht, seinem Ruf als ungezähmter Provokateur treu zu bleiben. Ärgerliche Fehldeutungen sind sie allemal, aber vernachlässigbar, denn die andere Seite dieser Lebensbilanz, jene auf sich selbst gerichtete, macht deutlich, warum dieser Maler eben ein großer Künstler ist. Schonungslos und schutzummantelt – anfangs durch die selbst verordnete Härte einer radikalen Ich-Findung, später durch den vereinzelnden Erfolg auf dem internationalen Kunstmarkt – erscheint uns da der Großkünstler als ein berührbarer und verletzlicher Mann, der unbeirrbar aus der inneren Gewissheit seines Talents ein unverwechselbares Werk entwickelt. Wenn die Begriffsfindung der sogenannten „Ich-AG“ nicht als verfehltes Etikett einer prekären Didaktik bereits vernutzt wäre, dann brächte sie für diesen Künstler manches trefflich auf den Punkt. Kaum einer hat beide Seiten, Subjektivismus und Ökonomie, so kongenial in ein Konzept gebracht wie Georg Baselitz.

„Erdung“ des eigenen Ganges und Rebellion gegen jedwede Fremdbestimmung

Als Hans-Georg Bruno Kern am 23. Januar 1938 im sächsischen Deutschbaselitz geboren, heute ein Ortsteil von Kamenz, der damals gerade 500 Einwohner zählt und nach dem er sich ab 1961 benennt, erlebte er in Ostsachsen die Ambivalenz der unmittelbaren Nachkriegszeit: Der Vater Nazi, dessen Kriegserinnerungen ein Gräuel. Dagegen die Erfahrung eindrücklicher Naturerlebnisse, frühe Bravourstücke im privaten Zeichenunterricht und das wilde Cliquenleben in einer Nachkriegszeit. Die „Erdung“ des eigenen Ganges (sich später in seinen Fußskulpturen ausdrückend) wie auch die Rebellion gegen jedwede Fremdbestimmung – das sind die Grunderfahrungen seiner Jugend wie die der künstlerischen Etablierung im Westen seit 1957.

Georg Baselitz, Fingermalerei – Adler, 1972, Öl auf Leinwand, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, Wittelsbacher Ausgl

Georg Baselitz, Fingermalerei – Adler, 1972, Öl auf Leinwand, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, Wittelsbacher Ausgleichsfonds, München

Quelle: Foto: © Städel Museum - ARTOTHEK

Auch hier stieß der eigensinnige Mann aus dem Osten schnell an Grenzen – er verweigerte sich der Abstraktion, die damals als „Weltsprache der Kunst“ gegen den Osten in Stellung gebracht wurde. Zu einer führenden Marke im globalen Kunstgeschäft entwickelt sich Georg Baselitz, nachdem er seit 1969 seine Bildmotive rigoros um 180 Grad kopfunter stellt – wie den fulminanten „Brückechor“ von 1983. Der stilistische Dreh sei dabei keine Verwertungsmasche gewesen, wie Kritiker tönen, sondern eine Innovation, sagt er heute, von der er dachte, sie sei so schlagend, dass auch andere sie benutzen würden: „Nie war das eine Personalmethode.“

Provokationen, Verletzungen, Skandale – sein Naturell gestand Georg Baselitz keine lauwarme Karriere zu. Schon der Durchbruch als Maler war ein veritabler Kunsteklat: Die Westberliner Staatsanwaltschaft, aufgehetzt von der um „gute Sitten“ besorgten Boulevardpresse, lässt 1963 aus seiner ersten Personalausstellung in der Galerie Werner & Katz zwei Werke des Malers beschlagnahmen. Die mit sexueller Symbolik aufgeladenen Bilder werden für das biedere Establishment zum ästhetischen Härtefall. „Wer die Hosen runterlässt“, meint Baselitz heute rückblickend, „darf die Scham nicht verdecken.“

Die Suche nach der Gültigkeit letzter Bilder im Zentrum allen Schaffens

Wer auf diese Weise austeilt, macht sich selbst angreifbar. Und das ist die innere Logik in diesem Lebensprinzip des Künstlers bis heute geblieben – er bekommt dadurch etwas von der Welt zurück. Diese im wahrsten Wortsinne körperlich spürbare Resonanz erscheint nicht als manieriertes Echo feuilletonistischer Kritik, sondern ist pure Reibungsenergie. Die bringt ihm Licht ins Atelier, in dem er seit seinem Remix-Zyklus, erstmals 2005 gezeigt, der mutigen Selbstbefragung der eigenen Erfolgsikonografie, die Suche nach der Gültigkeit letzter Bilder ins Zentrum allen Schaffens stellt.

Es ist kaum möglich, als Multimillionär ein Rebell zu bleiben und diesen Status in den Zyklen des persönlichen wie gesellschaftlichen Wandels zu behaupten. Das ist die Crux des Erfolgs im finanzkapitalistischen Kunstmarktsystem – wie ja auch für die in der DDR verbliebenen Großmeister die Balance zwischen Autonomie und Privilegierung zu einer kraftraubenden Balanceleistung werden sollte. Georg Baselitz mag mit dem Versuch, Nonkonformität und Machtgewinn zu vereinen, inzwischen ein anachronistischer Künstlertyp sein. Denn trotz seiner Fixiertheit auf den Marktpreis seines Werkes, den er als einzige Autorität einer Bewertung von außen anerkennt, passt er mit seinem Rollenverständnis als Maler, Mann und Einzelgänger nicht in die smarte, vernetzte und zwangskooperierte Welt des heutigen Kunstbetriebs. Ein Nachkomme im Geiste, der Leipziger Maler Neo Rauch, hat kürzlich zugespitzt formuliert, dass in diesem „der Typus des gendersensiblen Bücklings“ dominiere, „der sich nicht ins Leben traue, weil dort zu viele Gefahren lauern“ – kein Ort also mehr für faire Gefechte, Mann gegen Mann, à la Baselitz.

In einem beliebten Kulturradioprogramm wird Menschen die Frage gestellt, was leichter sei, anzufangen oder aufzuhören. Dies sind Koordinaten für uns schlichtere Gemüter – für Georg Baselitz steht diese Frage nicht.

Von Paul Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur Weltweit

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr