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Kultur Weltweit „Der Fetzen“: Philippe Lançon und das Leben nach Charlie Hebdo
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14:00 06.04.2019
Während sich der Slogan „Je suis Charlie“ weltweit verbreitete und sich 1,5 Millionen Menschen in Paris zu einem Solidaritätsmarsch zusammenfanden, erlebte Autor Philippe Lançon das Drama als ganz persönliches. Quelle: dpa
Paris

Wie lange braucht man, um zu spüren, dass der Tod kommt, wenn man nicht mit ihm rechnet?“ Philippe Lançon hört die klickenden Geräusche der Schusswaffen, „keine lauten Explosionen wie im Kino, nein, dumpfe, trockene Böller“, die er nicht einzuordnen weiß.

Ein letztes Mal blickt er Charb, den Chefredakteur des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, an, bevor dieser erschossen wird: „Die wenigen Sekunden Leben, die ihm noch verblieben, reichten ihm, um zu begreifen, aus welchem elenden Comic diese beiden hohlen, vermummten Köpfe, die Fanatismus und Tod säten, kamen.“ Lançon selbst überlebt schwer verletzt, weil die Mörder ihn in seiner Blutlache liegend für tot halten. Nach zwei endlosen Minuten der Schießerei fliehen sie, um zwei Tage später von der Polizei entdeckt und getötet zu werden.

Detailliert beschreibt der Journalist in seinem Buch „Der Fetzen“ (Klett-Cotta, 551 Seiten, 25 Euro) das Blutbad während einer Redaktionskonferenz von „Charlie Hebdo“, bei der am 7. Januar 2015 Frankreichs berühmteste Karikaturisten niedergemetzelt wurden. Auch schildert er den langwierigen Genesungsprozess danach, sein Dasein als Patient und Attentatsopfer und die Folgen für sein Umfeld. Gerade ist das Werk auf Deutsch erschienen.

„Das ist eine Kriegsverletzung!“

Zu einem Gespräch ist Lançon gern bereit, aber eines stellt er gleich vorneweg klar: Er hat einen kleinen Sohn, und sein Tagesablauf richtet sich nach dessen Krippenzeiten. Das ist nicht nur wichtig, um einen geeigneten Termin und Ort zu finden – ein Pariser Café in der Nähe seiner Wohnung.

Sondern so gibt er auch bereits Auskunft über die jüngste erstaunliche Wendung in seinem Leben: Dass er mit Mitte 50 zum ersten Mal und nach so vielen seelischen und körperlichen Prüfungen Vater geworden ist, gehört für Lançon zur „Revanche des Lebens“, wie er es nennt. Zu den Überraschungen, die es noch bereithielt – ausgerechnet für ihn, der nach dem 7. Januar 2015 mit allen Freuden, den simplen und den tief gehenden, ja mit dem Leben überhaupt abgeschlossen hatte.

Die Terroristen schossen ihm damals den Kiefer weg, verwundeten ihn am Arm und an der Hand. Der Anblick des zerfetzten unteren Drittels seines Gesichts veranlasste einen der herbeigerufenen Feuerwehrmänner zu dem entsetzten Ausruf: „Das ist eine Kriegsverletzung!“

Philippe Lancon, Autor von „Der Fetzen". Quelle: Catherine Helie

Es war ein einseitiger, fanatischer Krieg, den die Brüder Chérif und Saïd Kouachi Frankreich erklärt hatten, und der Auftakt einer blutigen Terrorserie, die in der Folge nicht nur Paris und Frankreich, sondern viele andere Städte und Länder treffen sollte. Die Islamisten griffen „Charlie Hebdo“ als Symbol der Presse- und Meinungsfreiheit an und „rächten“ den Propheten, den das freche Karikaturenblatt häufig verspottet hatte, das sich seit jeher über alle Religionen und deren Vertreter lustig machte.

Zwölf Menschen ermordeten die Brüder Kouachi, elf verletzten sie teils schwer, darunter Philippe Lançon. Während sich der Slogan „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie“) weltweit verbreitete und sich 1,5 Millionen Menschen in Paris zu einem Solidaritätsmarsch zusammenfanden, erlebte Lançon das Drama als ganz persönliches. Und genau so schildert er es auch.

Radikale Ehrlichkeit, die nichts auslässt

Sein Buch, das in Frankreich bereits im vergangenen Frühjahr erschien, wurde mit Literaturpreisen ausgezeichnet, mehrmals neu aufgelegt und nun auch in andere Sprachen übersetzt. Der rabiat klingende Titel „Der Fetzen“ stammt von Lançons Chirurgin Chloé, die im Buch eine zentrale Rolle einnimmt, weil er all seine Hoffnung in ihr Können setzt. In langwieriger Arbeit hat sie an die Stelle seines größtenteils weggerissenen Unterkiefers einen Teil seines rechten Wadenbeins transplantiert, um ihm wieder ein vollständiges Gesicht zu geben.

Wer frühere Fotos von Philippe Lançon mit seinem heutigen Aussehen vergleicht, sieht die Veränderung sofort; andernfalls deutet nur eine Markierung auf der Unterlippe die Verwandlung an. Über den Unterkiefer ist ein grau-schwarzer Bart gewachsen – „Salz und Pfeffer“ nennen die Franzosen diese Farbmischung im Haar von Männern mittleren Alters. Wenn Lançon lächelt, dann tut er es vor allem mit den Augen, während die Mundpartie weitgehend bewegungslos bleibt.

Das Buch mit seinen 551 Seiten ist ausführlich und sehr intim, nachdenklich, manchmal ironisch – und wohl gerade durch die radikale Ehrlichkeit, die keine negativen oder positiven Emotionen auslässt, so bewegend. Die Arbeit daran hatte für ihn eine „therapeutische Wirkung“, sagt Lançon, aber fähig dazu war er erst, als er die schlimmste Phase überwunden hatte, in der er dachte, er würde niemals wieder in ein selbstständiges Leben finden.

Die verwüstete Redaktion von „Charlie Hebdo“ nach einem Anschlag am 2. November 2011. Quelle: Maxppp/Julien Muguet/Archiv

„Man braucht ein Minimum an Distanz zu sich selbst, um schreiben zu können, ohne dass es sentimental wird“, sagt er. „Nach und nach löste ich mich von der Person, um die es ging. Der Phi­lippe Lançon des Buches ist für mich zu einer Figur geworden. Zugleich ist alles real passiert.“

Anhand von Mails, die der zum Schweigen Verdammte in der ersten Zeit schrieb, von Tagebuchaufzeichnungen seines Bruders Arnaud, der sich voller Hingabe um ihn kümmerte, und von Erinnerungen, die sich ihm tief eingeprägt haben, schuf der Autor einen packend präzisen Erfahrungs- und Gefühlsbericht. Ereignisse aus seinem früheren Leben als Reporter fließen darin ebenso ein wie literarische Anspielungen an Werke, die ihn geprägt haben.

Lançon beschreibt, wie nach dem Anschlag alle, die sich ihm nähern, von einem anderen Stern zu kommen scheinen – dem Stern, auf dem das Leben weitergeht, während er sich den Toten, seinen einstigen Freunden und Kollegen, näher fühlt: „Das Gefühl, dass sie mir entglitten, machte mich noch viel trauriger und einsamer als alles, was ich sonst zu bewältigen hatte.“

Seine Chirurgin wurde zur wichtigsten Person

Trotz des ständigen Polizeischutzes sogar im OP-Raum plagt ihn die Angst vor der Rückkehr der Mörder, ohne dass er sich näher für sie interessierte. Diese dumpf Hassenden erscheinen ihm dafür nicht würdig. Um ihn spinnt sich ein enger Kokon aus Nahestehenden, darunter seine Ex-Frau Marylin, mit der ihn noch viel verbindet, und seine erschütterten Eltern. „Mit 51 Jahren wurde ich wieder zu ihrem Säugling“, sagt Lançon heute.

Die wichtigste Person in dieser Zeit zwischen Verbandswechseln und Operationen wurde allerdings seine Chirurgin: „Chloé war nah und fern, gerecht und ungerecht, wohlwollend und streng, allmächtig und alldistanziert. Sie war die unvollkommene Fee, die mir, über meine Wiege gebeugt, ein zweites Leben geschenkt hatte.“

Und dann ist da die starke Liebesgeschichte mit der Tänzerin Gabriela, die in New York lebt, dort selbst mit großen Problemen ringt und die „mich über alles Vorgefallene und Bevorstehende, über irgendetwas, ja womöglich einfach über mich selbst hinwegtrösten sollte“, wie er schreibt. Sie eilt an sein Krankenbett – und doch entfremdet er sich von ihr, weil er nicht mehr derselbe ist und nur um sich selbst kreist. Gabriela ist nicht die Mutter seines kürzlich geborenen Kindes: Mehr möchte Philippe Lançon, der so viel Privates in seinem Buch preisgegeben hat, nicht zu seinem heutigen Privatleben sagen.

Philippe Lançon: Der Fetzen. Klett-Cotta, 551 Seiten, 25 Euro. Quelle: Verlag

Gut vier Jahre nach den Vorfällen verfasst er zwar Kolumnen, Kunst- und Literaturkritiken für seine beiden Zeitungen, ist aber immer noch krankgeschrieben. Vor einem Monat musste er sich einer neuerlichen Operation unterziehen. Er hat weiterhin Schmerzen, das Essen bereitet ihm Probleme, er deutet auf seinen Kiefer: „Der lässt sich nie vergessen.“

Polizeischutz hat er längst nicht mehr, fühlt sich auch nicht bedroht von potenziellen Terroristen. „Diese Leute lesen nicht“, sagt er. „Sie informieren sich über die sozialen Netzwerke. Auch die Kouachi-Brüder haben ,Charlie Hebdo’ wohl niemals aufgeschlagen.“

Fast täglich erhält er Post von Lesern, die oftmals Krankheiten und Operationen durchstehen mussten und sich verstanden fühlen. „Es freut mich, dass mein Buch so viele Menschen berührt und anspricht“, sagt Lançon. „Das ist das Beste, was einem Schriftsteller passieren kann.“

Von Birgit Holzer

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