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Kultur Weltweit Der Dirigent Hartmut Haenchen steckt voller Pläne. Ein Interview zum 75. Geburtstag.
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Der Dirigent Hartmut Haenchen steckt voller Pläne. Ein Interview zum 75. Geburtstag.
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05:00 21.03.2018
Hartmut Haenchen Quelle: Foto: Marjolein van der Klaauw
Dresden

Seiner Geburtsstadt Dresden ist er treu geblieben: Hartmut Haenchen ist in der ganzen Welt unterwegs, lebt aber nach wie vor an der Elbe. Die Liebe zur Musik hat sein ganzes Leben geprägt. Als 14-Jähriger hat er gewusst, dass er Dirigent werden will. Nunmehr steht Hartmut Haenchen seit über sechs Jahrzehnten am Pult, ist international gefragt und wird bald auch mal wieder in Dresden zu erleben sein. Heute begeht der Dirigent seinen 75. Geburtstag. Im DNN-Gespräch blickt der ehemalige Intendant der Dresdner Musikfestspiele auf seine Anfänge beim Kreuzchor, auf Schwierigkeiten zu DDR-Zeiten sowie auf seine niederländische Staatsbürgerschaft zurück.

Frage: Professor Haenchen, Sie sind in Dresden geboren, waren Mitglied des Kreuzchores, haben mit der Dresdner Philharmonie gearbeitet und die Dresdner Musikfestspiele geleitet. Auch Ihr zumindest häuslicher Lebensmittelpunkt befindet sich in Dresden – warum sind Sie dennoch so selten in dieser Stadt zu erleben?

Hartmut Haenchen: An mir liegt das nicht. Sicher gibt es verschiedene Gründe dafür. Bei der Staatsoper habe ich vor etwa zwei Jahren ein Angebot absagen müssen, weil die Arbeitsbedingungen nach der Premiere nicht so zu erwarten gewesen sind, wie ich mir das künstlerisch vorstelle. Ich bin eine Arbeitsweise gewöhnt, bei der man das Ergebnis nach der Premiere weiterentwickeln kann und nicht zurückbauen muss. Deswegen habe ich abgesagt. Sie können sich vorstellen, dass man da nicht so schnell wieder gefragt wird. Mit der Dresdner Philharmonie hat mich nicht nur meine philharmonische Zeit verbunden. Ich habe ja auch, nachdem die Stasi-Kollegen entfernt waren, wieder viel mit diesem Orchester gearbeitet. Dasselbe gilt auch für meine Zeit bei den Musikfestspielen. Ich kehre immer wieder sehr gern zur Philharmonie zurück.

Der Künstler gilt im eigenen Lande nichts – ist das ein Aspekt? Oder haben Sie Ihre Fühler längst auf internationalem Terrain ausgestreckt?

Ich denke manchmal, dass es hier vor Ort tatsächlich so aussieht. Man darf aber nicht vergessen, dass es viel gute Kunst, wunderbare Orchester und Opernhäuser auch außerhalb Dresdens gibt. Da kann ich mich nicht beklagen. Bis auf die Met bin ich so ziemlich überall gewesen, wo man mal gewesen sein müsste. Aber hin und wieder im eigenen Bett hier in meinem Dresdner Haus schlafen zu können, das ist auch nicht zu verachten, gewiss.

Hatte es Sie deswegen besonders gereizt, als Intendant die Dresdner Musikfestspiele zu leiten?

Das war für mich schon eine spannende Erfahrung, weil ich hier über das Dirigat hinaus mehr konzeptionelle und dramaturgische Ideen verwirklichen konnte. Auch wenn vielleicht nicht alles in der Weise gelang, wie gewünscht, so bin ich doch stolz darauf, dass ich gemeinsam mit meinem Team und zehntausend Bürgern die Musikfestspiele erhalten konnte. Wie Sie wissen, sollten die ja 2004 aufgelöst werden. Da habe ich etwas für Dresden bewegen können. Was die künstlerische Seite anbelangt, haben mir diese Jahre viel Freude gemacht, auch wenn einige Leute immer der Meinung waren, ich hätte als Intendant viel zu oft dirigiert. Mein Nachfolger musiziert heute wesentlich mehr während der Festspiele, als ich es je getan habe.

Immerhin werden Sie zu den nächsten Musikfestspielen gemeinsam mit ihm auftreten. Eine Art Wiedergutmachung?

So sehe ich das nicht, eher als Geburtstagsgeschenk, auf das ich mich sehr freue. Mit Jan Vogler habe ich schon mehrere Male zusammengearbeitet. Dieses Konzert ist für uns beide sehr spannend, denn als wir über das Programm sprachen, kamen wir rasch auf Schostakowitschs Cellokonzert, das wir beide sehr mochten, aber damals noch nie gemacht hatten. Ein wirklich sehr tiefes Stück. Wenn das jetzt unter dem Titel „Spiegel“ von altem und neuem Intendanten gemeinsam aufgeführt wird, ist das doch eine tolle Sache.

Ein Blick ganz weit zurück: Wie prägend ist Ihre Zeit als Kruzianer unter Kreuzkantor Rudolf Mauersberger für Sie gewesen?

Es war zunächst einmal der Wunsch, der sein zu wollen, der es besser macht. So sehr ich Mauersberger verehrt habe, er war kein großer Dirigent. Aber ein großer Erzieher, er war ein Förderer und Pädagoge. Für mich ist er ein enormer Lehrer gewesen, der mir selbst da Freiheiten gegeben hatte, wo ich kritisch auf ihn einwirken wollte. Das tut man ja mit Beginn der Pubertät. Ich bin damals in die Sächsische Landesbibliothek gegangen und habe in alten Partituren gegraben. Er hat das ebenso wie meine kompositorischen Anfänge unterstützt und mich mit etwa 14 Jahren schon erste Proben dirigieren lassen. Ich bin ihm zutiefst dankbar für das, was er mir und vielen anderen gegeben hat. Mauersberger war jemand, an dem man entweder scheiterte, oder der einen stark machte.

Von Dresden aus in die Welt – die nächsten Stationen sind erst einmal Halle, Berlin und Schwerin gewesen, bevor es dann – überraschend? – 1986 als Chefdirigent zur Niederländischen Philharmonie und wenig später als Generalmusikdirektor an die Oper in Amsterdam ging. Gewiss kein geradliniger Weg?

Ich hatte in der DDR ja praktisch fünf Jahre Dirigier- und Arbeitsverbot. Ganz wenige wie Hans Pischner und Kurt Masur haben mich hin und wieder eingeladen. Trotzdem wollte ich das Land eigentlich nicht verlassen. Aber als ich sah, dass meine besten Jahre verstrichen, nahm ich 1985 eine Einladung nach Amsterdam an, die „Elektra“ zu dirigieren. Da wurde man auf mich aufmerksam und lud mich ein, die Niederländische Philharmonie und die Oper zu übernehmen. Im Nachhinein sehe ich in meinem damaligen Dilemma auch viele positive Dinge. Ich hatte ja Zeit – und konnte beispielsweise den kompletten „Ring“ studieren. Ohne zu wissen, ob ich jemals einen dirigieren werde. Ich habe auch viel geschrieben und mich musikwissenschaftlich betätigt. Ein zusätzlicher Trost war das spätere Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach, das mich zum Künstlerischen Leiter gewählt hat und mit dem mich eine vierunddreißigjährige Liebe und Freundschaft verbunden hat, die letztlich am Geld gescheitert ist.

Wie sind Sie als Deutscher, Ostdeutscher zumal, in den Niederlanden aufgenommen worden?

Das war mehr als schwierig, ich hatte es im doppelten Sinne schwer. In einer Zeitung wurde gefragt, ob man es nötig habe, dass ausgerechnet ein Deutscher zwei der wichtigsten Positionen in den Niederlanden innehat. Inzwischen haben meine Frau und ich die niederländische Staatsbürgerschaft bekommen, weil man erkannt hat, dass ich für die Kunst dort sehr viel getan habe. Das sehe ich als große Auszeichnung. Man muss ja bedenken, dass ich damals mit der Aufgabe angetreten war, eine von der Politik beschlossene Fusion von drei Orchestern umzusetzen und als Erster Chefdirigent die Oper komplett neu aufzubauen hatte. Die Niederländer sind aufgrund ihrer noch immer reformatorischen Einstellung nicht unbedingt Opernliebhaber. Aber wir haben es geschafft, haben ein Publikum entwickelt und innerhalb kurzer Zeit eine Auslastung von 97 Prozent erreicht. Darauf bin ich ebenso stolz wie auf die Tatsache, den Holländern wieder Wagner gebracht zu haben. Das war nach dem Krieg keineswegs ein leichter Weg.

Welche Ihrer Stationen – Paris, London, Madrid müssten erwähnt werden – haben Sie besonders beeinflusst? Wo konnten umgekehrt Sie den größten Einfluss geltend machen?

Überall auf der Welt geht es generell um ein gutes Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent. Die Chemie muss stimmen, sonst entsteht keine Kunst. Von Vorteil ist sicherlich, dass ich auch Gesang studiert habe. Wenn ich heute mit Sängerinnen und Sängern arbeite, spüren die das. Mein Beruf ist ein Erfahrungsberuf. Ganz bei mir als Dirigent gewesen bin ich erst etwa mit 70. Alles bis dahin war ein Suchen, Abtasten, Lernen, Erfahrungen auftun. Manches von dem, was ich früher getan habe, würde ich gerne noch einmal machen. Unabhängig davon, dass mir natürlich auch manches gelungen ist.

Immer wieder haben Sie mit historischen Textausgaben für Aufmerksamkeit gesorgt. Das stieß nicht überall auf Akzeptanz, oder?

Man landet so schnell in Schubladen, in Deutschland bin ich bis heute der mit dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach und gelte als Experte für dessen Musik. Zumal ich mich damals ja ausgiebig mit der historischen Aufführungspraxis beschäftigen konnte. Dabei habe ich mehr als 50 Uraufführungen geleitet. Ich werde aber auch als Spezialist für Strauss genannt, für Mahler, Wagner, Schubert, Schumann, für Mendelssohn, Beethoven und Händel. Dabei bin ich aber auch niemand, der alles dirigiert. Ich muss das Gefühl haben, dem Publikum etwas vermitteln zu können.

Was hat Sie bewogen, derart akribisch nach Originaleditionen zu suchen?

Ich glaube inzwischen, dass ich in meinen Schriften viele Fragen anspreche, die hilfreich sind, dem Original auf die Spuren zu kommen. Auch in meiner Mitarbeit bei Noteneditionen ist das sinnvoll, denn wissenschaftliche Ausgaben müssen ja auch praxistauglich sein.

Wie war das beim Bayreuther „Parsifal“, den Sie 2016 vergleichsweise kurzfristig übernommen hatten?

Da musste ich ja innerhalb eines Tages mit den Proben beginnen. Meine Bedingung war, dass ich mit eigenem Notenmaterial kommen kann, in dem alle Erkenntnisse, die ich bis dahin hatte, eingeflossen waren. Erst 2017 nahm ich mir dann noch die Zeit, zusätzlich ins Archiv zu gehen und die Uraufführungspartitur im Original zu studieren. Das konnte ich dann mit dem Orchestermaterial der Uraufführung vergleichen, ein Aha-Erlebnis, denn Wagner unternahm ja während der Proben noch einen zweiten kreativen Schritt. Das darf man nicht außer Acht lassen.

War dieses späte Debüt auf dem Grünen Hügel eine Art Genugtuung für Sie? Vielleicht auch die Wahl zum Dirigenten des Jahres 2017?

Ich hatte Bayreuth eigentlich vollständig für mich abgeschrieben. Dann lag da plötzlich diese Last auf mir, der ich mich gern gestellt habe. Wohl wissend, dass die ganze Welt darauf schaut. Umso schöner dann diese Auszeichnung, mit der ich ja in einer sehr illustren Reihe stehe. Damit wurde nicht nur mein „Parsifal“ geehrt, sondern ausdrücklich meine ausländische Arbeit. Und zwar nicht die in Amsterdam, sondern die in Lyon, wo ich ja auch mit einer Dresdner Arbeit, der „Elektra“ nach Ruth Berghaus, in Erscheinung getreten bin. Eine der bewährtesten Produktionen. Nach der ersten Probe wusste ich, das wird ein Erfolg.

Wenn Sie nun 75 Jahre alt werden, wird da ein erstes Resümee gezogen? Oder eher ein Zwischenergebnis mit dem Aufbruch zu neuen Ufern?

Ich habe natürlich Pläne. Wenn Körper und Geist mitmachen, würde ich das schon noch gern tun wollen. Selbst wenn ich plötzlich nicht mehr dirigieren könnte oder nicht mehr eingeladen werde, fällt mir immer noch genug ein, was ich tun will. Solang der Kopf funktioniert. Nicht zuletzt habe ich acht Enkel, die sich freuen würden, mehr von mir zu haben.

Zur Person

geboren am 21. März 1943 in Dresden

Mitglied des Kreuzchors unter Rudolf Mauersberger

studierte Dirigieren und Gesang an der Musikhochschule Dresden

erste Anstellung an der Robert-Franz-Singakademie Halle sowie der Halleschen Philharmonie

Verpflichtungen an der Dresdner Philharmonie, der Komischen Oper und der Staatsoper Berlin, 1976-79 Chefdirigent der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin

ab 1980 Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, 1985 Professur

1986-99 Generalmusikdirektor der Niederländischen Oper

1986-2002 Chefdirigent der Niederländischen Philharmonie

Gastdirigent u.a. in London, Paris, Madrid

etwa 135 Einspielungen für Schallplatte und CD

diverse Publikationen über Interpretationsfragen sowie zu Persönlichkeiten wie Gustav Mahler u.a.

Von Michael Ernst

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