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01:00 18.05.2017
Rätselhafte Attentäter in Paris: Ein Revolutionär hinter seiner Maske. Quelle: Foto: Realfiction
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Hannover

Mitten in Paris explodieren mehrere Bomben. Symbolträchtige Gebäude und prominente Plätze werden getroffen. Die Stadt ist in Panik. Alsbald beginnt das übliche Ritual der Krisenbewältigung, wie wir es jetzt schon seit Jahren kennen. Diese Szenen stehen im Mittelpunkt des Films „Nocturama“, den der französische Regisseur Bertrand Bonello inszeniert hat. Parallelen zu realen Ereignissen (nicht nur) in Paris drängen sich auf, das Verblüffende aber ist: Der Regisseur hat das Drehbuch zu seinem rätselhaften Film bereits 2010 geschrieben. Dabei wurde er nach eigener Aussage angetrieben von dem allgemeinen Gefühl, dass jederzeit „alles in die Luft gehen könnte“.

Die Motive bleiben im Dunkeln

Doch wer steckt im Film hinter den Anschlägen? Keine herkömmlichen Terroristen oder mörderischen Revoluzzer, sondern eine Gruppe junger Leute unterschiedlicher sozialer Herkunft, die auf den ersten Blick nichts verbindet. Deren Motive bleiben im Dunkeln. Womöglich rebellieren sie einfach aus einer unbestimmten Wut heraus gegen das System. Zu Anfang sieht man die Jugendlichen, wie sie sich allein oder zu zweit scheinbar ziellos durch die Stadt bewegen. Gelegentlich begegnen sie sich, tauschen verschwörerische Blicke aus. Selten fällt ein Wort. Alle wirken angespannt, nervös.

Was die Gruppe antreibt, wird erst deutlich, als die Jugendlichen nach etwa einer halben Kinostunde Plastiksprengstoff deponieren. Nach knapp einer Stunde entlädt sich die im Film überzeugend aufgebaute Spannung in Explosionen, die mittels Split Screen gezeigt werden – was ihre Wirkung noch verstärkt. Dann scheint ein anderer Film zu beginnen. Aus dem Thriller wird ein tragisches Jugenddrama, das aber auch witzige Momente enthält. Einer der jugendlichen Täter ruft zwischendurch seine Mutter an, ein anderer geht zum Rauchen konsequent vor die Tür.

Die jugendlichen Attentäter verstecken sich in einem wegen der Anschläge geräumten Luxuskaufhaus. Dort wollen sie ausharren, um danach in ihr gewohntes Leben zurückzukehren. Doch dann kommt es anders: In ihren Gesprächen fallen anfangs noch irgendwie antikapitalistische Phrasen, doch die Verführungskraft des Konsumtempels erweist sich als stärker. Bald führen sich die Rebellen auf, als wären sie im Schlaraffenland. So mächtig ist ihre Freude an den schönen, teuren Waren. Und dann schlägt das von ihnen bekämpfte System zurück.

Die Gewalt verpufft im Leeren

All das beschreibt dieser mysteriöse Film, ohne zu bewerten, zu erklären oder einzuordnen. Dennoch wird die Tragik der jungen Leute, die wohl für einen großen Teil ihrer Generation stehen sollen, spürbar. Die gewalttätige Rebellion verpufft ziellos im Leeren. Und wird besiegt von der schönen, verhassten und gleichzeitig so geliebten Warenwelt.

Von Ernst Corinth / RND

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