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Kultur Weltweit Das aktuelle Kursbuch stellt die Frauenfrage
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17:01 09.01.2018
Peter Felixberger, Armin Nassehi (Hrsg.): Kursbuch 192. Frauen II. Murmann Verlag; 184 Seiten, 19 Euro Quelle: Murmann Verlag
Leipzig

„Und hier sind die allesamt männlichen Nominierten ...“ Mit diesen Worten präsentiert Schauspielerin Natalie Portman bei der Verleihung der Golden Globes zum Wochenbeginn die Auswahl der besten Regisseure. Der Satz ist so gewöhnlich, wie es ungewöhnlich ist, ihn zu hören. Denn nominiert sind (wie so oft) ausschließlich Männer, und genau darauf weist Portman mit ihrem „… here are the all-male nominees“ ausdrücklich hin. Hollywoods Frauen feiern die Gala mit Kampfansagen, machen sie zur Demonstration gegen Sexismus, Missbrauch und Benachteiligung. Das steht im Zusammenhang mit der #MeToo-Bewegung – hat aber mit einer weiter zu fassenden Realität zu tun.

Das letzte Aufbegehren in der Bundesrepublik ist schon ein paar Jahre her, so etwa 50. „Damals haben linke Aktivisten und Denker den Marsch durch die Institutionen ausgerufen und sich schon bald Schlüsselpositionen gesichert in Kunst, Kultur, Medien und Politik.“ Glaubt Alexander Dobrindt. Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe nimmt die „lautstarken Sprachrohre einer linken Minderheit“ zum Anlass, eine „neue, konservative Bürgerlichkeit“ zu fordern, am besten gleich eine „konservative Revolution“, die auf die „linke Revolution der Eliten“ folgt. Damit hat er viel ausgelöst, die Suche nämlich nach einer „linken Revolution der Eliten“ oder zumindest Spuren davon, die nicht von den Turnschuhen Joschka Fischers stammen.

50 Jahre 1968

Dazu erscheinen 50 Jahre danach etliche Bücher. Das von Katharina Picandet herausgegebene Album „1968 – Bilder einer Utopie“ zum Beispiel (im März in der Edition Nautilus). Oder Peter Cardorffs „Der Widerspruch. 49 Arten, 68 ein Loblied zu singen“ (April, Mandelbaum). Oder Gretchen Dutschkes „1968. Worauf wir stolz sein dürfen“ (März, Kursbuch Edition). Oder Wolfgang Kraushaars 100-Seiten-Broschüre „1968“ (März, Reclam) mit einem politischen Fazit, in dem auch die „Revolte der Frauen“ eine Rolle spielt.

Hinter der sogenannten Frauenfrage ist noch lange kein Punkt, aber alle Jahre wieder ein Ausrufungszeichen. So passt es diesmal perfekt: Das „Kursbuch“, als Kulturzeitschrift vier Mal im Jahr ohnehin nah am Zeitgeist, liefert mit der Ausgabe „Frauen II“ für öffentliches Denken über Macht und Ohnmacht ein Rüstzeug, das nicht nur Dobrindt ins Diskurs-Mäppchen gelegt werden darf.

Der quasi erste Teil dieser „Kursbuch“-Ausgabe ist 1977 erschienen und hieß „Frauen“. Es war im Jahr, als die Zeitschrift „Emma“ gegründet wurde. 28 Jahre nach Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, zwei Jahre nach Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“, drei Jahre nach dem Roman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ von Irmtraud Morgner.

Antiquarisch für 2,50 Euro zu haben: Die Kursbuch-Ausgabe 47 aus dem Jahr 1977. Quelle: booklooker.de

Nun, 40 Jahre später, kommen wieder ausschließlich Frauen zu Wort (abgesehen vom Editorial des Mitherausgebers Armin Nassehi). Sie sind Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, Journalistinnen, schreiben über Debatten, Identitäten, über Lebenswelten von „rechten Frauen“ in der Vergangenheit und vor allem in der Gegenwart, über „weibliche Modelust und männlichen Modefrust“, Geschlechterforschung und das „trügerische Emanzipationsideal“ geteilter häuslicher Pflichten. Es sei falsch, „dass man die Schule beenden kann, ohne zu lernen, wofür Feministinnen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten gekämpft haben“, findet Margarete Stokowski. Shila Meyer-Behjat stellt die persische Feministin Tahiri vor.

Sonja Zekri nennt in ihrem „Brief einer Leserin“ die Forderung nach Einbindung der Männer in die Gleichberechtigungsbemühungen „nach wie vor aktuell“, den Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen und weiblicher Not „nach wie vor quälend“.

Frauen spielen auf der auf der Klaviatur männlicher Dominanz

Das Nach-wie-vor des Aufbegehrens „gegen die Macht von Männern“ (Oprah Winfrey bei der Golden-Globe-Gala) lässt sich bestens ablesen im einzig noch einmal abgedruckten Essay aus dem Jahr 1977: „Power Frauen! Eine Ansprache“. Die Schriftstellerin Karin Reschke, Jahrgang 1940, rückt darin einiges gerade, hinterfragt mit Biss Alice Schwarzers „Kleinen Unterschied ...“. Es will ihr „nicht in den Kopf, dass der sexuelle Status die Ausgangsposition für das proletarische Elend der Frau an sich ist“. Reschke argumentierte seinerzeit: „Zwischen meinem Kopf und meinen Handlungen liegt immer der Teil der Welt, in dem ich lebe, mich bestimme und bestimmt werde, mich gegen Vorurteile, Unterdrückung und Ausbeutung wehre, dabei aber an einem Strick ziehe mit Mann, Kindern, Freunden und Freundinnen.“

Heute erinnert sie der Fassaden-Streit um einen Vers des Schweizer Dichters Eugen Gomringer „an Feminismusdebatten aus den 70er Jahren“. Wenn Studentinnen das Gedicht von der Wand der Berliner Alice-Salomon-Hochschule entfernen wollen, weil es „eine klassische patriarchalische Kunsttradition“ vertrete, dann hat sich nicht nur in Männerköpfen zu wenig bewegt.

Frauen, schreibt Reschke, „spielen inzwischen auf der Klaviatur männlicher Dominanz“. Und: „Sehr geehrte Bürger*innen“ heiße es heute amtlich. „Frau und Amtsbürger holen die Sternchen aus dem Rechner und beweisen der Mehrheit im Lande, welch guter Geist sie gemeinsam vorantreibt.“ So ähnlich war das Anfang der 90er, als die mit Irmtraud Morgners Romanen aufgewachsene DDR-Bürgerin sich plötzlich mit einem großen I als Teil der BürgerInnen zufriedengeben sollte. Heute werden eben Sternchen vom Himmel geholt. Verständnis einzufordern, setzt ein Selbstverständnis voraus. Sonst ist die Rolle der Frau immer wieder eine Rolle rückwärts.

Niemandem ist geholfen, wenn – wie jetzt an der Oper in Florenz – am Ende nicht Carmen von ihrem Ex-Liebhaber Don José getötet wird, sondern sie ihn erschießt. Dass Künstlerinnen nicht von der Macht eines Mannes im Bademantel abhängig sind – darum geht es. Und darum, dass sie so gut bezahlt werden wie der männliche Kollege. Das Normalität nennen zu können, ginge ja fast schon als Revolution durch. Und nach wie vor nicht als konservative.

Peter Felixberger, Armin Nassehi (Hrsg.): Kursbuch 192. Frauen II. Murmann Verlag; 184 Seiten, 19 Euro

Von Janina Fleischer

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