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Kultur Weltweit Dahin gehen, wo es weh tut
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16:54 07.06.2017
Blick auf einen Vorhang aus Rentierschädeln der Künstlerin M. A. Sara auf der documenta 14 am 07.06.2017 in der Neuen Neuen Galerie in Kassel (Hessen). Quelle: dpa
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Kassel

An den Stränden Griechenlands hat Guillermo Galindo die Überreste von Flüchtlings-Booten eingesammelt - und sie zu   Musikinstrumenten umgebaut. Was wertlos war, bekommt ein zweites Leben geschenkt dank Saiten, Trommel und Glockenspiel. Die Arbeit des mexikanischen Künstlers ist typisch für die documenta 14: Sie verbindet Athen und Kassel, die beiden Standorte der Kunstschau. Und sie beschäftigt sich mit Flucht und Migration, einem der zentralen Themen, die der künstlerische Leiter Adam Szymczyk in den Mittelpunkt seiner documenta gerückt hat.

Klicken Sie hier, um die Documenta 14 auf einem virtuellen Rundgang in einer Bildergalerie zu erleben.

Nicht weniger als „ein Schritt auf dem Weg in eine Welt, in der wir leben wollen“, so versteht er die alle fünf Jahre stattfindende Kunstschau, wie er im „Reader“ zur Ausstellung schreibt. Am Mittwoch war die documenta in Kassel erstmals für Fachbesucher zugänglich, am Samstag wird sie für das Publikum geöffnet. Worum es geht, wurde bei der mehr als zwei Stunden dauernden Pressekonferenz überdeutlich: die documenta will die großen Themen, Fragen und Probleme anpacken. Es gelingt ihr nur zum Teil.

Künstler im Kampf gegen die Übel der Welt

Manches scheint nur ausgewählt, um Künstler in ihrem sicherlich ehrenvollen Kampf gegen die Übel der Welt zu unterstützen: gegen die Unterdrückung von Minderheiten (Masken kanadischer Ureinwohner), gegen die Rentier-Jagd in Norwegen (ein gestickter Wandteppich mit Jagdszenen), für die Wiederentdeckung traditioneller Produktionsweisen (Indigo-gefärbte Textilien aus Afrika), für die Frauenbewegung (politische Plakate aus Pakistan). Es geht um die Botschaft - das Künstlerische scheint zweitrangig. 

Ein hässlicher Betonklotz wird der Hautpanziehungspunkt

35 Orte listet der offizielle documenta-Stadtplan auf. Die Location, die sich mit Sicherheit zum Hauptanziehungspunkt entwickeln wird, ist die ehemalige Hauptpost, die während der documenta zur „Neuen neuen Galerie“ wird. Von außen ist das Postgebäude ein erschreckend hässlicher Betonklotz in einem eher uncharmanten Teil der Stadt. Szymczyk ist bewusst hierher gegangen mit der documenta, so wie er auch nach Athen gegangen ist: dahin, wo es weh tut - thematisch ebenso wie geografisch. 

Auf zwei Etagen entfaltet die documenta hier die Wucht, die man sich von einer Ausstellung dieser Größenordnung und Bedeutung erhofft. Wo früher Lastwagen be- und entladen wurden, sind hinter hochgezogenen Rolltoren kleine Kabinette entstanden. Im ersten Stock wechseln sich große Flächen für Performances und kleinteilige für Bilder und Fotos ab. In Nebenräumen und Büros laufen Videoarbeiten. Auch hier herrscht keine heile Welt - ein Raum verstört mit Filmen beinamputierter Männer -, aber die Themen sind vielfältiger und die raue Location gibt den Arbeiten Kraft.

Bilder aus Athen, die aus Geldmangel nicht gezeigt werden konnten 

Im Fridericianum werden Kunstwerke gezeigt aus der Sammlung des Museums für zeitgenössische Kunst aus Athen, das mangels Geld nie eröffnet wurde. Viele Arbeiten sind schon älteren Datums: Bilder, aus denen eine Haut herauszuwachsen scheint aus den 60ern; eine Installation mit am Strand zurückgelassenen Koffern und Kleidern aus den 70ern; ein zimmerfüllender Abakus aus den 80ern. Unter der Treppe ein Panzer aus Polstern, Stacheldrahtrollen in Stahlregalen werden zu einer Akropolis der Ausgrenzung.  

Einige Arbeiten berühren unmittelbar, ohne dass sie sich einer klaren Botschaft unterordnen müssen, etwa der von Mona Hatoum aus Beirut gebaute Raum mit Schrott aus einer Fabrik, durch die flackerndes Licht wabert. Aber mit vielem wird der Besucher allein gelassen, Hintergrundinformationen über die Künstler oder gar Interpretationshilfen zu den Werken gibt es nicht. „Die große Lektion hier ist, dass es keine Lektion gibt“, machte Szymczyk bei der Pressekonferenz am Mittwoch unmissverständlich deutlich. 

Statt dessen will er den Besucher beteiligen. Man darf auf einer leeren Bühne was-auch-immer performen, unter Anleitung des Spaniers Mattin vorgegebene Bewegungen spiegeln oder – ganz praktisch – ein Buch für Marta Minujins „Parthenon der Bücher“ spenden. Man darf sogar mit Konsum zu einer besseren Welt beitragen: man kann Kleider und Schuhe bei Irena Haiduk aus Belgrad kaufen oder schwarze Seife, die Otobong Nkanga aus Nigeria in Athen anfertigen lässt und in Kassel verkauft. Die documenta soll „eine Erfahrung“ sein, sagt Szymczyk. Ab Samstag darf jeder 100 Tage lang seine eigene machen.

Von Sandra Trauner, dpa

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