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Kultur Weltweit Da ist er, der verschwundene Gisbert zu Knyphausen!
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20:00 27.10.2017
Keine Lieder über Trump und Erdogan: Gisbert zu Knyphausen erzählt nach langen Jahren des Rückzugs wieder Geschichten von Einsamen, Verlassenen und Liebenden. Quelle: dpa
Hannover

Ein Pfeifen sticht ins Ohr, lange, ein bisschen schmerzhaft. So also wird ein Album geboren, erblickt das Licht dieser Welt mit dem ersten Ton des ersten Songs, und heißt denn auch so. „Du hast den Schlüssel in der Hand und in der anderen die Tasche und fragst: Kommst du mit?“ singt Gisbert zu Knyphausen zu Beginn von „Das Licht der Welt“. Im Auto geht es raus aus der Stadt, irgendwie scheint’s ein Davonfahren zu sein. Auf die Frage des Sängers, wo es denn hingehe, schweigt die Fahrerin und dreht das Autoradio lauter. Eine eigenartige Geschichte, dieses Lied „Niemand“, in dem der Sänger das Licht, das tief in seiner Liebsten scheint, beschwört und ihm folgt wie die lichtverliebte Motte. „Es dauert langt, bis man lernt, ein Niemand zu sein“, singt er. Statt viele Optionen zugleich leben zu wollen und in ewiger Unentschiedenheit zu verharren. Gisbert zu Knyphausen hat eines der Hauptleiden des Menschseins erkannt und das hübsch beschrieben, wohltuend frei von der heutzutage so angesagten sprachbeliebigen Deutschheulsusigkeit all der Emo-Barden, die Jan Böhmermann jüngst durch den Kakao gezogen hatte.

Ein Liederbuch voller Traurigkeiten

„Das Licht der Welt“ enthält viele kleine Beobachtungen. In den Texten stapeln sich die Eleanor Rigbys unserer Gegenwart geradezu. Ein Liederbuch voller Traurigkeiten, Einsamkeiten, voller mitten im Leben hängen gebliebener und vergessener Menschen, die bei Best-of-Zusammenfassungen von „Wetten, dass …?“ vorm Fernseher grau werden und Weihnachten noch mal von den Kindern besucht werden, bis sie sterben – wie im Lied „Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand“. Gesungen wird das mit leicht heiserer, melancholischer Stimme, bedächtig aufgeführt im zarten Bandformat – vorzugsweise langsam, leise. Posaunen finden sich auf dem Album, Trompeten, Vibraphon, sogar Synthesizer. Vorbei die allzu spröde Akustikgitarrenliedermache.

Naja, nicht ganz: In „Unter dem hellblauen Himmel“ geht es zur bewährten Klampfe um die ersten Küsse, die Leichtigkeit und Freiheit des Lebens. Ein Junge, ein Mädchen, Lachen, Küsse. Dann Mütter, Babys und deren Sternenaugen – Lebenssinn. Das findet sich eben auch im Knyphausen-Kosmos, wobei um die Ecke schon wieder die von Widersprüchen Zerrissenen vor Supermärkten nörgeln und pöbeln, der Sommer als zu kurz konstatiert wird und in den Krankenhäusern toderträumende Menschen jahrein jahraus an den Kabeln und Schläuchen der Maschinen ihre Herzen schlagen sehen, obwohl aller Lebensmut längst versiegt ist.

Rückzug nach dem Tod von Nils Koppruch

Es ist das erste Album seit sieben Jahren. Solche Pausen machen die Rolling Stones, Phil Collins oder U2, aber sie sind zumeist karrieretödlich lange für relative Newcomer wie Knyphausen, der 2010 erst sein zweites Album veröffentlicht hatte. Dann war da noch Kid Kopphausen, ein Projekt mit Nils Koppruch von der Johnny-Cash-artigsten deutschen Countryband Fink, der aber kurz nach der Veröffentlichung des Debüts 2012 starb. Daswarf ihn aus der Bahn. Reisen. Fluchten. Eine Weile Leben in Frankreich. Ein bisschen Bassmann-Sein bei Olli Schulz folgte, für den er auch produziert hat. Genug für eine Zeit der Besinnung. Nicht jede Musikerlaufbahnen wird im klassischen Album-Tour-Rhythmus gedacht. Man wird kreativ, wenn die Kunst drängt und versteckt sich als Musiker bei anderen, wenn die Musen im Winterschlaf sind. Wer ist stiller, versteckter als der verlässliche Bassist, der mit dem Schlagzeuger für den Groove sorgt, auf dem dann die Gitarristen, Pianisten, Sänger tanzen?

Versuche in englischer Sprache

Zwei Songs singt Knyphausen auf Englisch, „Teheran Smiles“ über die unerwartete Lebensfreude der Leute in der iranischen Hauptstadt und „Cigarettes Citylights“ über die Sehnsucht nach dem Irgendwo-Ankommen. Kommt gut, kein Akzent. Das hat er sich früher schon einmal getraut, dann aber wieder verworfen, weil er glaubte, zu sehr seinem Helden Tom Waits nachzueifern. Diesmal hat Knyphausen sich, wie er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk verriet, eher an den Songs der stilistisch weitgreifenden Americana-Band Wilco beziehungsweise derem Songwriter Jeff Tweedy orientiert. Das merkt man nicht unbedingt: Eine wattierte Trompete und ein lässiges Pfeifen zum Ausklang sorgen für eine sanfte Brise dessen, was man früher mal Easy Listening nannte.

Es wird auch mal lauter: In „Keine Zeit zu verlieren“ klimpert ein Rock’n’Roll-Piano, eine Gitarre maunzt, ein Flamencorhythmus rappelt. Alles ist auf Zeit, jeder ist eine Welt, die für immer verloren geht mit dem Tod, davon handelt das Stück. „Wir sind alle hier, auch wenn uns niemand braucht“, kommt Knyphausen mit Trotz. Er schlüpft in „Kommen und Gehen“ in einen Neunzigjährigen, der „zittrige Hände und einen Kopf voller krummer Ideen hat“. Es ist die vielleicht eindringlichste Short Story hier, das tiefscheinendste „Licht der Welt“: „Meine geliebten Erinnerungen, wo wollt ihr denn ohne mich hin?“ fragt der verlöschende Protagonist zu einem in Moll murmelnden Klavier.

Ein Hoch auf die Bremer Stadtmusikanten

Aber man wird nicht auf den Grund eines schwarzen Brunnens gezogen, mit „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, singt der Hamburger Hanseat, der nach Berlin zog, das Credo der Bremer Stadtmusikanten und zieht uns wieder ein gutes Stück nach oben. Koppruch hatte dieses Stück noch angefangen vor seinem Tod, Knyphausen hat’s vollendet. Und dieser Song rockt dann richtig, er schüttelt seine Mähne, wirft die Beine. So geht’s auch.

Man hatte Gisbert zu Knyphausen vielleicht etwas politischer erwartet, weil Liedermacher früher automatisch politisch wurden, wenn die Zeiten voller Menschenverächter wie Erdogan, Orban, Trump, und Kim Jong-Un waren, auch weil ja die Rechten florieren wie seit 72 Jahren nicht mehr. Er habe schon politische Ansichten, sagte Knyphausen jüngst, nur hätten die noch nicht zu vernünftigen, politischen Songs geführt. „Kommst du mit?“ fragt er uns trotzdem. Ja doch, man hat Lust. Weil er Herz zeigt, seine Hörer zu nichts verpflichtet und nicht mit Gefühlsduseleien handelt. Und weil er recht hat: „Kaum ist die Nabelschnur ab“, singt er, „schon stehen wir auf dem Schlauch.“ Genauso isses.

Gisbert zu Knyphausen: „Das Licht der Welt“ (PIAS)

Von Matthias Halbig / RND

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