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Kultur Weltweit „Bullyparade“ – Ein bisschen Space muss sein
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15:00 15.08.2017
Nein, das ist nicht der Schuh des Manitu: Schrotty (Rick Kavanian, v. l.), Mr. Spuck (Michael Herbig) und Captain Kork (Christian Tramitz) bei einer Weltraum-Räuberleiter. Quelle: Foto: Warner
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Manche Regisseure halten das Filmemachen für eine eher martialische Angelegenheit. Sich selbst sehen sie dabei in der Rolle eines Feldherren, der einsame Entscheidungen über Wohl und Wehe der Kunst trifft: „Ein Film ist wie ein Kriegsschauplatz: Liebe, Hass, Action, Gewalt, Tod“, hat US-Regisseur Sam Fuller mal gesagt. Also ein ziemlich extremes Unterfangen. Es gibt aber auch Kollegen, die Kino als reine Spaßveranstaltung betrachten. Ganz oben auf der Liste der Spaßvögel steht Michael „Bully“ Herbig. Bei ihm handelt es sich sozusagen um einen Kino-Pazifisten, der niemandem wehtun möchte. Hauptsache freundlich: So lautet die Devise für die Filme mit seinen Kumpels Rick Kavanian und Christian Tramitz.

Demokratischer Filmemacher Herbig

Herbig ist aber nicht nur ein friedliebender, sondern auch ein demokratischer Filmemacher. Nach seinem Sensationserfolg „Der Schuh des Manitu“ ließ er im Internet darüber abstimmen, ob er einen zweiten Teil nachlegen soll – dann folgte nach einer Mehrheitsentscheidung „(T)Raumschiff Surprise“. Für „Wickie“ castete er seine Schauspieler in einer Fernsehshow. Und nun hat er für die „Bullyparade“ vorab über Facebook abgefragt, welche Figuren aus seiner legendären Fernseh-Comedy die Zuschauer am liebsten wiedersehen würden. So etwas nennt man wohl einen Konsens-Komiker. Man kann aber auch sagen: Es ist herzlich egal, was da am Ende seinen Weg auf die Leinwand findet.

Der Regisseur arrangiert ein Familientreffen

Entscheiden konnte sich Herbig trotzdem nicht, wem er denn nun den Vortritt lassen soll. Vielleicht wollte er auch keine Zuschauerminderheit enttäuschen. Deshalb hat er nun ziemlich viele Charaktere reaktiviert – und dann einen Episodenfilm gedreht. Das geht immer, zumal man sich nicht die Mühe machen und lange über einer abendfüllenden Geschichte brüten muss. Herbig hat ganz einfach ein Familientreffen arrangiert: Winnetou auf Freiersfüßen, Kaiser Franz und seine Sissi im Spukschloss, Captain Kork mit Spuck und Schrotty auf dem Planet der Frauen („PDF“), Dauerstudent Lutz an der Wall Street und die sächsischen Brüder Kasirske auf Zeitreise zurück ins Jahr 1989 – sie alle tun mit bei dem geballten Blödsinn.

Nur der arme Wickie darf nicht mitspielen. Die anderen bekommen ihr Viertelstündchen Zuneigung und verschwinden dann auf Nimmerwiedersehen. Eine Verlinkung der Geschichten hat Herbig erst gar nicht angestrebt, das wäre dann ja womöglich ein richtiger Kinofilm geworden und keine Abfolge von Sketchen. Und dann beginnen die Verkleidungsalbernheiten mit Perücken, falschen Bärten und Schlafanzug-Kostümen.

Perfektionierung des Schmarotzer-Prinzips

Mit seinen Parodien hat Herbig das Schmarotzer-Prinzip zur Perfektion entwickelt. Er borgt sich die Bekanntheit von Originalfiguren aus und macht sie zu liebenswerten Idioten. Als Neuzugang darf zum Beispiel der Zahnarzt aus Quentin Tarantinos Western „Django Unchained“ mitmachen. Auf der Kutsche von Dr. King Schultz schaukelt jetzt aber nicht mehr nur ein einzelner riesiger Zahn, sondern ein ganzes Gebiss. Es handelt sich eher um eine Hommage als eine Attacke auf den einst von Christoph Waltz verkörperten Kopfgeldjäger. Man will ja nichts Böses.

Das Beste, was man über diese Sketchparade sagen kann: Herbig geht immer noch mit viel Sprachwitz und einer erfrischenden Unbekümmertheit zur Sache. Keinen Moment schert er sich um die Sinnhaftigkeit des ganzen Unterfangens. Gags werden im Eiltempo nachgeladen, so schnell, dass man auf keinen Fall an einem einzelnen hängen bleibt. Der Nonsens hat Methode und ist handwerklich mit viel Gespür gemacht, die Schauwerte sind deutlich besser als in einer TV-Show. Über jeden vierten bis fünften Witz kann man sogar schmunzeln.

Facebook, zwei Follower und die amerikanische Prärie

Gelegentlich spießt Herbig Hirnrissigkeiten unseres Alltags auf und amüsiert sich etwa über nervige Telefon-Warteschleifen; in solchen Momenten ist der Wiedererkennungswert hoch. Aber so subversiv ist es wohl gar nicht gemeint, wenn hier ein Facebock mit zwei Followern durch die amerikanische Prärie trabt oder nach „Zurück in die Zukunft“-Manier Günter Schabowski in der berüchtigten Pressekonferenz der Zettel weggeschnappt wird, bevor er die Öffnung der DDR-Grenze verkünden kann.

Im Abspann, das ist ja schon beinahe eine Manie, werden einige Versprecher von den Dreharbeiten nachgereicht. Manche hätte Herbig genauso im eigentlichen Film belassen können, wäre gar nicht groß aufgefallen. Es geht eben um gar nichts in der „Bullyparade“, die nach Herbigs Worten der Schlusspunkt für diese Art der Parodie sein soll. Hoffentlich meint er wenigstens diese Ankündigung ernst.

Von Stefan Stosch / RND

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