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Kultur Weltweit Der Erzählband „Junge Liebe zwischen Trümmern“
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15:00 26.01.2018
Schreibsüchtig: Der Schriftsteller Hans Fallada (1893–1947) hinterließ ein großes Werk. Jetzt ist ein Band mit Erzählungen und Essays erschienen, die weitgehend unbekannt sind. Quelle: Hans-Fallada-Archiv Carwitz
Hannover

„Der Atem pfiff unheimlich in meine Lunge“, erinnert sich Rudolf Ditzen. Und dann beschreibt er zwei schwarze Einschusslöcher in seiner Brust, „in denen das Blut, bald höher steigend, bald tiefer sinkend, zischte“. Sein bester Freund Hanns Dietrich von Necker liegt ein Stück weiter weg, tot, Opfer eines Scheinduells am 17. Oktober 1911, bei dem die 18-jährigen Duellanten beide ums Leben kommen wollten. Ditzen überlebt schwer verletzt, den toten Freund aber nimmt er danach huckepack durch sein schwieriges Leben mit, als er sich 1920 das Pseudonym Hans Fallada gibt und schließlich - Anfang der Dreißigerjahre – zu einem der berühmtesten Schriftsteller Deutschlands wird.

Reiche Beute für Fallada-Liebhaber

Die höchst dramatische Schilderung dieses Unglücks findet sich - neben 26 anderen nie zuvor in Buchform veröffentlichten Kurzgeschichten, Essays und Skizzen - in dem Sammelband „Junge Liebe zwischen Trümmern“, die sich über Falladas gesamte schriftstellerische Karriere (von den expressionistischen Anfängen) erstrecken. 13 der Texte wurden noch nie gedruckt. Der Fallada-Biograf Peter Walther hat nach diesen Erzählungen aus Tageszeitungen oder dem Nachlass gefahndet. Für die wahren Liebhaber des neusachlichen Romanciers bietet diese Sammlung reiche Beute. Weil Fallada oft die Erfahrungen seines von einiger Tragik aufgewühlten, nach Harmonie sich streckenden Lebens in die Zeilen webt.

Die literarische Qualität der Texte schwankt

Für die vielen Leser aber, die erst seit der erfolgreichen Neuausgabe seines Widerstandromans„Jeder stirbt für sich allein“ zum Kreis der Fallada-Freunde zählen, ist der Band keine Pflicht. Die kleine Form beherrscht Fallada nicht so gut wie den Roman, zeitlebens hat immer wieder selbst eingeräumt, in die Breite erzählen zu müssen, um richtig gut zu sein. Vieles ist eilig, flüchtig, so als gehöre es eigentlich in einen Fallada-Roman und habe keinen gefunden oder sei wieder aus einem rausgeflogen. Die literarische Qualität schwankt, manchmal schmerzt der Kitsch, aber es sind auch kleine Juwelen zu finden. Wie die unheimliche Begegnung des Ich-Erzählers mit einer nekrophilen Bestatterin („Die Bucklige“) oder die Titelgeschichte, in der sich die Sehnsucht des Dichters nach persönlichem Glück wiederfindet -die Flucht ins Private, die schon sein Weimarer Angestelltenepos „Kleiner Mann, was nun?“ geprägt hatte.

Die Angst, anderswo zu verstummen

Als ihn ein Denunziant 1933 hinter Gitter brachte, offenbarte sich dem soeben erst berühmt gewordenen Fallada die Willkür und Allmacht des Naziregimes. Wer hierblieb, war ausgeliefert. Zum Exil fehlte ihm jedoch der Mut, die Angst, anderswo zu verstummen, hielt ihn im Hitlerland. Und so schmuggelte lieber zu Hause sanften Widerstandsgeist in seine Bücher. Seine Helden standen gegen die menschenverachtende Ideologie der Diktatur, im nazifreundlichen Ende, das Goebbels für Falladas „Eisernen Gustav“ einforderte, verwandelte der Dichter seine bisherigen Sympathieträger mit deren Hinwendung zur NSDAP grob schnitzend in Unsympathen. In den hier versammelten Weltkriegsgeschichten wie „Das EK Eins“ oder „Vom Entbehrlichen und vom Unentbehrlichen“ nun hält er dem Goebbels’schen Druck, mitzutrommeln, stand. Der Sinn des Krieges wird infrage gestellt. Der vermeintlich unersetzliche Soldat an der Front ist – so Falladas Fazit - wirklich unersetzlich als Ehemann, Vater, Kind, bester Freund.

„Ich muss ja einfach“ – Der Zwang zu schreiben

Mulmig war ihm öfter, dass es ihm im Dritten Reich ergehen könnte wie dem Pferd aus dem Märchen von der „Gänsemagd“, nach dem er sich benannt hatte: „Oh Falada, da du hangest!“ Aber nicht zu schreiben, auch nur wenige Tage, kam für den Alkoholiker, Morphinisten, Schreibsüchtigen nicht in Frage: „Schreibe ich denn diese Bücher?“ fragt Fallada in dem längeren Essay „Meine lieben jungen Freunde“, das er für 1945 für den literarischen Klub seines ältesten Sohnes Uli verfasst. „Es schreibt sie in mir“, gibt er als Antwort. „Ich muss ja einfach.“

Hans Fallada: „Junge Liebe zwischen Trümmern“, Aufbau-Verlag, 298 Seiten, 20 Euro

Von Matthias Halbig / RND

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