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Kultur Weltweit Buchmesse: Ein Appell an ganz Europa
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08:24 21.10.2016
Großer Andrang: Das Fachpublikum stöbert auf der Frankfurter Buchmesse. Samstag und Sonntag können alle die Trends des neuen Jahres erforschen. Quelle: dpa
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Frankfurt

Ein weiter Horizont, unverstellter Blick bis in die Ferne. Blauer Himmel, Meer und Strand. Eine Leinwand der Frankfurter Buchmesse, hinter der sich Bücherregale abzeichnen, zeigt die offene Flachlandschaft von Flandern und den Niederlanden. Erstmals ist kein Land, sondern ein Sprachraum Gast beim Branchentreffen, zu dem bis Sonntag 7000 Aussteller und rund 275.000 Besucher erwartet werden. „Dit is, wat we delen“ (Dies ist, was wir teilen) lautet das Motto, das in diesen Tagen als Appell für ganz Europa und darüber hinaus gelten kann, Gemeinsamkeiten zu finden und Grenzen zu überschreiten. Die Veranstaltungsreihe „Weltempfang“ sekundiert und untersucht in Diskussionen zum Beispiel, wie Zuwanderung die literarischen Geschichten einer Nation verändern können.

Zum Beispiel die von Bodo Kirchhoff. Der frisch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Autor wehrt sich auf der Messe im Gespräch mit Lothar Müller von der „Süddeutschen Zeitung“ allerdings leicht ruppig dagegen, mit seiner Novelle „Widerfahrnis“ ein Buch zur Flüchtlingsdebatte geschrieben zu haben. „Es geht mir eher um den Einbruch des Außen ins Private.“ In dem Zeitpunkt, als sein Protagonistenpaar auf seinem Road Trip nach Süddeutschland in einer Pension einkehrt, stößt es auf ein Flüchtlingsmädchen.

Reges Treiben herrscht zwischen den Buchregalen der Frankfurter Buchmesse. Quelle: dpa

Der Autor erklärt: „Es schläft auf dem Sofa, und so bleibt Mann und Frau nur das Ehebett. So beschleunigt das Mädchen die Liebesgeschichte der beiden. Es nervt mich, wenn immer alle sagen, unser Land wird sich durch die Flüchtlinge nicht verändern. Natürlich wird es das. Und dazu wollte ich eine ganz einfache Geschichte erzählen.“

Friedenspreisträgerin beklagt Exhibitionismus der Kaltherzigkeit

Im Anschluss spricht Carolin Emcke, aktuelle Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, über ihre Motivation für das Buch „Gegen den Hass“: „Mit wachsender Beunruhigung beobachte ich eine Verschiebung in der Gesellschaft.“ Angesichts von Pegida und AfD verzeichne sie einen „Exhibitionismus der Kaltherzigkeit“. Es sei cool, sich im öffentlichen Raum schäbig über andere zu äußern, und für Gastfreundschaftlichkeit müsse man sich plötzlich schämen. Emcke sagt: „Ich finde diesen Zustand der Verrohung inakzeptabel. Schreiben ist meine Form, mich einzubringen.“

Ein weiteres großes Thema in Frankfurt ist die Verknüpfung von analogen und digitalen sowie von literarischen und spielerischen Welten. Allerorts sieht man Menschen mit Virtual-Reality-Brillen, die sich zum Beispiel vom weißen Kaninchen aus „Alice im Wunderland“ den Weg ins nächste Kapitel zeigen lassen. Auch in dieser Hinsicht ist der Gastauftritt aus Flandern und den Niederlanden vorbildhaft. So können Messebesucher auf dem Innenhof in einem von außen nicht einsehbaren Raum spielerisch selbst zur Figur in dem Comic „Kinky und Cosy“ des flämischen Künstlers Nix werden. Zunächst wird man einer Gehirnwäsche unterzogen, dann kann man seine neue Identität in einer Trainingszone ausprobieren.

Den Rhythmus des Gedichts erfühlen

Aus Amsterdam kommt ein besonders charmanter Beitrag, ein Poesie-Puzzle (“Puzzling Poetry“): „Schau, dort stehen die Dichter bis zu den Knöcheln im Wasser.“ Bis der Spieler diesen Vers aus dem Gedicht des holländischen Dichters Lucas Hirsch zusammen hat, muss er die nach Wortarten sortierten Worte auf dem Ipad an die richtige Stelle ziehen. Für korrekt platzierte Wörter gibt es Punkte, man muss sich also in den Rhythmus des Gedichts einfühlen. Am Ende liest der Poet zur Belohnung sein Werk vor.

Ein Höhepunkt der Messe: die neue Lutherbibel. 70 Experten haben die revidierte Luther-Übersetzung aus dem Jahr 1984 überarbeitet. Quelle: epd

Der Projektmanager Sjoerd van der Linde vom Amsterdamer Studio Louter sagt: „Puzzling Poetry soll jungen Leuten, die gerne spielen, Lyrik nahe bringen und zugleich Poeten international bekannt machen.“ Die App für Ipad oder Smartphone ist kostenlos. Van der Linde hofft auf viele Downloads, um noch mehr Gedichte ins Spiel einbetten zu können. Für die Förderung haben die Niederlande die Töpfe für Literatur und Spielentwicklung zusammengelegt.

Splittersammlung aus inspirierenden Messeerlebnissen

In Frankfurt legt man unwillkürlich eine Splittersammlung aus inspirierenden Messeerlebnissen an: Als eine Vorleserin einen weißbärtigen Messebesucher im Liegestuhl fragt, ob er ein Gedicht hören wolle, sagt dieser mit geschlossenen Augen: „Ich mache gerade selbst eins.“ Der Schriftsteller Cees Nooteboom erzählt, weshalb er gerne die Gräber von berühmten Kollegen besucht („Man hat viele Abenteuer auf Friedhöfen“), eine Halle weiter auf der neuen Bühne des „Spiegel“ verkündet Sibylle Lewitscharoff, dass sie entgegen ihres aktuellen Romantitels „Das Pfingstwunder“ nicht an Wunder glaubt. Und der Verlag Hoffmann und Campe feiert den Literaturnobelpreis für seinen Autor Bob Dylan. Eine andere Form der Grenzüberschreitung.

Von Nina May

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