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20:15 25.05.2018
“Tut mir leid, Dave, das kann ich nicht tun“: Der Bordcomputer HAL 9000 in Stanley Kubricks Meisterwerk “2001: Odyssee im Weltraum“ ist der Prototyp der bedrohlichen KI mit eigener Agenda. Quelle: dpa/MEPL
Hannover

So also kann es enden, wenn man künstlicher Intelligenz zu viel Macht überlässt: Man wird ausgesperrt. Jedenfalls ergeht es dem Film-Astronauten Dave so, der nach einem Ausflug ins All wieder zurück in sein Raumschiff möchte.

Und was antwortet ihm der bordeigene Supercomputer HAL 9000, der nicht zu Unrecht fürchtet, dass ihm wegen seines zunehmend böswilligen Verhaltens demnächst der Stecker gezogen werden könnte? “Tut mir leid, Dave, das kann ich nicht tun.“ Mit Mitleid darf Dave nicht rechnen. Darauf ist sein Gegenüber nicht programmiert. Die Schleuse zur “Discovery 1“ bleibt zu. Dave muss sich in Stanley Kubricks “2001: Odyssee im Weltraum“schon selbst zu helfen wissen.

Andererseits ist das Besondere an HAL ja gerade, dass sich sein elektronisches Innenleben fortentwickelt. Als Dave sich später tatsächlich daranmacht, den mörderischen Bordcomputer abzuschalten, zeigt HAL Zeichen von Angst und singt (zumindest in der deutschen Kinofassung) das Kinderlied “Hänschen klein“. Da ist auch Dave irritiert: Viel menschenähnlicher kann man sich kaum verhalten. Verfügt HAL inzwischen also womöglich über ein eigenes Bewusstsein? Ist er keine mit Big Data gefütterte Maschine mehr, sondern ein intelligentes und fühlendes Wesen?

Verblüffende Aktualität

Diese Frage hat Cineasten ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen von Kubricks Meisterwerk gerade wieder umgetrieben. Christopher Nolan (“Inception“, “Interstellar“), der legitime Nachfolger von Kubrick im Science-Fiction-Genre, präsentierte Kubricks “2001“ beim Filmfestival in Cannes in einer aus dem Originalnegativ erstellten 70-Millimeter-Kopie – und alle wunderten sich über die verblüffende Aktualität, die dieses Werk noch immer ausstrahlt.

Den Begriff “künstliche Intelligenz“ haben Informatiker erst 1956 offiziell eingeführt. Erst seit Kurzem ist es möglich, die Konstruktion des menschlichen Gehirns in sogenannten neuronalen Netzen nachzuempfinden, die in der Lage sind, selbst zu lernen. Filmemacher sinnieren aber schon viel länger darüber, was den Menschen von der Maschine unterscheidet und wie sie in Zukunft wohl miteinander auskommen werden.

Schöne Maschinenfrau: “Metropolis“ von Fritz Lang, 1926 Quelle: Archiv

Von einem gedeihlichen Miteinander erzählen Regisseure dabei so gut wie nie. Ein braver Roboter, der dem Menschen die lästige Büroarbeit abnimmt, gäbe auch kaum einen tragfähigen Filmstoff ab. Schon rein dramaturgisch ist es das Beste, das Schlimmste zu befürchten. So holt der Allmachtswahn die Menschen immer wieder ein: Erst kreieren sie intelligente Wesen, dann werden sie von ihren Kreationen überflügelt. Goethes “Zauberlehrling“ lässt grüßen.

Einen Meilenstein setzte Fritz Lang 1927, als er in “Metropolis“ von der Gefahr erzählte, die Kontrolle über die eigene technische Schöpfung zu verlieren. Heute wird diese Bedrohung mit aktualisierten Bezügen fortgeschrieben: Ob der junge Programmierer Caleb sich wider besseren Wissens in “Ex Machina“ (2015) in die Maschinenfrau Ava verliebt oder der schüchterne Theodore in “Her“ (2013) in ein selbstlernendes Betriebssystem namens Samantha, von dem er nur die Stimme kennt – die Filme reflektieren die Schwierigkeiten der Liebe in digitalen Zeiten.

Was macht den Menschen aus?

Am weitesten hat wohl Ridley Scott die Grenze zwischen Mensch und Maschine aufgelöst. Schon in seinem ersten “Blade Runner“-Film von 1982 fragt sich der Zuschauer immer wieder, ob er nun einen Vertreter seiner eigenen Spezies oder doch einen Androiden vor sich hat – also eines jener Maschinenwesen, auf die Spezialagent Rick Deckard in Gestalt von Harrison Ford Jagd macht. Oder ist Deckard womöglich selbst ein Replikant?

Erst recht kommen wir in Denis Villeneuves im Vorjahr gestarteten Fortsetzung “Blade Runner 2049“ darüber ins Grübeln, was den Menschen ausmacht: Sind es Erinnerungen? Oder lassen sich auch diese überzeugend implantieren? Wo ist der entscheidende Unterschied zwischen dem genetischen und dem binären Code als Grundlage der Existenz? Und welche Lebensform entsteht, wenn ein weiblicher Replikant und ein Mann aus Fleisch und Blut Nachwuchs zeugen? Hat das entstehende Wesen eine Seele – falls denn wir eine haben?

Genetischer Code, binärer Code, was macht das für einen Unterschied? Ryan Gosling begibt sich in “Blade Runner 2049“ auf die Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen. Quelle: CB/Verleih

Wie selbstverständlich geht der Mensch davon aus, dass jede künstliche Intelligenz darauf aus ist, der vermeintlichen Krone der Schöpfung nachzueifern. Steven Spielberg hat diese Vorstellung in seinem süßlichen Drama “A.I.“ (2001) befördert: Da hat der Roboterjunge David keinen größeren Wunsch, als ein Mensch zu werden. Als moderner Pinocchio irrt er durch die Welt, aus der die Menschen ihn verstoßen haben.

Was aber, wenn die Computersysteme ganz andere, eigene Interessen verfolgen? Das Kino hat sich da so seine Gedanken gemacht. Da wird zum Beispiel ein unzerstörbarer humanoider Cyborg, der genauso aussieht wie Arnold Schwarzenegger, in die Vergangenheit geschickt, um die Mutter des zukünftigen Menschheitsretters zu töten. Denn das vom Militär installierte Computernetzwerk Skynet hat in James Camerons erstem “Terminator“-Spektakel (1984) die Menschen als Feind Nummer eins ausgemacht, hat sie in einem Krieg aufeinandergehetzt und dann die Herrschaft übernommen.

Menschen dümpeln in einer Nährlösung

Noch perfider sind die Zustände in der “Matrix“-Trilogie (1999/ 2003): Da dümpeln die Menschen in einer Nährlösung und fungieren nur als Energiespender, während ihnen eine andere Wirklichkeit vorgegaukelt wird. Oder siehe Spielbergs aktuellen Film “Ready Player One“: Die in Apathie verfallenen Menschen des Jahres 2045 ertragen das Leben nur in der virtuellen Realität.

Alles nur Fantastereien? Einstweilen vielleicht, aber gibt der Mensch nicht tatsächlich zunehmend die Kontrolle über sein Leben an selbstlernende Computerprogramme ab? Delegiert er nicht bereits das Autofahren an Algorithmen und überlässt damit Maschinen die Entscheidung, welche Verkehrsteilnehmer in einer brenzligen Situation das größere Überlebensrecht haben? Und was ist mit dem Drohnenkrieg? Wissenschaftler plädieren dafür, autonome Waffen zu verbannen. Sonst sei ein dritter Weltkrieg mit selbstständig agierenden Kampfrobotern womöglich bald keine Science-Fiction mehr.

Wer auch immer darangeht, künstliche Arbeits-, Sex- oder Kriegssklaven zu schaffen, sollte zuvor vielleicht ins Kino gehen. Aber das ist wohl eine naive Vorstellung. Wie sagt Programmierer Caleb in “Ex Machina“, bevor er Ava verfällt: “Eine Maschine zu konstruieren, die ein Bewusstsein hat, ist nicht die Geschichte der Menschheit, es ist die Geschichte von Göttern.“ Womöglich auch die von Teufeln.

Von Stefan Stosch

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