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Kultur Weltweit Beträchtliche Erweiterung des Bestandes zeitgenössischer Kunst in den Kunstsammlungen Chemnitz
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18:06 23.01.2018
Robert Rauschenberg Narcissus/ROCI USA (Wax Fire Works), 1990, Acryl, Lack, Fire wax auf Edelstahl. Kunstsammlungen Chemnitz, Schenkung Céline, Heiner und Aeneas Bastian Quelle: Kunstsammlungen Chemnitz/PUNCTUM/Bertram Kober/ © 2017 David R. L. Jones
Chemnitz

Kurz vor ihrem Ausscheiden als Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz kann Ingrid Mössinger erneut einen Zugewinn verbuchen. Eine Schenkung von 200 Einzelwerken internationaler zeitgenössischer Kunst bereichert fortan den Bestand des Hauses. Noch bis 18. Februar können sich Interessierte in der sehenswerten Ausstellung „Von Pablo Picasso bis Robert Rauschenberg. Schenkung Céline, Heiner und Aeneas Bastian. Hommage à Ingrid Mössinger“ ein Bild von den Werken machen. In den präsentierten Gemälden, Skulpturen, Installationen, Collagen, Aquarellen, Zeichnungen, Fotografien und Arbeiten in unterschiedlichsten Drucktechniken sind vielfältige Positionen von Künstlern und Künstlerinnen ebenso unterschiedlicher Generationen aus Belgien, China, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, den Niederlanden, Polen, der Schweiz, Spanien und den USA vereint.

Den zeitlichen Ausgangspunkt der Schau bildet Picasso mit einer Radierung – „Skulpteur, modele couché et skulpture“ – von 1933 aus der bekannten Suite Vollard, die in ihrer Gesamtheit in Chemnitz 2012 zu sehen war, sowie der Farbaquatinta „Bethsabée“ von 1966. Einer der Ausstellungshöhepunkte dürfte Robert Rauschenbergs „Narcissus/ ROCI USA (Wax Fire Works)“ von 1990 sein – ein großformatiges Werk auf Edelstahl aus der Serie „Rauschenberg Overseas Culture Interchange“. Auch Andy Warhol – erinnert sei an die Chemnitzer Schau „Andy Warhol – Death and Disaster“ (2014/15) – ist in der Schenkung vertreten, mit dem Siebdruck „Mao“ (1974), einer eher unauffälligen Variante der Mao-Porträts, die in die insgesamt unaufdringliche Erscheinungsweise dieser Präsentation sehr gut hineinpasst.

Robert Rauschenberg Narcissus/ROCI USA (Wax Fire Works), 1990, Acryl, Lack, Fire wax auf Edelstahl. Kunstsammlungen Chemnitz, Schenkung Céline, Heiner und Aeneas Bastian Quelle: Kunstsammlungen Chemnitz/PUNCTUM/Bertram Kober/ © Robert Rauschenberg Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Mit Joseph Beuys, Gerhard Richter, Cy Twombly, Luc Tuymans und Wim Wenders begegnet man weiteren Berühmtheiten der zeitgenössischen Kunst. Beuys ist mit unterschiedlichen Stadien des Siebdrucks „Iphigenie“ (1973) vertreten. Eine aufwendige Technik liegt Gerhard Richters malerisch erscheinendem „Bouquet“ (2014) zugrunde – einem acrylglasversiegelten digitalen Farbfotoabzug auf Aluminiumplatte. Unter anderem auf einem Digitaldruck beruht der ins Transzendente weisende „Altar“ (2002) von Luc Tuymans, der mit weiteren, unterschiedlichen grafischen Arbeiten vertreten ist. Vielleicht etwas überrascht ist man von Cy Twombly, seinen etwas diffusen, zugleich regelrecht poetischen Fotografien von drei verschiedenen Perspektiven auf den Münchner Hofgarten (2008). Dagegen sind Wenders’ Fotografien – eine seiner wenigen diesbezüglichen Arbeiten, auf denen Menschen zu sehen sind – von Hopperscher Prägnanz („Two Cars and a Woman Waiting, Houston Texas“, 1983).

In der Schenkung behaupten sich zudem zahlreiche Arbeiten jüngerer Künstler. Der Jüngste ist der 1980 in England geborene David R. L. Jones. Er erschafft aus Lack, Acrylfarbe und Tinte auf Aluminiumpaneelen phantastische Bildwelten unter dem Motto „Implosive Neuro Polymorphism/ Conjoined Arena“ (2008). Kleinteilig und gegenständlich zeigen sich die gezeichneten und collagierten Bilder der Hamburgerin Anna Genger, die je nach Perspektive immer wieder andere Teilmotive preisgeben, so auch in ihrer Arbeit „Butterfly, Fuck off and Die“ (2008). Den Werken des in Warschau lebenden Wilhelm Sasnal liegen meist Bilder aus dem Internet, eigene Fotografien und Stills aus Filmen zugrunde. An eine filmische Graphic Novel erinnert ihrerseits die von starken Hell-Dunkel-Kontrasten geprägte, 38-teilige Serie „Der Tod des Marcel Boryna“, die der niederländische Künstler Marcel van Eeden 2007 schuf.

Interessant und ebenso erfreulich ist, dass eine Reihe hierzulande gut bekannter Künstler sich in diesem Kontext zu behaupten haben und sich behaupten. Die Rede ist von Martin Borowski, Markus Draper, Stella Hamberg, Eberhard Havekost, Olaf Holzapfel, Frank Nitsche und Thomas Scheibitz – alles Künstler, die zwischen Ende der 1980er und den frühen 2000er Jahren an der Hochschule für Bildende Künste Dresden studierten. Heute bilden sie und einige andere eine Phalanx, die oft auch den internationalen Durchbruch geschafft hat. Die meisten der Genannten sind mit Einzelarbeiten vertreten, teils auch über eine Grafikedition, die 2004 für die Städtische Galerie Dresden geschaffen wurde und zu der Franz Ackermann, Katalin Deér, Eberhard Havekost, Sabine Hornig, Kerstin Kartschers, Olaf Nicolai, Frank Nitsche, Manfred Pernice, Thomas Scheibitz und Silke Wagner Werke beisteuerten.

Havekost wiederum ist zudem mit einem grafischen Konvolut – ein Teil der Blätter wurde von der Galerie Gebr. Lehman verlegt – präsent, das in einem der Seitensäle geschlossen gezeigt wird. Vor einigen Jahren hatte auch das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein solches Konvolut erhalten, das unterschiedliche grafische Ausdrucksmittel repräsentiert, vom Handoffsetdruck über Injektdruck bis zu Heliogravüre, und gleichzeitig Auskunft über Havekosts Bildauffassung gibt.

Nicht alle Künstler der Präsentation mag man, gerade angesichts des sich schnell bewegenden Kunstbetriebs unserer Tage, kennen. Aber gerade die Mischung, die einerseits an Bekanntes andockt, zum anderen den Blick über den eigenen Tellerrand leitet, macht diese Schau und damit die Schenkung interessant. Vom zeitlichen Spannungsbogen war schon die Rede, der mit Picasso quasi im 19. Jahrhundert beginnt und mit dem 1980 geborenen Engländer Jones endet. Eingeschlossen ist eine Gruppe von Künstlern, die zwischen den 1920er und 1950er Jahren geboren wurde, darunter Vertreter der Pop Art wie Warhol, der Konzeptkunst wie Beuys oder auch der ungemein wandelbare Gerhard Richter. Am stärksten präsent sind die zwischen 1960 und 1980 Geborenen, in deren Schaffen von Beginn an Medien wie Fotografie und Film sowie die Digitalisierung auf die eine oder andere Art präsent sind.

Der Hintergrund der für Chemnitz so erfreulichen Schenkung ist nicht zuletzt in der schon seit langem bestehenden Zusammenarbeit zwischen der Sammlerfamilie Bastian und Ingrid Mössinger zu suchen. Begonnen hatte diese mit der Ausstellung „Picasso et les femmes“ (2002). Es folgten weitere bedeutende Präsentationen wie die von Picassos gesamter Suite Vollard (2012), eine Schau mit Zeichnungen von Beuys (2014) und die schon erwähnte Warhol-Exposition (2014/15), die eher eine weniger bekannte Seite des Künstlers zeigte: Arbeiten, die sich mit dem Tod, auch dem Thema Hinrichtung auseinandersetzen.

bis 18. Februar, Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz, geöffnet Di–So 11 bis 18 Uhr, Katalog 24 Euro

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Von Lisa Werner-Art

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