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Kultur Weltweit Über die Kunst der Zerstörung: Banksy ist nicht der einzige Künstler, der sein Werk beschädigt
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11:59 09.10.2018
Marktgerecht gleich multilingual: „Merda d’Artista“ (1961) - so hat Piero Manzoni 1961 einen Skandal und zugleich eine sich bis heute steigender Preise erfreuende Kunst geschaffen. Quelle: dpa
Hannover

Bisweilen treibt die Kunst auch ihre treuesten Fans zu seltsamen Bekenntnissen. „Mein Kiefer haart“, hat der Schauspieler und Kunstsammler Sylvester Stallone vor einigen Jahren der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. Gemeint war Anselm Kiefer, genauer gesagt, eines der Werke des deutschen Künstlers. Und ganz genau genommen rieselten nicht Haare, sondern das auf der Assemblage befestigte Stroh auf den Boden hinab. „Scheiße, was liegt da unterm Bild?“, habe er gedacht und sich über das für 1,7 Millionen US-Dollar gekaufte Kiefer-Werk beschwert. „Mister Stallone, das muss so sein, das Bild geht durch eine Entwicklung“, habe ihm der Kunsthändler erläutert. „Das Bild lebt.“

Jahrhundertelang ist Kunst mit Ewigkeitsversprechen geschaffen worden, als hoffnungsfrohes Gegenbild zu Verfall und Vergehen, Zersetzung und Zerstörung, welche der Mensch selbst zu gewärtigen hat. Dabei droht auch ihr der Verfall, wenn nicht gar eine absichtsvolle Zerstörung. Die Hoffnungsfrohesten unter den Kunstexegeten deuten das als Metamorphose, als Aufstieg zu neuen Kunstdimensionen. Geradezu klassisch ist die Beseitung der „Fettecke“ (1963) von Joseph Beuys durch eine übereifrige Putzfrau. Jüngeren Datums ist die als Reparatur verstandene Übermalung eines verwitterten „Ecce Homo“-Freskos durch eine wohlmeinende, doch zerstörerisch handelnde spanische Rentnerin.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Man sieht: Selbst wo nichts zu sein scheint als künstlerisches Brachland, kann Bedeutsames erlebt werden, die Wüste lebt. Jüngstes Beispiel dafür ist Banksy, der sein Graffito „Girl with Balloon“ in dem Moment in Streifen geschreddert hat, als in der Londoner Zentrale von Sotheby‘s dafür der Hammer bei der Summe von 1,18 Millionen Euro fiel. Aus dekorativer Flachware wurde so ein subversiver Akt genau dort, wo bei Auktionen mehr Geld als Geist versammelt zu sein pflegt. Aus den Anwesenden wurden die unfreiwilligen Mitspieler einer denkwürdigen sozialen Plastik. Und weil Banksy das Ereignis gefilmt hat, kann man das Ganze jetzt als Videokunst betrachten, an das sich auf neuer Ebene die alte Frage richten lässt: Ist das Kunst oder kann das weg?

Weder physische Materialisierung noch handwerkliche Finesse oder historische Einzigartigkeit kennzeichnen heute noch Kunst. Als Marcel Duchamp 1917 ein Pissoir um 90 Grad gekippt als „La Fontaine“ in New Yorks Grand Central Palace platzierte, war die Provokation noch beispiellos. Als Paolo Manzoni 1961 eigene Extremente in Dosen abfüllte und als „Merda d‘Artista“ zum damaligen Goldpreis versilberte, nahm er noch ausdrücklich Bezug auf Duchamp. Inzwischen geraten selbst jüngere Vorbilder in Vergessenheit: Auf Dieter Roths „Große Landschaft“ (1969) aus verrottendem Käse folgten etwa Gerd Schmidt Vanhoves ähnlich verrottete Essensarrangements, die bis zum vergangenen Wochenende noch im Sprengel-Museum zu sehen waren, freilich ohne Verweis auf die Eat-Art-Wegbereiter – und doch gilt der damit vielleicht überhaupt erst vom Kunstmarkt entdeckte Künstler nun als so originell, dass für Schmidt Vanhoves Werke jetzt gilt: Welchen Wert sie auch immer haben mögen, sie erzielen jetzt auch einen Preis.

Müssten Künstler sich nur an solche Beispiele halten, um dem Prekariat vieler Kunstschaffender zu entkommen, deren Monatsverdienst selten 1000 Euro überschreitet? Tatsächlich lässt sich vielleicht schon seit der historischen Avantgarde, spätestens aber seit der Konzeptkunst, der es mehr auf die Idee als auf die Ausführung eines Kunstwerks ankommt, fast alles in Kunst überführen. Und fast alles lässt sich auch auf dem Kunstmarkt unterbringen. Allerdings nur wenn man dazu eine gute – und das heißt immer auch: gut in die Zeit passende – Geschichte zu erzählen vermag.

Zerstörung als kreativer Akt

Genau darauf haben erfolgreiche Künstler stets geachtet: Sei es, dass Banksy sein Video mit dem Picasso-Zitat „Der Drang zu zerstören ist auch ein kreativer Akt“ mit Bedeutsamkeit auflädt. Dass Duchamp sein Urinal mithilfe der internationalen Dada-Bewegung als Skandal inszeniert. Oder dass Manzoni die Anekdote lanciert, sein Vater habe ihn mit den Worten „Deine Arbeit ist Scheiße!“ zu dem Werk inspiriert – und mit mehrsprachiger Beschriftung und einer Stückzahl von 90 Dosen auch eine internationale Vermarktung gewährleistet.

Die Kunst lebt, dieser Satz gilt im Falle Manzonis sogar weit über den früh verstorbenen Künstler hinaus. Zum Eigenleben seiner inzwischen für jeweils mehr als 100.000 Euro gehandelten Dosen gehört, dass einer ihrer Käufer eine davon geöffnet hat und diese „Boiteouverte de Piero Manzoni“ inzwischen als eigenes Kunstwerk versteht.

Die in solcher Kreativität liegenden Gewinnchancen hat übrigens auch Sylvester Stallone erkannt, der das bröselnde Stroh stets von Neuem angeklebt und das Anselm-Kiefer-Bild längst wieder verkauft hat – sozusagen als Gemeinschaftswerk von Anselm Kiefer und Sylvester Stallone.

Zitat

„Deine Arbeit ist Scheiße!“

Piero Manzoni,

die Worte seines Vaters über sein künstlerisches Werk zitierend

Von Daniel Alexander Schacht

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