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Kultur Weltweit Aus Liebe zum Monster
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16:03 07.01.2018
Hoher Wiedererkennungswert: Das Monster aus Mary Shelleys “Frankenstein“-Roman wurde durch die anrührende Darstellung von Boris Karloff zur Pop-Ikone. Quelle: RND
Hannover

Keine Liebe für das Monster. Es kriecht in einer Mühle unter, die prompt von lynchlustigen Dörflern angezündet wird. Die Menschen jubeln, brennen soll das Unding. Der Zuschauer steht da am Ende des Films längst aufseiten des Verfolgten, verachtet den grausamen Mob. Das Monster suchte doch nur Nähe und Liebe. Der damals noch unbekannte britische Schauspieler Boris Karloff ließ es in James Whales “Frankenstein“-Verfilmung von 1931 lachen, trauern, leiden. Er wurde mit der Rolle zum Weltstar des Horrorgenres und schuf mit dem kubusschädeligen, klobigen Riesen eine der Popikonen des 20. (und 21.) Jahrhunderts.

200 Jahre wird “Frankenstein“ von Mary Shelley dieser Tage alt. 2018 feiert die Welt mit Ausstellungen, Kongressen, Frankenstein-Festivitäten aller Art die Erstveröffentlichung des Romans am 1. Januar 1818. Die Entstehung ist mit einer Katastrophe verknüpft. Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien hatte 1816 auch in Europa zum “Jahr ohne Sommer“ gemacht.

Eine Gruppe junger Engländer, die damals in der Schweiz die Sommerfrische sucht, flüchtet sich vor dem notorisch schlechten Wetter unters Dach des Poeten Lord Byron und verabredet einen Wettstreit im Schauergeschichtenschreiben. Der 18-jährigen Mary Godwin, die mit ihrem (noch verheirateten) Liebhaber Percy Shelley durch Europa reist, fällt lange nichts ein. Ein Gespräch zwischen Byron und Shelley über das “Wesen des Lebens“ löst die Blockade. Die eigene aktuelle Situation des von der Gesellschaft verstoßenen Paars mag überdies eingeflossen sein. Die Geächteten waren selbst der Stoff, aus dem romantische Dichtung ist.

Literarische Kritik an kurzsichtiger Wissenschaft

Nein, das Monster heißt nicht Frankenstein, das war das ewige Missverständnis. Es hat von seinem “Vater“ Victor Frankenstein nicht einmal einen Namen bekommen, so verlassen ist seine Existenz. Es ist im Buch nur das “Wesen“, der “Dämon“, der “Feind“ und “Teufel“. Ein neuer Adam sollte es werden, eine geburtlose Schöpfung, der Triumph eines fiebernden Forschergeists, der sich von aller Welt zurückzieht, um am Sieg über den Tod herumzutüfteln.

Wie der biblische Gott verstößt der Gottesimitator seine mutterlose, unschuldige, hässliche Schöpfung aus dem Paradies. Adam und Eva waren zumindest zweisam nach ihrer Vertreibung, Victor Frankenstein aber verweigert seinem “Sohn“ die Familie und die geforderte Gefährtin. Der Kreatur muss der eigene Vater als Monster, die ganze Menschheit als monströs erscheinen. Überall trifft sie auf Furcht, Hass, Vertreibung, Gewalt. Und sie rächt sich, lässt den physisch unterlegenen Schöpfer bluten. Das Muster setzt sich in zahllosen Frankensteiniaden fort bis hin zu Ridley Scotts Replikantentragödie “Blade Runner“ und HBOs aktuellem Serienhit “Westworld“.

Verstand Mary Shelley Wissenschaft generell als Unheil? Die Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft (“Eine Verteidigung der Rechte der Frau“, 1792) und des politischen Romanautors und Reformers William Godwin (“Untersuchung über die politische Gerechtigkeit“, 1793) war mit radikalaufklärerischem Gedankengut vertraut und keine Gegnerin des Fortschritts. Sie wird zwar der Romantik zugerechnet, einer Literaturströmung, die sich gegen die nüchtern-aufklärerische Autorenformen der Zeit stellte und das Obskure, Verschwommene und Gefühlige beschwor. Allerdings kritisiert Shelley mit ihrem “Frankenstein“ lediglich solche Wissenschaft, die auf Hybris ohne Weitsicht, Mitgefühl und Verantwortung basiert.

Das Monster aller Monster: Boris Karloff mit Elsa Lanchester in James Whales Film “Frankensteins Braut“ aus dem Jahr 1935. Quelle: Universal

Der Name „Frankenstein“ kommt bis heute ins Spiel, wenn es um Wissenschaftler geht, die sich irgendwie in Gottes Schuhen an Leben und Lebensraum zu schaffen machen. Als moderne “Frankensteins“ werden diejenigen bezeichnet, die an der künstlichen Intelligenz arbeiten, also an Maschinen mit Bewusstsein, die Lebewesen klonen, mit der Schere des Gen-Editing Krankheiten besiegen wollen, oder auch die Biohacker, die von Cyborgs träumen, von Menschen mit eingechippten Hightech-Komponenten wie Infrarotsicht.

Darüber hinaus tragen auch die Klimadesigner des Geoengineering den “F“-Stempel oder die Ingenieure einer selbstreplizierenden Nanotechnologie. Ed Finn, Wissenschaftler an der Arizona State University, die sich als “Epizentrum des Frankenstein-Jahrs 2018“ präsentiert, erhofft sich von den zahllosen geplanten Veranstaltungen mit Dutzenden Museen und anderen Partnern entsprechend “ergiebige Konversationen zwischen Forschern, Studenten und der Öffentlichkeit, die ein tieferes Verständnis dafür bringen, wie man Wissenschaft und Technologie künftig verantwortlich lenkt“. Ziel allen Strebens, so der Mitherausgeber einer brandneuen, kommentierten Ausgabe von “Frankenstein“ (The MIT Press, 282 Seiten, 15,99 Euro) sei “die Welt, in der wir alle leben wollen und aufblühen.*

“Mein liebes altes Monster“

Kino und Fernsehen werden von der “Rocky Horror Picture Show“ bis “Frankenweenie“ nicht müde, das alte Monster hochleben zu lassen. Seit November läuft die zweite Staffel der britischen Historienserie “The Frankenstein Chronicles“ mit Sean Bean als Kommissar auf den Spuren eines unheimlichen Leichenflickers. Und US-Regisseur Bill Condon, der mit “Gods & Monsters“ (1998) schon das tragische Leben des schwulen “Frankenstein“-Regisseurs Whale verfilmte, plant ein Remake von “Frankensteins Braut“. Das Kino gönnte dem Wesen schon 1935 ein künstliches Weib. Im Gespräch für die Neubesetzung der Brautrolle ist Angelina Jolie.

“Frankenstein“ ist eine moralische Geschichte von gescheiterter Inklusion. Ein bisschen Liebe bekam das Monster aber doch – freilich aus Sphären, die es nicht betreten konnte. “Ich hege eine Zuneigung zu ihm“, gestand seine literarische Schöpferin Mary Shelley 1831 im Vorwort der Neuauflage. Und sein Darsteller Boris Karloff verstand sich kurz vor seinem Tod 1969 sogar auf eine zärtliche Umarmung in Worten: “Mein liebes altes Monster. Ihm verdanke ich alles. Es ist mein bester Freund.“

Gesprochen wird der übel beleumundete Familienname übrigens weder “Frankenschtein“ noch “Fränkenstihn“ sondern – so hatte uns das Gene Wilder als Victors Enkel Frederick 1974 in Mel Brooks’ “Frankenstein Junior“ ein für alle Mal klar gemacht – “Fronkenstehn“.

Von Matthias Halbig

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