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Kultur Weltweit Aus Hamburg gestohlenes Nolde-Bild wird erstmals wieder gezeigt
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20:18 11.04.2019
Das jahrzehntelang verschollene Bild „Sonnenblumen“ von Emil Nolde hängt erstmals in der Ausstellung „Elementarteile“ im Sprengel Museum Hannover. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Berlin

Der Titel klingt fast ein bisschen wie der Aufsatz eines Gymnasialschülers – etwas trocken, etwas sperrig. „Emil Nolde – eine Legende, der Künstler im Nationalsozialismus“. Trocken ist auch die Ausstellungspräsentation im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart in Berlin. Schlichte Holzrahmung, zurückhaltende Lichtsetzung. Dazwischen die prächtigen, die intensiven Farben von Emil Nolde, die knalligbunten Aquarelle, die expressionistischen Drucke. Und eine Menge Text.

Rolle im Nationalsozialismus

Denn das Spektakuläre an dieser Schau ist nicht etwa die Ansammlung und Verschiffung der Werke aus der ganzen Welt und aus dem Bundeskanzleramt – dazu später mehr – sondern das Geschriebene dazu. Genauer: Der Kontext. Entwickelt wurden diese Texte basierend auf einem Forschungsprojekt, das sich seit 2013 mit Zugang zum vollständigen Archiv Noldes mit seiner Rolle im Nationalsozialismus beschäftigt.

Bislang erzählte sich die Geschichte Noldes so: Der 1867 geborene Maler ist nicht nur der Lieblingskünstler der Schleswig-Holsteiner mit seinen Sonnenblumen, seinen blühenden Landschaften, sondern war er auch Malerfavorit von Helmut Schmid, der einst jenes Bild ins Bundeskanzleramt holte. Und dann schließlich wurde der Expressionist Emil Nolde durch Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ 1967 mit seinem Kampf gegen die Diffamierung als „Entartete Kunst“ durch die Nationalsozialisten zu einer Art Pflichtlektüre. Einerseits der Schüler, andererseits des gesamten Bildungsbürgertums. Der Maler, der sich in Seebüll niederließ, war der am stärkste betroffene Künstler durch die Beschlagnahmung „entarteter“ Werke nach 1937 – in diesem Ton war das Narrativ, angestoßen durch Nolde eigene Autobiografie und frühe Biografen der Nachkriegszeit, angelegt.

„Nolde, der Nazi“

Nolde, das Opfer. „Nolde, der Nazi“ titelte hingegen nun die Süddeutsche Zeitung.

Was soll es jetzt sein? Verdammt, die Realität ist nicht ganz so einfach. Die Expressionisten wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, verfemt. Und viele mussten fliehen. Doch das heißt nicht, dass alle Expressionisten dem nationalsozialistischen Regime kritisch gegenüberstanden.

In der Rezeption von Noldes Werken in der Nachkriegszeit wurde die Haltung Noldes, der Fakt, dass er Mitglied der NSPAD war, schlicht und ergreifend ausgeblendet. An Noldes Werken wiederum lässt sich nicht ganz einfach, ganz glasklar eine nationalsozialistische Haltung ablesen. Auch wenn auffällt und in der Ausstellung herausgearbeitet ist, dass er bis 1933 viel christliche Sujets malte, sie während des Regimes durch die Darstellung nordischer Mythen und Wikinger ersetzte, bis er sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder dem lieben Herrgott und seinem Schaffen zuwandte. Doch seine Äußerungen, teilweise vor 1933 gemacht, lassen keinen Zweifel an seinem Antisemitismus.

Die Geschichte des Märtyrers wäre dahin

Er arbeitete 1933, wie in der Ausstellung erklärt, eine Lösung der „Judenfrage“ aus, die er Adolf Hitler persönlich zusandte. Hitler antwortete nicht. Warum veröffentlichte er dies nicht? „Weil er nicht opportun erscheinen wollte“, mutmaßt der Kurator Bernhard Fulda. Die Geschichte des Märtyrers, die er sich schon in der Zeit der Weimarer Republik verpasst hatte, wäre dann dahin gewesen.

Die eine Rolle in der Geschichte von Emil Nolde spielen die Medien – damals wie, selbstkritisch angemerkt, heute. Denn sie priesen das Künstlergenie, den Mann, der seiner Zeit voraus war, den Märtyrer, den leidenden Künstler – und verloren das menschliche Maß aus den Augen. Doch der größte Märchenonkel war nach wie vor Nolde selbst. Er war einer, der früh im 20. Jahrhundert vor einem Andy Warhol verstanden hat, nicht nur seine Kunst zu verkaufen, sondern auch seine Person.

„Neuer Rembrandt“

Als „neuer Rembrandt“ stilisierte er sich – und reagierte damit, wie es im Ausstellungskatalog heißt, auf „die gesellschaftlichen Projektionen auf ihn“. Er lieferte gleich ein Rembrandt-mäßiges Selbstportrait hinterher. Aquarelle, Bildskizzen, die er als Grundlage für größere Gemälde nahm, erklärte er zu „ungemalten Bildern“, die er angeblich während der Verfolgung im Nationalsozialismus nicht hatte malen können. Zwar wurde Nolde von den Nazis ein Berufsverbot auferlegt, doch privat malen durfte er noch. Er konzentrierte sich während der Zeit, wie in der Ausstellung gezeigt, auf Sonnenblumenbilder.

Nicht nur Mitläufer

Nolde war nicht nur ein Mitläufer, nicht nur einer, der sich dem System beugte. Er war auch einer, der bestens vernetzt mit der nationalsozialistischen Elite war. Er war Ehrengast von Heinrich Himmler bei den Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag des Hitler-Putsches am 9. November 1933, wie ein Ausstellungstext informiert.

Er biederte sich den Nazis an, wollte unbedingt als exemplarisch-deutscher Künstler anerkannt werden. Noch 1935, mitten im Tauziehen um den Expressionismus als linientreue Kunst, kauft der Museumsverein Folkwang in Essen 455 Druckgrafiken von Nolde. Dieser riesige Ankauf sorgte unter anderem dafür, dass Nolde eben jener Künstler war, von dem am meisten Werke als „entartet“ beschlagnahmt wurden.

Angela Merkel verbannt Nolde-Bilder aus Arbeitszimmer

Die Gesellschaft der Nachrkriegszeit projizierte wieder ihre eigenen Wunschvorstellungen auf Nolde. Er sollte derjenige sein, der, verfolgt und verfemt, gegen die Nazis gekämpft hat. Er soll einer der Aufrichtigen gewesen sein. Und die „Deutschstunde“ befeuerte diese Wunschvorstellung. Und heute? Angela Merkel lässt nun die Wände in ihrem Arbeitszimmer weiß.

Das Bild „Brecher“, das Helmut Schmidt einst ausgesucht hat, das in der Ausstellung hängt, will sie nicht zurückhaben. Sie will auch keinen anderen Expressionisten. Doch auf der aktuell laufenden Kunstmesse „Art Cologne“ ist der Maler Nolde nach wie vor gefragt. Seine bunten Bilder für die Wand erreichen bei Sammlern auf der Messe Spitzenpreise. „Jetzt kann keiner mehr sagen, er habe es nicht gewusst“, so Christian Ring, Direktor der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde.

Von Geraldine Oetken