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Kultur Weltweit Mark Oliver Everett – Die Hoffnung stirbt nie
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10:32 26.04.2018
Von Liebe, Vaterschaft und Scheitern: Mark Oliver Everetts zwölftes Album mit den Eels heißt „The Deconstruction“. Quelle: dpa
Los Angeles

Er ist überhaupt kein „Scha-la-la“-Typ, aber er singt das trotzdem. Und er singt sogar „schu-bi-du-bi-du-bi-du“. Zeug, das Schlagersänger auswerfen, wenn die Reime zu blöd werden und ein wenig Gefühlsduselei her muss.

Aber bei Mark Oliver Everett alias E (55) begleiten die sinnlosen Silben eine Indierocknummer, einen mit heiserer, erschöpfter Stimme gesungenen Vorwurf: „Rühre keinen Finger, während ich hier sterbend liege“, singt er in „Bone Dry“ zu einer gleißenden Gitarre. „Mein Herz ist knochentrocken, du hast alles Blut getrunken.“ Er ist geschieden, zum zweiten Mal, ein Mann der sich fragt: „Was wird aus Menschen wie mir, die wegtreiben, verloren gehen auf See.“

Everett – ein Leben voller Tragödien

Er schien immer verloren zu gehen, der menschenscheue Chef, Songwriter und Frontmann der personell flexiblen Eels aus Los Angeles, die mit „The Deconstruction“ nun schon ihr zwölftes Album vorlegen. Everetts Texte waren immer Abbilder einer Welt, die Schönheit und Fortschritt versprach, diesem Ideal aber nicht gerecht wurde oder gar davor weglief. Nicht explizit politisch war Everett, aber doch ein Tiefseetaucher im tiefen Abyssus der modernen Zeiten.

Und viel hat er erlebt und überlebt, Sachen, die andere zumindest zum Verstummen gebracht hätten. Er fand seinen lieblosen Vater tot auf dem Sofa, das Quantenmechanik-Genie Hugh Everett, den seine inzwischen geheiligte „Viele-Welten“-Theorie ins wissenschaftliche Abseits getrieben hatte. Seine Schwester beging Selbstmord, seine Mutter starb zwei Jahre später an Krebs, seine Cousine saß in dem Flieger, der am 11. September 2001 aufs Pentagon stürzte.

James-Bond-Geiger und Raumschiff-Enterprise-Twist

Es schien, als würde eine mitleidlose Macht Everett mit Tragödien befeuern, um seine Künste herauszufordern. Vor allem die Kunst, zauberische Rock-’n-’Roll Musik zu machen und sie mit originellen Instrumentierungen und bösen Texten so zu vergiften, dass sie keine klassischen Pophits werden können.

„Hello Cruel World“ hieß 1992 seine erste Solosingle, „Beautiful Freak“ das Album, mit dessen Mix aus Indie, Folk, Pop und Hip-Hop die Eels 1996 für eine Stunde die Band der Stunde wurden. Dann aber waren sie doch nicht für die Massen, sondern für die Connaisseure.

Vier Jahre hat Everett für „The Deconstruction“ gebraucht, das wieder spannend und unabsehbar ist. Jedes Lied klingt anders und ist doch eindeutig Eels – von den James-Bond-Geigern des Titelsongs über die fast unmerklich aufsteigenden, betörenden Chor-und Orchesterloops von „Rusty Pipes“ bis zum Raumschiff-Enterprise-Twist von „You Are The Shining Light“, in dem ein Theremin simmert, als wäre heute der „Tag, an dem die Erde stillstand“. Hier darf man einfach mal tanzen – zum Lob der Schönheit in dunklen Zeiten.

Hinter dem Bekenntnis zur Familie steckt politischer Schimpf

Trump? Ist im Album, aber nicht explizit. Es geht vordergründig um die Liebe. Everett ist jetzt Vater, wo er dachte, die Linie der Everetts sei mit ihm beendet. So lässt sich „The Deconstruction“ lesen als die Chronik einer gescheiterten und doch geglückten Liebe. Wobei sich im euphorischsten Bekenntnis zur Familie, „Sweet Scorched Earth“, auch der Verweis auf die „freudlosen Männer“ findet, die den Planeten mutwillig zerstören.

„Archie Goodnight“ ist dann ein zärtliches Gutenachtlied für den kleinen Sohn. Für ihn rappelt sich Everett zu Hoffnung auf. „Obwohl es sich anfühlt wie das Ende“, singt er in „Be True“, „kannst du nicht um die nächste Biegung sehen.“ Und entwirft im kontemplativen „In Our Cathedral“ einen Ort innerer Sicherheit, aus dem alle Furcht verbannt ist. Wunderschön. Zart. Brüchig. Brian Wilson lässt grüßen. Die Dekonstruktion ist aufhaltbar.

Einen Versuch ist jedes der zwölf Eels-Alben wert

Gewidmet ist das Album Bobby Jr., Everetts geliebten Mischlingshund, der während der Aufnahmen starb. Einen „fallen brother“ nennt Everett den vierbeinigen Freund, der ihm 14 Jahre zur Seite stand und inzwischen schon zwei Nachfolger hat Im Booklet wirbt er dann noch für die anderen Eels-Platten, listet sie auf und stellt ihnen einen Werbespruch voran: „Diese Alben könnten sie erfreuen – vielleicht aber auch nicht.“ Einen Versuch sind sie alle wert.

The Eels: „The Deconstruction“ (E Works Records) – bereits erschienen

Von Matthias Halbig/RND

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