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Kultur Faust II im Schauspielhaus Chemnitz
Nachrichten Kultur Faust II im Schauspielhaus Chemnitz
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19:06 25.09.2018
Gretchen nun als Geldschöpfungsfrage? Szenenfoto mit Christine Gabsch, Dirk Glodde, Jan Gerrit Brüggemann, Andrea Zwicky, Susanne Stein, Wolfgang Adam. Quelle: Foto: Dieter Wuschanski
Chemnitz

Zuerst der Klippenhänger aus Teil I, der hier seit Mai 2017 läuft und läuft: Mephisto und Gott streiten sich in der Analyse von Gretchens Tod: „Sie ist gerichtet“, meint der Schweflige. „Sie ist gerettet“, der Geweihte. Tot ist tot, mag man als Agnostiker kühl meinen, so man den dahin gesunkenen traurigen Doktor Faust vergisst. Doch wir sind im Schauspielhaus zu Chemnitz, jener 875-jährigen Stadt, die vor kurzem noch als EU-Kulturhauptstadt des Ostens wohl recht weit in Führung lag, der nun allerdings eingeflogene Reporter und ferne Kommentatoren seit ein paar Wochen allerlei Adjektive anheften, während zwischen Marx-Granitkopf und Schauspielhaus viele Kerzen für drei Opfer brennen und die Menschen trauern oder dafür und dagegen demonstrieren.

Als Fausts erster Teil Premiere gefeiert wurde, galt Chemnitz noch als die lauschige Stadt der Moderne, obwohl damals schon einige Messerstechereien Opfer forderten – und zwar nicht nur direkt vorm Nischel, sondern auch oben, im anderen Park, direkt vorm Theater. Aber weil es meist unter Fremden blieb, ging es (wie allerorten üblich) ohne größeres Aufsehen vonstatten und weiter. Das ist nun hier, im Herbst 2018, anders, aber Schauspieldirektor Carsten Knödler, der sich wie lange geplant dem zweiten Teil der Tragödie widmet, entging zum Glück der Versuchung, Goethes Werk als Teufels Beitrag aktuell wie kurzlebig zu instrumentalisieren. So ist sie wohl gerettet.

Und damit Platz für eine echte Gesellschaftsdystopie, die selbst ein Johann Wolfgang von Goethe erst posthum wagte – oder wie man heute sagen würde (so es an hinreichenden Argumenten mangelt): dazu Haltung zeigte. Denn sein verjüngter Doktor macht sich nun wie ein echt-globaler Neoliberaler die ganze Welt untertan – vor allem per freier Geldschöpfung mittels Kopie – und experimentiert auch in Sachen Medizin, Technik und Landnahme so erfolgreich, dass die Moral hinten runter fällt. Dass der Doppelfaustautor unter anderem auch Adam Smith las (und verstand – so wie danach Karl Marx ihn), weiß man, aber dafür, dass sein zweiter Faust auch im dritten Jahrtausend als Folie dienen kann, wird er zu selten aufgelegt.

Wie im ersten Teil spielen Dirk Glodde und Philipp Otto ihr Duell in jener Gelassenheit und Textverständlichkeit, die Mephistopheles und Faust gebührt, um den Respekt vor des Pudels Kern zu wahren. Gab es in der ersten Runde im diabolischen Zweikampf mit dem Ziel der Wissens- und Bewusstseinserweiterung um den Preis des Lebens ein klares Patt, das von Glodde und Otto als intellektuell gewiefte Gegenspieler auf Augenhöhe durchaus so ausgespielt war, so gewinnt nun Mephisto klar – zumindest vermeintlich. Doch sieht man dann zum Schluss den durchweg großartig artikulierenden Dirk Glodde angesichts seines toten Gespielen ob seines Werkes in Trübsinn versinken, dann wohnt ein leiser Zweifel inne.

Gleichzeitig verdeutlicht der Abend, warum dieser zweite Faustteil in Vergeistigung samt rhythmischer Poetisierung kaum noch seine Regiemeister sucht (und findet): Er ist in der Figurenführung jenseits des Duells und der Geistesweite des Altmeisters kaum zu raffen.

Knödler versucht es und hat damit neben dem Hauptrollen noch acht weitere Spieler im wandelbaren Einsatz. In erster Linie Christine Gabsch als Kaiser und Wolfgang Adam als Kanzler (beide dann auch im fünften Akt als Baucis und Philemon), aber auch Susanne Stein als Heermeister plus Gott oder Jan Gerrit Brüggemann, der als anfangs blanker Schatzmeister zu eigenem Heilmeister namens Wagner wird. Auch Dominik Puhl zeigt seine Wandelbarkeit – als Junker, Baccalaureus, Wanderer, aber vor allem als traumhafter Euphorion, der leider per Ikaruskomplex die Liebe von Faust zu Helena ins Irdische (und darunter) zurückführt. Jene Helena, schon immer die schönste Frau der Welt, die für Faust sogar ihre Göttlichkeit abstreift, wird von Andrea Zwicky (zuvor auch Marschalk und Sphinx) ebenso unwiderstehlich gegeben wie in der ersten Version das Gretchen von Seraina Leuenberger, die nun – als eine schöne Ironie des Regieteams – einen auf dem Rollbrett roboterähnlich herumsausenden Homunculus mit Leuchtdioden spielt. Auch Marko Bullack, der als Fausts Seele diesen spiegelt, auch ab und an singend doubelt, gehört ob seiner sich unterordnenden Präsenz Hochachtung.

Was diesmal nicht so gelingt wie beim ersten Teil, sind dreierlei Beiträge, die auch jeweils dem Sujet geschuldet sind: Das damals faszinierende Bühnenbild von Frank Hänig ist nicht zu übertreffen. Darauf wird nun zwar angespielt, dahinter mit Verschiebung und Drehung gearbeitet und durchaus mediterrane Mystik samt korrespondierender Weite oder Enge geschaffen. Die Kostüme von Ricarda Knödler sind wie im ersten Teil sehr klar bis modern.

Auch die Tanzszenen von Ballettdirektorin Sabrina Sadowska, die wieder mit fünf Paaren in ihren eigenen Choreographien aufwartet, funktionieren nicht so gut. Und die Kompositionen von Steffan Claußner wirken zu fett aufgetragen und zu fantasyhaft.

Dennoch ist dieser Faust ein Zeichen, der nun auch ab und an als Doppelabend wirkt. Und mit Nietzsche, Frischs „Homo faber“ und dem zweimal dreistündigen Faust hat man hier (als Kern) ein geistiges Portfolio im Spielplan, das man als humanen Bildungskanon im Repertoire lange suchen muss. Und es gibt Stimmen, die sagen: Die Ex-Marx- und nun Goethe-Stadt sei nach Weimar ’99 viel besser als Kulturhauptstadt im Namen der homerischen Phöniziertochter Europa geeignet.

nächste Aufführungen: 28.9. 24. & 31. 10.

www.theater-chemnitz.de

Von Andreas Herrmann

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