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Was sagt Ihnen Luther heute?

Alexander Garth, 60, ist Gründer der Jungen Kirche Berlin und Pfarrer in Wittenberg: Ich bin Pfarrer in Wittenberg, einer der am stärksten entchristlichten Gegenden Europas. Das ist schon eine Herausforderung. Meine Lieblingsthese ist These 62: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ Die Initialzündung der Reformation war die Frage der Menschen, wie man einen gnädigen Gott bekommt. Luther kritisierte, dass man die Vergebung seiner Sünden kaufen konnte. Heute ist diese Frage in ganz anderer Weise aktuell: Die Menschen in unserer Kultur haben Gott vergessen – gleichzeitig sehnen sie sich nach Sinn, Orientierung, Gemeinschaft und Geborgenheit. Es geht also wie zu Luthers Zeiten darum, wie man Gottes Nähe und Hilfe erfahren kann. Das Evangelium steht für Freude, Befreiung, ja letztlich für Gotteserfahrung. Das suchen die Menschen. Aber häufig finden sie das in der Kirche nicht. Da geht es oft zu sehr um das, was wir tun sollen, und weniger um das, was Jesus tat, damit wir Gottes Freunde werden.

Quelle: privat

Heinrich Bedford-Strohm, 57, ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland: In seiner ersten These hat Martin Luther 1517 festgehalten: „Unser Herr und Meister hat gesagt: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Deswegen soll das ganze Leben der Gläubigen Buße sein.“ Luther gibt da eine starke Grundorientierung, nicht nur für einen Einzelnen, sondern auch für unser ganzes Land. Wie wohltuend wäre es für unsere Gesellschaft, wenn die so lebensfreundliche Dynamik von Selbstdistanz, Selbsterkenntnis und Neuorientierung sich Raum schaffen würde, die den Kern des Bußgedankens ausmacht? Die Kultur der Beschuldigung, Abwertung und Anprangerung der anderen, die sich im Internet, insbesondere in den sozialen Medien, breitgemacht hat, könnte einer Kultur der Nachdenklichkeit und kritischen Selbstprüfung weichen. Von der Bereitschaft, darüber nachzudenken, wo wir uns selbst verändern können, würden wir auch 500 Jahre nach dem legendären Thesenanschlag alle nur profitieren.

Quelle: dpa-Zentralbild

Wolfgang Huber, 75, war von 1994 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg- Schlesische Oberlausitz: Mit seinen 95 Thesen greift Martin Luther in einen Streit seiner Zeit ein. Der Ablass regt uns heute nicht mehr auf – wir haben andere Anlässe zum Streit. Auch für sie kann man von Luther lernen. In These 45 heißt es: „Man soll die Christen lehren: Wer einen Bedürftigen sieht, ihn übergeht und stattdessen für den Ablass gibt, handelt sich den Zorn Gottes ein. “ Zu Deutsch: Mit anderen zu teilen ist besser, als das eigene Seelenheil mit Geld zu kaufen. In einer Gesellschaft, in der das Ansehen vom Reichtum und die Sicherheit vom Wohlstand abhängt, gilt selbst das Seelenheil als käuflich. Deshalb hängt unser Herz so stark an materiellen Gütern. Dass sie an die Stelle Gottes rücken können, erkennt schon Luther: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Die Befreiung von falschen Abhängigkeiten ist sein Ziel. Dafür verwendet er einen spitzzüngigen Vergleich. Das Evangelium, so sagt er, gleicht einem Netz, mit dem es die „Leute des Mammon“ fischen will; der Ablass dagegen ist ein Netz, mit dem die Kirche den „Mammon der Leute“ an sich bringen möchte. Im einen Fall geht es darum, Menschen innerlich von den Mächten zu befreien, die über sie herrschen wollen; im anderen Fall wird die Herrschaft über den materiellen Besitz der Menschen angestrebt. Innere Freiheit verbindet sich mit der Bereitschaft, sich für die Mitmenschen einzusetzen. Das ist die handfeste Botschaft der Reformation. Die Zeiten haben sich geändert; diese Botschaft bleibt aktuell.

Quelle: dpa
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