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„Westdeutsche besitzen deutlich mehr“

Interview mit Wirtschaftsforscher „Westdeutsche besitzen deutlich mehr“

Ost- und Westdeutsche sparen unterschiedlich – weil sie grundsätzliche andere Vorbedingungen haben, sagt Professor Joachim Ragnitz, der stellvertretende Geschäftsführer des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in Dresden. Bei nahezu allen Vermögensformen besitzen Westdeutsche mehr als Ostdeutsche, so sein Fazit.

Joachim Ragnitz, Vize-Chef des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in Dresden.
 

Quelle: dpa

Leipzig. Schon vor der Wende fiel es den Ostdeutschen schwerer als ihren Landsleuten im Westen, Vermögen aufzubauen. Auch heute sind die Unterschiede weiter groß – und eine schnelle Angleichung ist nicht in Sicht, meint Professor Joachim Ragnitz (56), Vize-Chef des Dresdner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die Mehrheit der Deutschen ist laut einer Umfrage zufrieden mit dem Blick aufs eigene Bankkonto. 59 Prozent bewerten ihre finanzielle Situation mit gut oder sehr gut. Doch gibt es Unterschiede zwischen Ost und West?

Ja, es gibt deutliche Unterschiede zwischen Ost und West – in Sachsen zum Beispiel sind nur 54 Prozent der Bevölkerung mit ihrer finanziellen Situation zufrieden, in Thüringen und Sachsen-Anhalt sind es noch weniger. Verwunderlich ist das nicht, denn die Vermögen in den neuen Bundesländern liegen bei ungefähr 40 Prozent des Westniveaus. Ein Wert, der in den letzten Jahren ziemlich konstant geblieben ist.

Reicht der Verdienst der Ostdeutschen nicht, um ein Vermögen aufzubauen?

Die Einkommen sind auch 27 Jahre nach der Einheit noch geringer als im Westen. Demzufolge fällt auch die Ersparnis geringer aus. Außerdem haben die Westdeutschen ja 40 Jahre Vorsprung bei der Vermögensbildung, denn in der DDR gab es kaum Anreize, und mit der Währungsunion 1990 wurden die Geldvermögen auch noch halbiert wegen des Umtauschkurses 1:2.

Und auch die DDR-Geschichte begann zunächst einmal mit einer Enteignungswelle...

... die insbesondere Großgrundbesitzer und private Unternehmer traf. Weil es in der verstaatlichten Wirtschaft im Osten dann kaum noch private Unternehmen gab, konnten auch keine großen Vermögen aufgebaut werden. Damit blieb aber auch das Potenzial für Erbschaften gering. Ein Teufelskreis sozusagen.

Trifft der Unterschied auf alle Vermögensformen zu?

Fast bei allen Vermögensformen – außer Lebensversicherungen – besitzen heute Westdeutsche deutlich mehr. Das ist beim Gold so wie auch bei Aktien. Besonders deutlich ist der Unterschied bei Immobilien. Im Westen verfügt der Durchschnittshaushalt über Immobilien mit einem Nettowert von 119 600 Euro, im Osten nur über 44 900 Euro. Der Anteil der Eigentümerhaushalte hat zwar in beiden Landesteilen seit 1990 deutlich zugenommen. Im Westen besitzt aber knapp die Hälfte aller Haushalte eine selbst genutzte Immobilie. In Ostdeutschland ist das nur rund ein Drittel.

Ist eine Angleichung der Verhältnisse in Sicht?

Nein, ganz sicher nicht. Die Löhne in Ost und West werden sich zwar weiter annähern, aber wie wir in den letzten Jahren gesehen haben, geht das langsamer voran als viele erhofft oder vorausgesagt haben. Folglich werden sich auch die Vermögen so schnell nicht angleichen. Wir werden das nicht mehr erleben.

Sie hören sich an, als ob das nicht wirklich wichtig für die Menschen in Ost und West ist?

Doch, das ist es sehr wohl. Vermögensbildung dient zunehmend der Alterssicherung. Weniger Vermögen bedeutet insoweit eine höhere Gefahr der Altersarmut. Geringere Vermögen haben zudem Auswirkungen auf die Risikobereitschaft, weil Vermögen der individuellen Risikoabsicherung dient. Das heißt: Weniger Gründungen, weniger Innovationen, auch weniger Veränderungsbereitschaft. Das alles macht den Aufholprozess nicht leichter. Und es wirkt sich auch auf die Gesellschaft aus. Wir haben das bei der Bundestagswahl erlebt. Die AfD bekam im Osten wohl auch deshalb besonders viele Stimmen, weil sie als Partei wahrgenommen wird, die gesellschaftliche Veränderungen ablehnt.

Kann die Politik da gegensteuern?

Eigentlich nicht. Die im Einigungsvertrag noch vorgesehene Beteiligung der Ostdeutschen an der Privatisierung des DDR-Vermögens hat ja nun mangels Masse nicht geklappt. Insoweit wäre nur vorstellbar, die steuerlichen Anreize zur Vermögensbildung zu erhöhen oder durch eine Absenkung der Steuerlast die allgemeine Einkommenssituation zu verbessern. Das geht aber nur gesamtdeutsch und ändert insoweit nichts an den Ost-West-Unterschieden.

 

 

Von Andreas Dunte

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