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Stippvisite in dem Dorf, in dem die AfD die meisten Stimmen holte

Dorfchemnitz Stippvisite in dem Dorf, in dem die AfD die meisten Stimmen holte

Der Ort Dorfchemnitz liegt da, wo man gern wandert und Urlaub macht, wo es sattgrün ist. Den ersten andersfarbigen Tupfer setzt schon am Ortseingang die Alternative für Deutschland. So massiv die Werbung, so deutlich schneidet auch die AfD bei der Bundestagswahl ab: 47,4 Prozent holt die Partei in Dorfchemnitz.

Wahlwerbung für die AfD im beschaulichen Dorfchemnitz: Die Partei holte in dem Ort im Kreis Mittelsachsen mit 47,4 Prozent ihr bestes Zweitstimmen-Ergebnis.
 

Quelle: Dunte, Andreas

Dorfchemnitz. Der Ort Dorfchemnitz liegt da, wo man gern wandert und Urlaub macht. Die asphaltierte Landstraße schlängelt sich bergan, bergab durch die dichten Wälder in diesem Teil Mittelsachsens. Alles noch sattgrün. Den ersten andersfarbigen Tupfer setzt schon am Ortseingang die Alternative für Deutschland (AfD). „Mut zu Deutschland“ prangt es vom blauen Plakat. Den Wettstreit, wer die meiste Wahlwerbung aufbieten kann, haben die Rechtspopulisten in der Gemeinde klar für sich entschieden. Nur vereinzelt geben sich Angela Merkel, Thomas de Maizière und Veronika Bellmann (alle CDU) die Ehre. So massiv die Werbung, so deutlich schneidet auch die AfD bei der Bundestagswahl ab: 47,4 Prozent holt die Partei in Dorfchemnitz mit seinen 1291 Wahlberechtigten. Das stärkste Ergebnis in ganz Sachsen, ja in ganz Deutschland.

Auf der Suche nach Einheimischen, die dieses klare Votum erklären, läuft man sich aber die Füße wund. Der Ort zieht sich schier endlos die Hauptstraße entlang. Überall schicke Einfamilienhäuser, gepflegte Vorgärten und Wiesen, auf denen Kühe und Schafe weiden. Endlich erblicken wir eine junge Frau. Ob sie Zeit für ein paar Fragen hätte? „Gern“, sagt sie, aber eigentlich sei sie selbst auf der Suche nach Ortsansässigen. Sie schreibe für die „Stuttgarter Zeitung“.

Einwohner geben sich wortkarg

Also weiter. Ein Ehepaar schneidet die Hecke. Als wir uns nähern, verschwindet er im Haus, sie winkt ab. „Nein, nicht schon wieder“, sagt die Frau nett, aber bestimmt. Mehreren Medien habe sie schon Auskunft zum Abschneiden der AfD gegeben. „Das reicht. Bitte haben Sie Verständnis.“

Beim Bäcker heißt es: „Der Chef ist nicht da, und ich kann keine Auskunft geben.“ Im Blumenladen bittet die junge Verkäuferin ebenfalls um Nachsicht. Sie sei nicht von hier, und das gute Abschneiden der AfD wolle sie nicht kommentieren. Ähnlich klingt es beim Tierarzt und beim Dachdecker. Nicht alle sind freundlich: „Was? Mit der Presse reden? Nein, keinen Bedarf!“, sagt ein Tischlerei-Geselle.

Wir klopfen an der Tür zur Erzgebirgischen Holzwerkstatt Gernegroß. Es öffnet ein Mann mit weißem Bart, Hut und freundlichen Augen. „Kommen Sie herein.“ Es riecht nach Holz und Leim. Friedmar Gernegroß stellt mit seiner Frau und einer Angestellten gedrechselte Bäumchen und Nuss-Miniaturen her, filigran und einmalig. „Die Räuchermännchen haben wir aus dem Programm genommen. Betriebe mit CNC-Maschinen haben da den Markt fest im Griff.“ Resigniert klingt das nicht, eher nüchtern. „Die Zeiten sind schwierig, aber wann waren sie das nicht?“ Friedmar Gernegroß hat die Werkstatt von seinem Vater Roland übernommen, der aus dem Zweiten Weltkrieg mit bis zu den Oberschenkeln amputierten Beinen zurückkehrte. „Immerhin kam er wieder, zwei seiner Brüder war das nicht vergönnt“, sagt der Mann.

Petry war da – Bellmann nicht

„Aber Sie sind wegen der AfD hier.“ Tja, so richtig könne er sich das auch nicht erklären. Flüchtlinge lebten im Ort nicht. Viele Einwohner seien verärgert wegen kaputter Straßen oder weil Dorfchemnitz vom Nachbarort Sayda verwaltet wird und deshalb Eigenständigkeit und Geld für Investitionen fehlen. Ja, aus Trotz haben viele AfD gewählt und „natürlich wegen der Petry“. Die sächsische AfD-Politikerin habe bei ihrem Wahlauftritt den Gasthof in Dorfchemnitz gut gefüllt, berichtet der Drechsler. Hingegen habe sich die CDU-Kandidatin Bellmann nicht blicken lassen. Zum Abschied schenkt er uns einen Mini-Pilz, den er während des Gesprächs gedrechselt hat. „Ein Glücksbringer“, sagt er. „Denn außer Gesundheit braucht man im Leben viel Glück.“ Er schmunzelt, die meisten auf der „Titanic“ seien gesund gewesen. Es klopft an der Tür; zwei Journalisten aus Dresden und Frankfurt am Main bitten um Einlass. „Och, jetzt mache ich erst einmal Mittag.“

Ein Anruf im Büro von Bellmann soll Klarheit bringen. Natürlich sei sie enttäuscht über das Abschneiden in Dorfchemnitz. Bei der vorherigen Bundestagswahl habe sie hier noch fast 70 Prozent der Stimmen geholt. Jetzt gerade mal die Hälfte. Sicher, sagt sie, eine Großveranstaltung wie die der AfD hat die CDU nicht auf die Beine gestellt, dafür sei aber ein Wahlkampfteam von Tür zu Tür gegangen, um mit den Leuten zu sprechen. Dass bei Petry der Gasthof gut gefüllt war, habe auch daran gelegen, dass AfD-Anhänger von auswärts mit Bussen nach Dorfchemnitz „gekarrt“ worden waren, heißt es im Büro der wiedergewählten Bundestagsabgeordneten.

„Alternativ gewählt“

Auf der Heimfahrt treffen wir eine Gruppe Frauen in sportlicher Kleidung. Die Frauenwandergruppe aus Dorfchemnitz. Seit 13 Jahren gibt es sie schon. Eine muntere Truppe – bis wir nach Gründen für das gute Abschneiden der AfD fragen. „Gegenfrage“, sagt eine der Frauen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will: „Warum sollte ich die CDU wählen, warum sollte ich Parteien wählen, die den Waffenexport aus Deutschland nicht unterbinden?“ Die Frau neben ihr: „Hier in Dorfchemnitz liegt vieles im Argen, die Schule wurde geschlossen, und die Sporthalle kann bei kaltem Wetter nicht genutzt werden. “ Um Geld für eine neue Heizung bittet der ehrenamtliche Bürgermeister Thomas Schurig (Freie Wähler) seit Langem vergeblich. Und dabei sprudelten in Sachsen doch die Steuergelder so üppig. „Hört auf“, sagt eine andere Wanderin. Morgen stünde „eh bloß“ in der Presse, dass in Dorfchemnitz nur Rechte leben. „Dabei haben wir nur alternativ gewählt.“

Von Andreas Dunte

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