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Sicherheitsexperte: Bahn braucht Milliarden-Programm zur Abwehr von Angriffen

Interview vor der „Protekt“ Leipzig Sicherheitsexperte: Bahn braucht Milliarden-Programm zur Abwehr von Angriffen

Großflächiges Netz, dezentrale Anlagen: Wie kann sich die Bahn überhaupt vor Angriffen auf ihre Infrastruktur schützen? LVZ.de sprach mit Sicherheitsexperte Rainer von zur Mühlen über Rüstungsspiralen und die Rolle der Politik.

Sicherheitsexperte Rainer von zur Mühlen äußert sich zu den Anschlägen auf die Deutsche Bahn.

Quelle: Regina Katzer / VZM

Leipzig. Das zeitliche Zusammentreffen ist frappierend: Zwei Tage nach den Angriffen auf die Deutsche Bahn tagen in Leipzig bei der Fachkonferenz „Protekt“ Experten zum Thema „Kritische Infrastruktur als Anschlagsziele“. LVZ.de sprach mit dem Sicherheitsexperten und Tagungs-Referenten Rainer von zur Mühlen über die Gefährdung der Deutschen Bahn und ihre Chance, solche Angriffe abzuwehren.

Sind die Brandanschläge auf Kabelschächte und Signalanlagen für Sie als Sicherheitsexperte ein typisches Szenario?

Ich muss ganz brutal sagen, das ist ein erwartetes Szenario, das der Komplexität unserer Systeme geschuldet ist. Die Deutsche Bahn gehört zu den sogenannten kritischen Infrastrukturen, wie auch Stromversorger oder Telekommunikationsunternehmen. Konzertierte Aktionen haben da immer eine extreme Wirkung. Auf der „Protekt“ geht es gerade darum, den Verantwortlichen zu zeigen, wo sie mit ihrer Arbeit ansetzen können. Ich werde diesen Vorfall mit in den Vortrag einbauen, aktueller geht es nicht.

Inwiefern ist die Bahn ein besonders sensibles Ziel?

Die Verwundbarkeit ist besonders hoch wegen der Dezentralität der Anlagen. Sie können nicht an jede Weiche einen Mann stellen. Die Beschleunigung der Züge und das Ziel einer besseren Auslastung der Strecken führen außerdem dazu, das Weichen- und Signalsteuerung heute elektronisch realisiert werden. Dadurch entfallen Wartezeiten und rund 30 Prozent mehr Zugverkehr kann über die Strecken rollen. Gleichzeitig erhöht das die Gefährdung der Bahn. Ein Beispiel: In Berlin gab es vor rund drei Jahren einen Stellwerksbrand. Der hatte tagelang Auswirkungen auf den Bahnverkehr, weil das Werk ein Solitär war. Es gab kein Backup.

Welche Chancen zur Prävention sehen Sie überhaupt für die Deutsche Bahn?

Die Möglichkeiten gibt es, aber das ist auch eine Rüstungsspirale. Ein Stellwerk wie Berlin müsste, wenn Hochverfügbarkeit gewährleistet werden soll, dupliziert sein. Ich weiß, dass die Bahn sehr heftig an solchen Lösungen arbeitet und teilweise auch umgesetzt hat. Das kostet aber Milliarden, und das Unternehmen kann sich das Geld nicht aus den Rippen schneiden. Das muss es erst verdienen – oder vom Bund bekommen.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Redundanz zu schaffen, wie das viele Strombetreiber tun: Fällt in einem Versorgungsring ein Punkt aus, müssen Umschaltmöglichkeiten auf andere Punkte bestehen, um den Ring wieder zu schließen. Aber um die Netzwerke so zu gestalten, dass sie schwer angreifbar sind, muss man ja buddeln und das ist enorm teuer.

So wie Sie es schildern, scheint es zweifelhaft, dass die Bahn sich überhaupt in absehbarer Zeit vor solchen Angriffen schützen kann…

Das geht schon. Mit einem Milliarden-Programm könnte das in zwei bis drei Jahren passiert sein. Hier ist ganz klar die Politik gefragt. Der Bund setzt ja auch entsprechende Standards für die „Kritis“ – also kritische Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung, Telekommunikation und Verkehr. Und der Bund müsste die Bahn auch finanziell in die Lage versetzen, seine Auflagen zu erfüllen.

Welche Wirkung haben Notfallpläne – worauf konzentriert sich die Bahn in so einem Fall?

Nach so einem Angriff geht es darum, alles möglichst schnell wieder anzufahren. Da greift ein sogenanntes Business Continuity Management System. Aber wenn die entsprechende Technik wie Backups oder Redundanz nicht da ist, bleibt die Bahn verwundbar. Noch während die Schäden repariert werden, kann weiteres passieren.

Sicherheitsexperte Rainer von zur Mühlen ist Chef der Von zur Mühlen’sche GmbH Bonn, die seit den 1970er Jahren Sicherheitsberatungen und Planungen für Großunternehmen durchführt. Er ist außerdem Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Sicherheitsberater und Ingenieure und gehört zur den Referenten der „Protekt“ (21.-22.6.), einer Konferenz und Fachausstellung der Leipziger Messe zum Thema „Schutz kritischer Infrastrukturen“.

Von Evelyn ter Vehn

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