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Leppersdorf: Seit fünf Generationen fertigt Thielemann Taschen in Handarbeit

Taschen, Tradition und eine Tochter mit Ideen Leppersdorf: Seit fünf Generationen fertigt Thielemann Taschen in Handarbeit

Ganz unscheinbar liegt die Taschenfabrik Thielemann in Leppersdorf. Nicht einmal der ortsansässige Taxifahrer kennt das Familienunternehmen, das mittlerweile in fünfter Generation Ledertaschen in Handarbeit herstellt und sogar nach Japan exportiert. „Das soll sich jetzt ändern“, sagt die 22-jährige Theresa Wolf, frisch gebackene Sattlermeisterin.

Seit fünf Generationen fertigt Thielemann Taschen in Handarbeit.
 

Quelle: Anja Schneider

Leppersdorf.  Ganz unscheinbar liegt die Taschenfabrik Thielemann in Leppersdorf. Nicht einmal der ortsansässige Taxifahrer kennt das Familienunternehmen, das mittlerweile in fünfter Generation Ledertaschen in Handarbeit herstellt und sogar nach Japan exportiert. „Das soll sich jetzt ändern“, sagt die 22-jährige Theresa Wolf, die als frisch gebackene Sattlermeisterin das Unternehmen ihrer Familie bekannter machen will.

Alles begann im November vor 120 Jahren, als Theresa Wolfs Ur-Ur-Großvater Moritz Thielemann in Leppersdorf eine kleine Sattlerei gründete. Zunächst konzentrierte er sich auf Produkte für die umliegenden Bauernhöfe, wie Pferdegeschirr und Hundeleinen. Doch schon bald kamen Taschen und Rucksäcke hinzu. Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs trafen die Familie Thielemann und den bis dato auf 120 Mann angewachsenen Betrieb besonders schlimm. Außer dem Ur-Ur-Großvater hatte nur der heutige Opa von Theresa, Wolfgang Thielemann, den Krieg gesund überlebt. Der damals Elfjährige zog zu seinem Großvater, der die Vormundschaft übernahm und das Unternehmen als Ein-Mann-Betrieb wieder aufbaute. Die Jahre nach dem Krieg waren hart, Freizeit gab es für den jungen Wolfgang nur für den sonntäglichen Kirchgang. 1949 war er alt genug, um auf die Handelsschule in Radeberg zu gehen. Doch die sowjetischen Besatzer machten ihm einen Strich durch die Rechnung, indem sie kurz darauf die Handelsschule als „kapitalistische Institution“ schlossen.

Seit fünf Generationen fertigt Thielemann Taschen in Handarbeit

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Also ging Wolfgang Thielemann bei seinem Großvater in die Sattlerlehre und setzte sich kurz vor seinem 18. Geburtstag mit einem alten Motorrad ins thüringische Apolda ab, um bei einem Taschenfabrikanten anzuheuern, der feine Damentäschchen herstellte. Das Modellieren gefiel ihm, er probierte, sich selbstständig zu machen, belegte einen Kurs an der Meisterschule in Dresden und kehrte nach seinen jungen, wilden Jahren als einziger Nachfolger zurück in das Familienunternehmen im beschaulichen Leppersdorf. 1972 folge die Zwangsverstaatlichung der Taschenfabrik, die mittlerweile wieder 60 Angestellten Arbeit gab. Ein Großteil der Taschen wurde nach Westeuropa und Russland exportiert und mit einigen Tricks gelang es dem Unternehmer Wolfgang Thielemann, Passierscheine nach Westberlin und einen Travelport aus dem alliierten Reisebüro zu organisieren, mit denen er den Handel nach Westdeutschland und Skandinavien anschob. Die Zeiten als Kombinatsbetrieb waren schwierig, denn „das Modeinstitut der DDR hatte einfach keine Ahnung, verkaufsfähige Artikel für das NSW-Gebiet zu entwickeln“, erzählt Thielemann verschmitzt lächelnd.

Dann kam die Wende, doch der große Erfolg blieb zunächst aus. „Made in Ostdeutschland“ war nicht viel Wert, daher wurde ein Teil der Ware aus Indien importiert. Zu Zeiten von Theresas Geburt Mitte der 90er Jahre ging es mit der Firma bergauf. „Made in Germany“ gewann in Deutschland und international an Bedeutung. Heute beliefert Thielemann Kunden unter anderem in Japan und Amerika sowie zahlreiche Fachgeschäfte in der Umgebung. „Nur mit dem Verkauf in einigen Teilen Deutschlands hapert es immer noch ein wenig“, berichtet die Enkelin.

Gunter Wolf

Gunter Wolf

Quelle: Anja Schneider

Ihre Begeisterung für Taschen brauchte allerdings auch etwas Zeit. „Als Schülerin fand ich die Ledertaschen immer uncool“, gibt sie lachend zu. Doch nach einiger Ferienarbeit im Familienbetrieb stieg das Interesse. Die Ausbildung zur Täschnerin gibt es längst nicht mehr. Also lernte Theresa Reitsattlerin als letzte Auszubildende ihres Großvaters. Jemanden zu finden, der ihr die Herstellung eines Sattels beibringt, war gar nicht so einfach. Erst im Sauerland wurde Theresa fündig. Als Meisterstück fertigte sie einen Westernsattel, der die Höchstpunktzahl erhielt. Doch Sättel hat die 22-Jährige noch nicht verkauft, die Zielgruppe ist klein und der Preis hoch. Anders sieht es bei den Taschen aus. „Wir starten bei rund 55 Euro“, sagt Thielemann. Immer noch ein Verkaufsschlager ist die Jagdtasche. Der Großvater belieferte zu DDR-Zeiten damit das Jagdgeschäft in der Dresdner Wallstraße – und musste ständig Nachschub organisieren. Es dauerte etwas, bis er dahinter kam, dass vor allem Frauen die kleinen Umhängetaschen als modische Handtaschen kauften. Prompt orderte eine Vertreterin von Quelle auf einer Taschenmesse 4000 Stück. „Das war eine große Herausforderung für unser Unternehmen“, lacht der Großvater, der aktuell zusammen mit seiner Tochter Ines Wolf und seinem Schwiegersohn, Gunter Wolf, Eigentümer der Firma ist.

Heute produziert das Team mit rund 15 Angestellten im Schnitt 100 Taschen pro Woche und weitere Produkte in verschiedenen Bereichen. „Das Leder beziehen wir bereits fertig gegerbt“, erzählt die Sattlermeisterin. Dann erfolgen der Zuschnitt, Prägungen und schließlich die Näharbeiten. Und nebenbei entstehen immer neue Designs. Für viele ist das Arbeiten in der Taschenfabrik Thielemann „Learning by Doing“, denn einen gezielten Ausbildungsweg zum Täschner gibt es nicht mehr. An der Stanzmaschine für den Zuschnitt steht die gelernte Verkäuferin Dajana Kieschnik und die gelernte Schneidermeisterin Petra Anders, die an einem Muster näht, hält auch privat immer Ausschau nach neuen Taschentrends. „Wir probieren, zeitlose Taschen herzustellen, die nicht nur qualitativ mehrere Trends überleben“, sagt Theresa Wolf. Jetzt will sie das Traditionshandwerk mit den neuen Möglichkeiten des Internets bekannter machen und neue Kunden gewinnen. Von der Sattlerei durch Kriegswirren über Verstaatlichung hin zu Instagram, Facebook und Co. – das Unternehmen ist bereit für die nächste Generation.

Von Tomke Giedigkeit

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