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Kassen gängeln Ärzte bei Grippeschutz: Vierfach-Impfstoff nur mit Zuzahlung

Mangelnde Wirksamkeit Kassen gängeln Ärzte bei Grippeschutz: Vierfach-Impfstoff nur mit Zuzahlung

Zu Beginn der Grippesaison ist wieder einmal die Schutzimpfung Thema. Empfohlen ist ein Vierfach-Impfstoff, denn der Dreifach-Spritze schützt offenbar nicht gegen alle Erreger. Die Sächsische Impfkommission kritisiert Rabattverträge mit Pharmaunternehmen.

Zu Beginn der Grippesaison gibt es wieder einmal Diskussionen um den Impfstoff. (Symbolbild)

Quelle: dpa

Leipzig. Wirtschaftlichkeit geht vor Wirksamkeit: Zu Beginn der Grippe­saison gibt es in Sachsen Ärger um den richtigen Impfstoff. Obwohl die Sächsische Impfkommission (Siko) ausdrücklich einen Vierfachschutz empfiehlt, fordern die Krankenkassen die Ärzte im Freistaat auf, nur preiswertere Mittel mit einem Dreifachschutz zu spritzen. Auch in Thüringen und im Rest der Republik gehen die Kassen so vor. Hintergrund sind Rabattvereinbarungen mit Herstellern.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) Sachsen besteht ein solcher Rabattvertrag über den Dreifach-Impfstoff mit allen gesetzlichen Krankenkassen. Dass Ärzte auf diesen Impfstoff zurückgreifen sollen, habe „wirtschaftliche Gründe“, so eine KV-Sprecherin. Zugleich weist sie darauf hin, dass auch mit dem teureren Vierfachschutz geimpft werden kann. Allerdings „nur in medizinisch begründeten Einzelfällen“. Ärzte müssen das gegenüber den Kassen genau erläutern. Bestehen Patienten ohne vom Arzt bestätigte medizinische Indikation auf den Vierfach-Impfstoff, müssen sie dafür selbst aufkommen. Die Kosten liegen zwischen 15 und 23 Euro.

Der Chemnitzer Facharzt Siegwart Bigl, Mitglied der Siko Sachsen und deren ehemals langjähriger Vorsitzender, kritisiert die Kassen heftig: Ihre Drohungen verunsicherten die Impfärzte sehr, da die Mediziner Regressforderungen befürchten müssten, sollten sie den wirksameren Schutz impfen, sagt er. Dabei sei wissenschaftlich belegt, dass ein Vierfach-Impfstoff einen weit besseren Schutz vor einer Infektion mit Influenzaviren biete. Der Dreifachschutz enthalte nur Antigene einer Influenza-B-Linie. Bei der letzten Grippewelle hätten viele der Geimpften dadurch keinen ausreichenden Schutz gehabt. Auch Gerd Uwe Liebert, Direktor des Institutes für Virologie am Uniklinikum Leipzig, rät Patienten, aus genanntem Grund ihren Arzt auf den Vierfach-Impfstoff anzusprechen.

Wirtschaftlich sei das Vorgehen der Kassen keineswegs, sagt Bigl weiter und lenkt den Blick auf eine Studie der Uni Tübingen. Die Wissenschaftler haben errechnet, dass durch den Einsatz von Vierfach- statt Dreifach-Impfstoffen deutschlandweit zwischen 270.000 und 350. 000 Krankheits- und rund 200 Todesfälle vermieden werden können. „Die höheren Ausgaben für einen besseren Schutz durch geringere Behandlungskosten werden also mehr als kompensiert“, so der Mediziner - von ethischen Gesichtspunkten ganz zu schweigen.

Zwar hat der Gesetzgeber im April dieses Jahres entschieden, dass Rabattverträge unzulässig sind. Allerdings gelten Altverträge weiter. Wie die Barmer mitteilt, wurde das Ausschreibungsverfahren für Grippe-Impfstoffe 2017/2018 bereits im Vorjahr von der AOK Plus – stellvertretend für weitere Krankenkassen in Sachsen – abgeschlossen und der Zuschlag für den Dreifachimpfstoff erteilt. Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut hat anders als die sächsische Siko keine Empfehlung für ein Drei- oder Vierfach-Präparat gegeben.

Die Gesundheitsämter in Sachsen verwenden übrigens den Vierfach-Impfstoff. Wie das Amt in Leipzig mitteilt, kann sich jeder, der will, dort impfen lassen.

Andreas Dunte

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