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Karl Stein bewahrt in Nordböhmen vergessene Bezeichnungen und eine alte Kirche

Karl Stein bewahrt in Nordböhmen vergessene Bezeichnungen und eine alte Kirche

Oben in Biela/Bela endet die Stadt. Einst Dorf, ist es heute nordwestlicher Ortsteil von Decin/Tetschen. Keine 200 Meter weiter wird die schmale Straße zum Waldweg, der in ein enges Tal mündet.

Am Bach, der von dort kommt, steht ein altes Pfarrhaus mit gelber Fassade. Das wird in den nächsten Tagen zum Basislager einer Kindergruppe aus Dresden, unter ihnen einige von der Naturschutzgruppe "Aktion Ameise" der evangelischen Kirchgemeinde in Briesnitz.

Auf der Wiese im Garten wollen sie für drei Tage ihre Zelte aufschlagen und auf Wanderungen ein Stück Nordböhmens erkunden, wie René Hermann sagt. Der Gemeindepädagoge und Bezirkskatechet gehört zu den Begleitern der Gruppe. Auf Touren zu einstigen Raubritterburgen, bei böhmischer Küche und Abenden am Lagerfeuer wollen die Mitarbeiter des Stadtjugendpfarramtes Kindern die Natur ihres Nachbarlandes nahebringen.

Manches dazu werden sie vom Bewohner dieses Pfarrhauses erfahren: Karl Stein, ein Mann mit Halbglatze, grauem Vollbart und braunen Augen, der ausgezeichnet Deutsch spricht. Denn in Varnsdorf/Warnsdorf im Böhmischen Niederland oder Schluckenauer Zipfel, wo er 1954 geboren und aufgewachsen ist, hat er mit Eltern, Großeltern und Tante Deutsch gesprochen. Nur zu Hause allerdings, wie er erzählt. Tschechisch hat er als erste Fremdsprache erlernt.

Er kennt sich bestens im Lausitzer Gebirge, der Böhmischen Schweiz und ihrer Geschichte aus. Im Hauptberuf arbeitet der studierte Geometer und Kartograph nach Jahren in einem volkseigenen Baubetrieb seit 1990 in der Verwaltung des Landschaftsschutzgebietes, hat zum Beispiel die zweisprachigen Informationstafeln aufgestellt.

"Heimatforschung hat mich schon früh interessiert", erzählt er. "Über die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach 1945 wurde nicht gesprochen. Aber ich habe die Kreuze und Grabsteine mit den deutschen Inschriften gesehen." Was ihn interessierte, war die Landschaft in der Umgebung der Dörfer. Die einzigen Bücher und Karten, die es darüber gab und die er sammelte, waren auf Deutsch. "Außerdem habe ich die zurückgebliebenen Deutschen besucht und sie nach alten Flurnamen gefragt." Dies ist Karl Steins zweite Leidenschaft: das Interesse für die Sprache.

Etwa 5000 dieser Bezeichnungen für Bergrücken, Täler, Schluchten oder einfach Stellen in den Wäldern hat er zusammengetragen und auf Karten eingezeichnet. Es sind Namen wie "Wolfsgruben", "Meisengrundstreifen", "Hanfkuchen" oder "Beim Jakobi". Erst ihre Geschichte macht sie verständlich. Ein fast poetisches Kuriosum wie "Miedl-Seffs Hupps" im Kyjovské údolí/Khaatal beispielsweise geht auf eine Abkürzung zurück, die ein Mann namens Josef Miedl nahm. Das haben die Dorfbewohner mündlich weitergegeben. "Ich hatte das Bedürfnis, festzuhalten, was sonst mit ihnen verschwunden wäre." In Zeitschriften wie "Trei da Hejmt!" (Dialekt: "Treu der Heimat") vom Heimatverband Tetschen-Bodenbach, oder "Unser Niederland" vom Heimatverband des Schluckenauer Zipfels hat er Beiträge dazu veröffentlicht. Auch als Buch, "Flurdenkmäler unserer Heimat", in einer deutschen und einer tschechischen Ausgabe. Regen Austausch pflegt er auch mit Forschern vom Arbeitskreis Sächsische Schweiz im Landesverein Sächsischer Heimatschutz.

Das Pfarrhaus, in dem er oben, im ausgebauten Mansardendach lebt, ist 224 Jahre alt. Gemeinsam mit Frantisek Jirasek, dem katholischen Pfarrer, der auf linkselbischer, der alten Bodenbacher Seite, für acht Kirchen zuständig ist, hat er Geld zusammengelegt und das Haus renoviert. Nun können im Erdgeschoss Gäste übernachten.

Daneben steht eine spätbarocke Kirche, 1788 unter Kaiser Joseph II. (1741-1790) errichtet. Einmal im Jahr macht Karl Stein mit einigen Helfern darin sauber und schmückt sie mit Blumen. Um den 3. Dezember, dem Gedenktag des Heiligen Franz Xaver, dem sie gewidmet ist. Dann versammeln sich hier mehrere Dutzend Gläubige aus der Umgebung zu einer Messe.

Karl Stein nimmt das Vorhängeschloss ab und öffnet das eisenbeschlagene Portal. Auf den braun gestrichenen Kirchenbänken liegt Putz, herabgerieselt von der löchrigen Decke. Die halb zerschlagenen Buntglasfenster sind notdürftig geflickt, der Orgelprospekt leer. Nach einigen Einbruchsversuchen sind die Statuen an einen sicheren Ort gebracht worden. Auch das originale Altargemälde. Als Ersatz hat Tana Altova, eine Lehrerin am Tetschener Gymnasium, ein neues gemalt. Es zeigt Franz Xaver, den Mitgründer des Jesuitenordens, wie er sich als Missionar in Japan segnend über einen Kranken beugt.

"Ich mache an der Kirche, was mir möglich ist", sagt Karl Stein. "Das können nur Kleinigkeiten sein." Immerhin hat er für elektrische Beleuchtung gesorgt, draußen das Metallgeländer erneuern lassen und die Glocke repariert. Ist er zu Hause, läutet er sie sonntags zur Mittagszeit.

"Manchmal fragen mich Besucher, wann ich denn mit der Renovierung fertig bin. Aber wenn mir jemand eine Million gäbe und ich würde die Kirche sanieren - brächte das Leute hinein?" Außer ihm und seinen beiden erwachsenen Kindern seien nur noch zwei alte Nachbarn gläubig. So verwendet Karl Stein alle Mühe darauf, das Gebäude wenigstens zu erhalten. "Aber Gott", so sagt er, "lebt auch in baufälligen Kirchen".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.08.2013

Tomas Gärtner

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