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„Kaltland“: Besuch bei Flüchtlingen in der sächsischen Provinz

„Kaltland - Unter Syrern und Deutschen“ „Kaltland“: Besuch bei Flüchtlingen in der sächsischen Provinz

Wie lebt es sich in einem Flüchtlingsheim in Sachsen - wenn nicht gerade eine Politiker-Delegation durch die Gänge spaziert? Jasna Zajcek hat ein in vielerlei Hinsicht verstörendes Buch über den „Kulturclash“ in der Provinz geschrieben.

Die Autorin Jasna Zajcek stellt ihr Buch "Kaltland - Unter Syrern und Deutschen" vor.

Quelle: dpa

Berlin/Bautzen. Die Ankunft von mehr als einer Million Asylbewerbern aus Nahost, Afrika und Südasien seit 2015 hat in Deutschland Emotionen freigesetzt. Bei den Einheimischen und bei denjenigen, die hier Schutz und ein besseres Leben suchen. Das Spektrum der Gefühle ist breit: Hass, Ablehnung, Wut, Verzweiflung, Enttäuschung, Neugier, Mitgefühl, Erleichterung, Dankbarkeit und Freude.

Wer sich mit der Flüchtlingsfrage beschäftigt, erlebt oft, dass die meisten Menschen eine glasklare Meinung haben. Doch nur eine Minderheit kann eigene Erfahrungen beisteuern, die über zufällige Begegnungen im Supermarkt oder die Übergabe von gebrauchten Kleidern hinausgehen.

Die Journalistin und Reiseleiterin Jasna Zajcek (43) hat sich aufgemacht in die sächsische Provinz, um arabischen Flüchtlingen in einem ehemaligen Hotel die deutsche Sprache näherzubringen. Der Kurs wurde aus dem Budget des bundesweiten Sprachförderungsprogramms der Bundesagentur für Arbeit bezahlt. Am Ende ihres fünfmonatigen Aufenthalts in einem Dorf bei Bautzen entsteht ein Buch, das wenig Hoffnung macht.

Es heißt „Kaltland - Unter Syrern und Deutschen“. Als Titelfoto hat die Autorin heruntergelassene Jalousien gewählt, weil sie die Dorfbewohner so verschlossen fand. „Die Einheimischen waren mir fremder als die Flüchtlinge“, bilanziert Zajcek. Sie redet schnell und viel. Zajcek sagt, ihr journalistisches Vorbild sei der frühere Nahost-Reporter Peter Scholl-Latour.

Von ihrem Ausflug nach Ostsachsen kam sie ernüchtert nach Berlin zurück. „Wenn man Journalisten überhaupt hineinlässt in die Flüchtlingsheime, dann zeigt man ihnen nur die Vorzeigeflüchtlinge“, sagt sie. Als Angestellte habe sie viel mehr Einblick erhalten. Die Mehrheit der arabischen Flüchtlinge habe sich - aus unterschiedlichen Gründen - nicht sehr für ihren Deutschkurs interessiert.

Die Flüchtlinge, sagt Zajcek, seien größtenteils mit völlig falschen Vorstellungen nach Deutschland gekommen. „Das ist hier nicht das richtige Deutschland“, zitiert sie einen irakischen Asylbewerber, der sich nicht erklären kann, warum die Krankenkasse nicht für die Operation seines Mittelfingers zahlen will. Was Zajcek ärgert, ist das Geschäftsgebaren einiger privater Firmen, die mit den Flüchtlingen Geld verdienen.

Dass zumindest in dem Heim, in dem die Autorin recherchiert hat, nicht alles optimal lief, bestätigt auch der ehemalige Hausmeister, der im Buch als „engagierter Hausmeister Michael“ auftaucht und seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Er sagt über die Unterkunft, in der damals rund 180 Menschen lebten: „In dem Haus gab es nur zwei Sozialarbeiter und mich als Hausmeister.“ Bis zur Schließung habe es nur drei Herde gegeben, „sogar den kaputten Glühbirnen musste ich hinterherlaufen“.

Das Buch hat er gelesen. Er findet, die Einheimischen kämen darin zu schlecht weg. „Mit dem Ort gab es keine Probleme“, sagt er. Und: „Ansonsten entspricht die Beschreibung der Zustände im Heim der Wahrheit.“

Zajcek erklärt, „viele Syrer haben Angst, in Bautzen herumzulaufen“. Und dass auch sie, eine hochgewachsene rotblonde Frau, bei den Sachsen vergeblich versucht habe, Anschluss zu finden. Sie beschreibt in ihrem Buch eine Bürgerversammlung in einer Gaststätte in Bautzen, bei der über die rechtlichen Grundlagen zur Gründung einer Bürgerwehr diskutiert wird. Sie zitiert einen Anwalt, der sagt: „Meine Herren, was sie dürfen, das sagte ich bereits. In dem Fall können sie den Neger festhalten bis die Polizei kommt, notfalls auch anbinden.“

Was irritiert: Einige Orts- und Personennamen in „Kaltland“ sind verfremdet, andere nicht. Das Dorf „Tipschitz“, in dem die Autorin ihre „Sozialreportage“ recherchiert hat, sucht man auf der Landkarte vergeblich. Auch der Name des leerstehenden Hotels, in dem die Asylbewerber leben, wurde geändert.

„Das hatte rechtliche Gründe und wurde vom Verlag so festgelegt“, sagt Andrea Neuhoff, Sprecherin des Droemer-Verlags. Wer sich in Bautzen und Umgebung auskennt, wird anhand der im Buch geschilderten Begleitumstände trotzdem keine Schwierigkeiten haben, die Asylbewerberunterkunft in Niedergurig zu erkennen, die im vergangenen August geschlossen wurde.

Beim Landratsamt Bautzen kennt man „Kaltland“ - noch - nicht. Zu den Gründen für die Schließung des Heims in Niedergurig erklärt eine Sprecherin: „Das Park Hotel musste damals aufgrund von Sicherheitsmängeln geschlossen werden, die der Betreiber nicht behoben hat.“

Nicht weit von der geschlossenen Unterkunft betreibt Peter-Kilian Rausch in seinem Bautzener „Spree-Hotel“ eine Unterkunft für Asylbewerber, die einen besseren Ruf hat. Er sagt: „Mit dem geringsten Aufwand hat der Betreiber des Heims, das im Buch beschrieben wird, das Maximalste an Geld herausgeholt und die Not des Landratsamts schonungslos ausgenutzt.“

Er sagt, Zajceks Buch habe zwar „Schwächen“ und werde wohl in Sachsen einen „Aufschrei des Entsetzens“ provozieren. Viele ihrer Beobachtungen teilt er aber. Er sagt: „Ja, es gibt eine schweigende rechte Mitte.“

Zu den „Schwächen“ zählen Ortsansässige die etwas klischeehafte Beschreibung der lokalen Bevölkerung: „Nahezu alle deutschen Frauen haben entweder blauschwarz, weißblond oder in poppigen Farben gefärbte Haare, tragen asymmetrische Frisuren und betont legere Freizeitkleidung mit knallengen Leggings oder Jeans, ungeachtet der Figur“, die älteren Männer sind „meist bierbäuchig“. Sie monieren auch sachliche Fehler bei der Beschreibung der Siedlungsgebiete der sorbischen Minderheit, der Historie der örtlichen Justizvollzugsanstalt und des ehemaligen Stasi-Gefängnisses.

Von Anne-Beatrice Clasmann und Miriam Schönbach, dpa

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