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700 Jahre Dennheritz: Ort verwandelt sich in Freiluftmuseum

Jubiläum 700 Jahre Dennheritz: Ort verwandelt sich in Freiluftmuseum

Vor allem kleineren Orten gelingt es, zu Jubiläen das gesamte Dorf einzubinden. Ein Beispiel ist die Gemeinde Dennheritz in Westsachsen. Beim Festumzug am Wochenende ist jeder dritte Einwohner mit von der Partie und lässt 700 Jahre Dorfgeschichte lebendig werden.

Handgefertigte Strohpuppen sind am 01.06.2017 im gesamten Dorf Dennheritz (Sachsen) anlässlich der 700 Jahrfeier zu sehen.

Quelle: dpa

Dennheritz. Gemütlich sitzt der Bauer nach getaner Arbeit mit seiner Frau auf einer alten Bank. Hinter den selbstgebastelten Strohpuppen steht ein mit bunten Blumen bepflanztes Fahrrad. Magdalena Barth zupft noch schnell Deckchen und Strickzeug zurecht, dann ist das historische Schaubild vor der einstigen Mühle perfekt. Das alte Anwesen hat sich genauso fein herausgeputzt wie der Rest von Dennheritz. „Die 700-Jahr-Feier war der willkommene Anlass, das vordere Gebäude endlich auf Vordermann zu bringen“, sagt Mutter Kathrin Barth. Man habe sich quasi genötigt gefühlt, den Anbau neu zu streichen, ergänzt Ehemann Ulrich mit einem schiefen Grinsen.

Die westsächsische Gemeinde mit 1200 Einwohnern, zu der die Ortsteile Nieder- und Oberschindmaas gehören, hat sich in ein vier Kilometer langes Freiluftmuseum verwandelt. Vor nahezu jedem Haus stehen Schaubilder, die Geschichten erzählen: Etwa über die ehemalige Bäckerei oder das Leben der Bauern. „Der örtliche Tischlermeister hat sogar ein Denkmal zum Ersten Weltkrieg im Maßstab 1:1 nachgebaut“, berichtet Matthias Trenkel.

Beim Festumzug am Wochenende ist jeder dritte Einwohner mit von der Partie und lässt 700 Jahre Dorfgeschichte lebendig werden.

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Der Mittdreißiger gehört zum zehnköpfigen Festkomitee. Wenn sich am kommenden Samstag rund 80 Schaubilder auf Pferdewagen, historischen Traktoren oder knatternden Simson-Mopeds in Bewegung setzen, ist sogar jeder dritte Einwohner mit von der Partie. Die Dennheritzer wollen mehr als zwei Stunden lang 700 Jahre Dorfgeschichte auf einer Strecke von 2,5 Kilometern zum Leben erwecken.

„Das ist wie ein Virus - irgendwie macht jeder mit“, meint Trenkel. Fünf Kilometer Wimpelkette schmücken gefühlt jeden Gartenzaun in der Gemeinde im Landkreis Zwickau, die zwar eigenständig ist, aber von Crimmitschau verwaltet wird. „Eigentlich ist Dennheritz gar nicht so ein tolles Dorf. Es gibt kein richtiges Zentrum, außer einem Verkaufswagen keinerlei Einkaufsmöglichkeiten mehr“, sagt der Werbetechniker, der nach zehn Jahren Auszeit wieder in seinem Heimatort lebt. Es seien eher die Menschen, die Dennheritz ausmachten.

„Man freut sich einfach, wenn ein Dorf noch so eine Gemeinschaft bildet“, meint Anwohner René Hansel. „Wir kommen nochmal viel mehr miteinander in Kontakt“, findet Kathrin Barth. Man habe niemanden groß überreden müssen, ergänzt Dirk Hartig. Er plant den Festumzug seit mehr als einem Jahr. Seine Familie lebt nach seinen Angaben seit 1550 in Dennheritz. „Das spornt einfach an und klar, verpflichtet auch ein Stück weit.“ Für ihn sei das Jubiläum quasi ein weiterer Vollzeitjob - nur unbezahlt.

Ortsjubiläen sind wesentlicher Bestandteil der Traditionspflege

„Rituale wie solch ein Fest stiften ein Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit. Man versichert sich dessen, was man gemeinsam hat“, erklärt Soziologe Christian von Scheve das Engagement der Dorfbewohner. Gerade in kleineren Orten sei es einfacher, viele Menschen zusammenzubringen, meint der Professor der Freien Universität Berlin. Je übersichtlicher eine Gemeinde, desto stärker seien jedoch die normativen Zwänge. „Man muss hier immer zwei Seiten betrachten, denn Vergemeinschaftung heißt auch Ausgrenzung für die, die nicht mitmachen.“

Dass Jubiläen ganze Dörfer mobilisieren, zeigt ebenso das Beispiel Cunersdorf im Erzgebirge. Die 875 Einwohner feiern gleich ein ganzes Jahr lang. Der Ortsteil von Annaberg-Buchholz organisiert knapp 40 Veranstaltungen rund um das 650. Jubiläum. „Es ist als wenn ganz Cunersdorf aus dem Dornröschenschlaf erwacht wäre“, meint Ortschaftsrätin Cathrin Schaarschmidt. Ob alteingesessen oder zugezogen wie sie selbst - die Gemeinde sei deutlich zusammengewachsen. 

Andere sächsische Orte haben am kommenden Wochenende ebenfalls etwas zu feiern: Etwa 666 Jahre Markersdorf bei Penig (Landkreis Mittelsachsen) oder Uhyst nahe Görlitz, das auf 675 Jahre zurückblickt. Bereits im Mai ließen die 400 Einwohner von Jauernick-Buschbasch (Landkreis Görlitz) ihre 1050-jährige Geschichte Revue passieren. Auch nach der großen Sause erinnern 30 Infotafeln in einem der ältesten Orte der Oberlausitz daran, was Schmiede, Molkerei und Co. einst für das Dorf bedeuteten.

Einen Überblick, wann welche Gemeinde Jubiläum feiert, haben allerdings weder der Städte- und Gemeindebund, noch die Landkreise oder das Sächsische Staatsarchiv. Lediglich der Städtetag hat eine solche Liste für große Kommunen. Ortsjubiläen seien ein wesentlicher Bestandteil der Traditionspflege, sagt Eckhart Leisering vom Hauptstaatsarchiv in Dresden. Gründungsurkunden seien jedoch nur selten überliefert. Ersatzweise werde deshalb meist zur ersten schriftlichen Erwähnung gegriffen.

dpa

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