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Gesundheit Was es mit Body Shaming auf sich hat
Mehr Gesundheit Was es mit Body Shaming auf sich hat
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10:53 05.04.2018
Mit ihrem Buch "Fa(t)shionista - Rundum glücklich durchs Leben" möchte Magda Albrecht anderen helfen, sich in ihrem Körper wohl zu fühlen. Quelle: Hans Scherhaufer
Berlin

Als Magda Albrecht ein Kind war - so um die fünf Jahre

alt - sagte ihr eine Ärztin: "Du bist zu dick, du musst mehr Sport

machen." Dabei war Albrecht ein sportliches Kind, erzählt sie. "Aber

eben ein dickes sportliches Kind."

Auch ihre Klassenkameraden gaben ihr das Gefühl, dass mit ihr etwas nicht stimme - und ärgerten sie. Oder um es deutlicher zu sagen: "Ich bin von Kindheit an diskriminiert worden." Lange Zeit suchte die heute 31-Jährige den Fehler bei sich. "Ich hab meinen Körper immer als den ultimativen Makel gesehen und das auch nicht hinterfragt."

Magda Albrecht ist auch heute noch, was man gemeinhin als dick

bezeichnen würden. Für sie ist das kein Problem. Für viele andere

offenbar schon.

Body Shaming nennt sich das, derzeit häufig ein

Schlagwort für das Phänomen. Es bedeutet, dass Menschen aufgrund

ihres Körpers - wörtlich - beschämt werden. Das trifft häufig Dicke.

Einer DAK-Studie zufolge finden 71 Prozent der Erwachsenen in

Deutschland Fettleibige unästhetisch, 38 Prozent denken das über

Dicke.

"Die Stigmatisierung von Übergewichtigen ist ein großes Problem",

sagt Prof. Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen

Adipositas-Gesellschaft. "Menschen, die diskriminiert werden,

beginnen sich selbst zu diskriminieren", erklärt sie. Das führe dazu,

dass sie glauben, nicht glücklich sein zu können, solange sie dick

sind. Sie definieren sich dann fast ausschließlich über ihren Körper.

Dass ihr Gewicht immer ein Thema ist, musste etwa die Politikerin

Ricarda Lang erfahren. "Egal, wozu ich mich äußere - Lohngleichheit,

Kinderarmut oder Kohlekraft: Ich bekomme als Antwort Kommentare zu

meinem Äußeren", schrieb die Sprecherin der Grünen Jugend im Januar

im "Spiegel"-Jugendmagazin "

Bento". "Warum nehmen sich diese Fremden raus, mir ungefragt Tipps zu geben? Ist es so schwer zu verstehen, dass es weder ihre Aufgabe noch ihr Recht ist, meinen Körper zu kommentieren?", fragt sie. In den sozialen Netzwerken ist sie regelmäßig üblen Beleidigungen ausgesetzt.

Dicke müssen sich im Alltag mit Vorurteilen und Ausgrenzung

rumschlagen: Dass füllige Menschen Nachteile im Job haben, zeigt etwa

eine

Studie der Universität Tübingen aus dem Jahr 2012. Die

Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass Personaler dickeren

Menschen fast nie einen Job mit hohem Prestige zutrauen. Für eine

Abteilungsleiterstelle wurden sie ebenfalls selten ausgewählt.

Besonders betroffen waren demnach Frauen von den Vorurteilen.

Auch Magda Albrecht ist sich sicher, dass es Frauen häufiger trifft,

"wenn man bei binären Geschlechteridentitäten bleibt". Die Standards

mit Blick auf das Äußere seien bei Frauen einfach stärker gesetzt als

bei Männern. "Bei Männern wird so ein kleiner Bauch noch als sozial

legitim angesehen."

Und diese Standards werden täglich vorgelebt - besonders auch in den

Medien: In der aktuellen Staffel "Germany's Next Topmodel" schämen

sich dünne Mädchen für ihre Kurven - weil andere noch dünner sind.

Klatschzeitschriften analysieren die "Figurprobleme der Stars" und

vermuten hinter jedem Extra-Kilo gleich eine Schwangerschaft oder

Depression.

Albrecht hat mittlerweile ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben,

damit will sie anderen auch helfen, sich in ihrem Körper wohl zu

fühlen. "Nicht der Körper ist verkehrt, sondern gesellschaftliche

Normen, die Körper in "gut" und "schlecht, "schön" und "hässlich"

einteilen", betont sie.

Doch warum werden immer wieder gerade dicke Menschen diskriminiert?

Prof. Lotte Rose und Friedrich Schorb werfen einen wissenschaftlichen

Blick auf das Thema. In einem von ihnen veröffentlichten Buch über

"Fat Studies in Deutschland" notieren sie, dass dicke Menschen zu

einer "gesellschaftlichen Belastung" erklärt werden. Sie würden

bedrängt, ihr Körpergewicht zu ändern. "Diese Zugriffe erscheinen

legitim, fürsorglich und verantwortungsvoll gegenüber den betroffenen

Menschen", schreiben sie. Doch sind sie das wirklich?

"Viele meinen, das Gewicht lasse sich leicht kontrollieren", sagt

Prof. de Zwaan. Ein bisschen mehr Bewegung, ein bisschen gesünder

essen - dann wird das schon. Wer das nicht schafft, hat - scheinbar -

keine Selbstbeherrschung, ist selbst schuld und schwach. Doch ganz so

einfach ist das nicht. Warum jemand dick ist, kann ganz

unterschiedliche Gründe haben. Und: "Unsere Biologie sagt uns immer

noch: Wenn Essen da ist, bitte essen", erklärt die Fachärztin für

Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Hannover.

Um abzunehmen, brauche es einen enormen Willen - und um das Gewicht

dann zu halten noch viel mehr. Wer seinen Körper mit viel

Selbstdisziplin trimmt, schaut vielleicht leichter auf andere herab,

die das nicht so können.

Natürlich können zu viele Kilos auch Gesundheitsrisiken bergen.

Deshalb - so de Zwaan - sei es als dicker Mensch zumindest sinnvoll,

nicht weiter zuzulegen. Aber sie fordert auch: "Die Menschen sollen

mit ihrem Körper zufrieden sein, auch wenn er nicht perfekt ist." Das

fällt besonders schwer, wenn andere sie auf ihr Gewicht reduzieren -

sie stigmatisieren.

Service: Magda Albrecht: Fa(t)shionista: Rund und glücklich durchs Leben, ISBN: 978-3864930539

dpa

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