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Fit & Gesund „Mit ihrem Gehör gehen viele Menschen nachlässig um“
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16:51 31.03.2017
Prof. Dr. Thomas Zahnert mit einem Modell eines Innenohres bestehend aus der Gehörschnecke und dem Gleichgewichtsorgan. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Wie groß ist der Anteil der Bevölkerung, der behandlungsbedürftige Probleme mit den Ohren hat bzw. Hilfsmittel braucht, um hören zu können?

Man rechnet damit, dass es in Deutschland etwa 15 Millionen Menschen von einer Hörstörung betroffen sind. Glücklicherweise haben die Hälfte der Betroffenen nur eine geringgradige Schwerhörigkeit, das heißt, sie hören schlechter als 25 Dezibel. Damit kann man in der Regel Flüstersprache gerade noch verstehen. Etwa 1,5 Millionen sind hochgradig schwerhörig oder gehörlos. Sie haben bereits Probleme mit einem Hörgerät zu Recht zu kommen und benötigen oft ein schon ein Cochlea-Implantat – also eine elektrische Hörnervenprothese. Die Zahlen stammen aus den späten 90ger Jahren und es gut möglich, dass mit der älter werdenden Bevölkerung inzwischen eine Korrektur nach oben erfolgen muss.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind von Geburt an schwerhörig ist?

Die angeborene permanente Schwerhörigkeit ist selten, da liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 1 : 1000. 25% davon sind genetisch bedingt, auch Infektionen in der Schwangerschaft, wie Mumps, Masern, Cytomegalie oder Toxoplasmose können zur angeborenen Schwerhörigkeit führen. Bei 50 % der betroffenen Kinder kennen wir die genaue Ursache nicht.

Wenn Sie Ihren Arbeitsalltag betrachten – wie hoch ist der Anteil der Tinnituspatienten?

Bei uns in der Uniklinik-Sprechstunde in der Poliklinik haben wir etwa 12 000 Patienten pro Jahr in der ambulanten Behandlung. Davon liegt der Anteil der Patienten mit einem Ohrgeräusch bei etwa Prozent. Oft ist hier jedoch der Tinnitus ein Begleitsymptom einer anderen Ohrerkrankung – wie beispielsweise einer Chronischen Mittelohrentzündung.

Genaue Zahlen zur Häufigkeit des Tinnitus gibt es nicht. Einer Schätzung, dass etwas jeder 4 bereits einmal in seinem Leben eine Tinnitusepisode hatte, kann ich gut folgen. Es wird weiterhin angenommen, dass etwa 6 Millionen Menschen in Deutschland ein dauerhaftes Ohrgeräusch wahrnehmen. Tatsächlich behandlungsbedürftig sind wahrscheinlich dagegen nur 1-2 Millionen.

Hintergrund ist, dass es sich bei Tinnitus um eine Ton- oder Geräuschwahrnehmung handelt, die nicht von vornherein einen Krankheitswert hat. Die Hörstörung gewinnt erst an Krankheitswert, wenn Beeinträchtigungen entstehen – zum Beispiel Schlafstörungen, Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit und Belastungsprobleme. Die meisten Patienten haben Gott sei Dank kaum Probleme mit ihrem Tinnitus, haben sich daran gewöhnt und kommen gut zurecht. Nur wenige leiden aufgrund an psychischen Belastungsproblemen und die wenigsten haben Tinnitus im Zusammenhang mit einer Depression.

Welche Ursachen kann Tinnitus haben?

Die meisten Menschen haben erst einmal Angst, wenn sie das erste Mal ein Ohrgeräusch hören, was nicht aus der Umgebung kommt, sondern vom Ohr selbst produziert wird. Es gibt sehr viele Menschen, die mal episodenhaft einen Tinnitus für Sekunden oder Minuten wahrnehmen, der dann wieder verschwindet. Das ist fast eine normale Erscheinung und hat wahrscheinlich keine Bedeutung. Und dann gibt es die, die dauerhaft ein Ohrgeräusch entwickeln. Das kann auch nach einem Knalltrauma oder nach einer schweren Infektion passieren.. Am häufigsten entsteht chronischer Tinnitus aber spontan. Ähnlich wie ein Hörsturz. Manchmal im Zusammenhang mit einem Hörsturz, manchmal unabhängig davon. Als Ursache werden oxidativer Stress in den Sinneszellen der Hörschnecke, Mikrozirkulationsstörungen oder Störungen in den Synapsen der Nervenzellen zwischen Hörnerv und Haarzelle im Ohr diskutiert. Die genaue Ursache ist leider nicht messbar.

Wie können Sie Menschen, die ständig Geräusche im Ohr haben, helfen?

Zunächst erklären wir dem Patienten, was dieses Geräusch bedeutet und dass es in der Regel harmlos ist. Natürlich erfolgt eine ausgedehnte Diagnostik des Ohres und der Hörbahn um seltene organische Ursachen auszuschließen. Wir erklären auch, dass die meisten Menschen mit einem solchen Ohrgeräusch im Leben sehr gut zurechtkommen und sich an das Geräusch gewöhnt haben. Tinnituspatienten neigen in der Anfangsphase dazu, sich auf diesen Ton im Ohr zu konzentrieren und immer in sich hinein zu horchen, ob er noch da ist oder vielleicht weggeht. Damit fokussieren sie sich auf das Geräusch und genau das ist falsch. Man sollte besser wieder lernen, Musik zu hören, sich wieder auf Umweltgeräusche - schöne Dinge wie Vögelzwitschern oder das Rauschen des Windes – zu konzentrieren. Es gibt viele Therapieansätze, die diesen Prozess unterstützen, wie muskuläre Entspannungsübungen, Techniken zur Stressbewältigung und eine Konditionierung des Gehörs durch verschiedene Trainingsprogramme.

Es gibt aber auch technische Möglichkeiten der Behandlung, vor allem wenn die Menschen gleichzeitig schwerhörig sind. Durch die Schwerhörigkeit werden ja Umgebungsgeräusche weggefiltert. Patienten mit Schwerhörigkeit und Tinnitus hören dann das Ohrgeräusch lauter, als Menschen, die normalhörig sind. Ihnen kann man zum Beispiel mit einem Hörgerät helfen, wieder die Umgebungsgeräusche wahrzunehmen, die sie seit Jahren nicht mehr gehört haben. Oft liegt das Tinnitusgeräusch von der Intensität her nur knapp oberhalb der Hörschwelle. Es braucht also nicht ein lautes Umgebungssignal, um den Tinnitus zu verdecken. Da reichen schon wenige Dezibel. Und das führt dazu, dass viele Patienten, die einen Tinnitus haben, ihn tagsüber gar nicht wahrnehmen. Außerdem kann selbst bei mittelgradig schwerhörigen Patienten ein Hörgerät die Höranstrengung und damit den Stress reduzieren. Stress verstärkt oft den Tinnitus.

Es gab in den zurückliegenden Jahren viele Versuche, den Tinnitus medikamentös zu beeinflussen. Da ist man allerdings – was die chronische Form betrifft – zurückhaltend geworden. Große Studien haben gezeigt, dass es kein zuverlässiges Medikament gibt, welches den Tinnitus tatsächlich beseitigen kann. Anders verhält es sich, wenn ein Tinnitus plötzlich akut auftritt. Dann sollte man, ähnlich wie bei einem Hörsturz, eine Akutbehandlung mit einer systemischen Kortisontherapie durchführen. Wir können heute auch gezielt Kortison hinter das Trommelfell – und damit in die Nähe des Innenohres applizieren um systemische Nebenwirkungen des Kortisons zu vermeiden. Die Studienlage dazu ist allerdings noch schwach.

Was kann jeder selbst tun, um sein Hörvermögen zu erhalten. Oder mit anderen Worten: Was kann man falsch machen?

Man sollte im Kopf haben, dass das Ohr ein hochempfindliches Sinnesorgan ist. Es leuchtet jedem ein, dass man seine Augen nicht verblitzen darf, dass man nicht direkt in die grelle Sonne oder in einen Schweißbrenner blickt. Mit ihrem Gehör gehen viele Menschen nachlässig um. Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie ihre Ohren mindestens genauso schonen müssen wie ihre Augen.

Wir erleben bei Jugendlichen eine zunehmende Nutzung von Kopfhörern – die sich heute mit Leichtigkeit an jedes Mobiltelefon stecken lassen. Die Nutzungszeit ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Auch der eingestellte Schallpegel ist oftmals grenzwertig. Wie viel Lärm man erträgt ist individuell. Aber letztlich kann Geräusch mit einer Lautstärke von über 85 Dezibel – abhängig davon, wie lange es einwirkt – zu einer Hörschädigung führen. Mit 90 Dezibel kann man sein Ohr ungefähr 20 Stunden in der Woche belasten, so dass es gerade noch toleriert wird.

Wie merkt man denn als Elternteil, wenn das eigene Kind oft mit Kopfhörern Musik hört, Filme sieht und kommuniziert, ob die Lautstärke zu hoch ist?

Schwierig. Am besten immer wieder selber mal die Kopfhörer kurz aufsetzen und dem Kind einen Hinweis geben „zu laut“ oder es loben, wenn es angenehm ist. Man kann auch beim Kauf von den Abspielgeräten (z.B. Mobiltelefon) erfragen, ob es eine Schallpegelbegrenzung gibt. Ich würde kein Gerät empfehlen, was über Stunden mehr als 90 Dezibel produzieren kann. Diskotheken sind normalerweise angehalten, die Musik nicht lauter als 90 – 95 Dezibel zu drehen. Da halten sich leider nicht alle dran. Gemessen wurden bis 100 oder sogar 110 Dezibel. Wenn Sie zehn Minuten bei 110 Dezibel in der Diskothek sind, haben Sie schon ein Risiko, einen permanenten Hörschaden zu entwickeln und Ihre wöchentliche Lärmdosis ist erreicht. Wenn es drei Dezibel weniger sind, verdoppelt sich die tolerierte wöchentliche Expositionszeit auf 20 Minuten. Bei 100 dB sind es dann 2 Stunden und bei 90 dB 20 Stunden. Es gibt also eine strenge Lärmdosis – Schadensrisikobeziehung, welche übrigens in den 60ger Jahren an der TU-Dresden ausführlich untersucht und als „Dresdner Lärmschadensmodell“ publiziert wurde.

Jeder hat ein Gefühl dafür, wann Musik zu laut ist. Sobald die Lautstärke im Rockkonzert oder bei der Disko unangenehm ist, sollte man das Gehör schützen, indem man sich zum Beispiel Gehörschutzstöpsel in die Ohren steckt – so paradox das im Zusammenhang mit einer Diskothek auch klingt. Es gibt eine Unbehaglichkeitsschwelle. Leier können die Gefühle aber täuschen, da sich unser Gehör nach kurzer Zeit auf hohe Lärmpegel einstellen kann und die Hörempfindlichkeit zurückgeht. Diese Vertäubung wird oft erst bemerkt, wenn man nach Hause geht. Aber dieses Vermögen der Sinneszellen, sich auf die Lautstärke einzustellen, ist begrenzt. Und es kostet Energie, die aus der Hörzelle selber kommt. Wenn diese Energie erschöpft ist, kann es zum permanenten Schaden kommen. Man geht heute davon aus, dass bereits die Wahrnehmung einer Vertäubung nach einem Diskobesuch ein Zeichen für eine Hörschädigung mit Langzeitwirkung sein kann. Dies gilt ebenso für den Tinnitus. Tritt nach einem Diskobesuch für Minuten oder Stunden eine Ohrgeräusch auf muss man damit rechnen, dass ein bleibender Schaden entstanden sein könnte. Das Geräusch kann auch wieder weggehen und man kann am nächsten Tag das Gefühl haben, dass man wieder normal hört. Aber von unserem Hörvermögen ist wahrscheinlich in diesem Moment etwas verloren gegangen.

Das füllt sich sozusagen nicht wieder auf?

Nein. Man kann sich unser „Lebens-Hörvermögen“ wie einen gefüllten Wasserkrug vorstellen. Mit jeder Lärmbelastung geht etwas Wasser verloren. Je intensiver die Lärmbelastung ist, umso schneller ist dieser Krug leer und wir werden schwerhörig oder taub.

Welche Symptome zeigen, dass die Hörprobleme offenbar so groß sind, dass man etwas tun muss?

Typischerweise beginnen die meisten Schwerhörigkeiten in den hohen Frequenzen – also ganz rechts auf der Klaviertastatur. Diese hohen Frequenzen brauchen wir, um die Feinheiten in den Sprachsignalen zu erkennen. Fehlen sie und sind gleichzeitig Störgeräusche in der Umgebung, wird es schwierig, Sprache zu verstehen. Man hat zum Beispiel Mühe, sich in der Gaststätte zu unterhalten oder bei Geburtstagsfeiern einem Gespräch zu folgen.

Ein weiteres Zeichen ist, wenn sich der Partner wundert, wesahlb man immer das Radio bzw. den Fernseher so laut dreht. Oder wenn man beim Telefonieren immer mehr Probleme hat, den anderen zu verstehen. Ertappt man sich dabei, dass man in Gesprächen immer wieder nachfragt, und/ oder dem Gegenüber in einem Gespräch auf den Mund sieht, um in einer Umgebung mit Störgeräuschen besser zu verstehen, dann sind das untrügliche Zeichen für eine beginnende Schwerhörigkeit.

Im Internet gibt es Online-Hörtests. Was halten Sie davon?

Wir führen Hörtests in geräuschisolierten Räumen durch mit geeichter standardisierter Technik. Das, was an Software auf Mobiltelefonen angeboten wird, oder auch die Hörtests im Internet, die mit nicht standardisierten Kopfhörern durchgeführt werden, liefern keine zuverlässigen Ergebnisse. Wenn man Probleme mit dem Hören hat, sollte man den Hörtest lieber vom Hals-, Nasen-, Ohrenarzt durchführen lassen.

Wer merkt, dass beim Lesen die Buchstaben verschwimmen, kauft sich beim Optiker eine Lesebrille. Wer schlechter hört, kann zum Hörgeräteakustiker gehen und sich ein Hörgerät holen. Oder sollte man doch vorher lieber zum Arzt?

Der erste Gang sollte unbedingt zum HNO-Arzt führen. Denn es gibt verschiedene Ursachen für die Schwerhörigkeit: Probleme im Gehörgang oder am Trommelfell, chronische Entzündung der Ohren, die sogar unbemerkt ablaufen können und das Ohr über Jahre zerstören bis hin zu Tumoren des Ohres oder am Hörnerven. All das sind Dinge, die der Hörgeräteakustiker nicht erkennen kann. Er stellt nur die Hörstörung fest, nicht aber die Ursache und um welche Form der Schwerhörigkeit es sich handelt. Natürlich ist es so, dass bei den meisten Patienten eine Innenohrschwerhörigkeit im Zusammenhang mit dem Alter haben. Aber darauf kann man sich nicht verlassen. Besonders wenn man vor dem 60. Lebensjahr betroffen ist.

Stimmt es, dass man bei einer Schwerhörigkeit und bei entsprechender Diagnose nicht zu lange warten soll, bis man ein Hörgerät nutzt, weil es dann zu einer Hörentwöhnung kommen kann und das Hörgerät gar nicht mehr hilft?

Es gibt verschiedene Effekte, die eintreten können, wenn man schwer hört und kein Hörgerät nutzt. Wer merkt, dass er Gesprächen im Störgeräusch nicht mehr folgen kann, entwickelt ein Vermeidungsverhalten. Ein gutes Beispiel sind Verständigungsprobleme in der lauten Gaststätte oder bei der Geburtstagsfeier, wenn alle durcheinander reden. Das kann sogar zur sozialen Isolation und sogar zur Depressionen führen. Wenn ich nichts mehr höre, kann ich nicht mehr kommunizieren. Ich igle mich ein. Insofern ist Schwerhörigkeit eine Erkrankung, die eine große soziale Bedeutung hat.

Um an der Kommunikation teilzunehmen und auch geistig interaktiv zu bleiben, ist es wichtig, dass das Gehör normal funktioniert. Deswegen empfehle ich jedem, der merkt, dass er schwer hört, sich untersuchen zu lassen und ggf. in Behandlung zu begeben. Jeder sieht ein, dass er eine Brille braucht, wenn er schlechter sieht. Bei einem Hörgerät aber fühlen sich viele stigmatisiert. Ein Hörgerät wird mehr mit dem Alter verbunden als eine Brille. Inzwischen gibt es aber so gute technische Lösungen, dass man die Hörgeräte kaum noch sieht – auch das berühmte Rückkopplungspfeifen ist kaum noch zu hören. Für besondere Fälle gibt es sogar impantierbare Hörgeäte, die gar nicht mehr zu sehen sind.

Die Entwöhnung, die Sie ansprechen, spielt natürlich auch eine Rolle. Es fällt Patienten viel schwerer, sich an ein Hörgerät zu gewöhnen, wenn sie jahrelang schon schwerhörig waren und sich daran in gewissen Grenzen gewöhnt haben. Sie empfinden – wenn sie dann ein Hörgerät haben und es einschalten – alles, was sie dadurch hören, oftmals als störend. Weil sie eben plötzlich z.B. ihre eigenen Körpergeräusche wieder wahrnehmen, weil sie den Straßenverkehr viel lauter hören. Ich glaube, dass es viel leichter fällt, sich an ein Hörgerät zu gewöhnen, wenn man seine Hörprobleme nicht negiert, sondern frühzeitig zum Arzt geht und ein erforderliches Hörgerät dann auch trägt.

Von Catrin Steinbach

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