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Fit & Gesund Dresden Im Adipositaszentrum Dresden werden Übergewichtige interdisziplinär behandelt
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11:28 27.03.2017
Kathrin Drenske sagt den Kilos den Kampf an. Sie hat sich in die Hände von Prof. Dr. Tobias Lohmann und seinem Team begeben. Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

„Es gibt nicht die Diät, die bei allen funktioniert. Extremkuren sind nicht die Lösung, sondern haben immer nur kurzfristige Effekte“, sagt Prof. Dr. Tobias Lohmann. Er muss es wissen. Denn der ärztliche Direktor und Chefarzt Innere Medizin des Städtischen Klinikums am Standort Neustadt/Trachau kümmert sich gemeinsam mit seinem Ärzteteam um die Patienten, denen Jojo-Effekte bestens bekannt sind, deren Gewicht sich von Diät zu Diät kontinuierlich gesteigert hat – bis zu einem ungesunden Ausmaß.

Diese Erfahrungen hat auch Kathrin Drenske gemacht. „Man fühlt sich als Übergewichtige eingeschränkt, geht nicht mehr in die Öffentlichkeit, weil man immer das Gefühl hat, blöd angeschaut zu werden. Und das wird man auch“, erzählt sie. Aber damit soll jetzt Schluss sein. Mit Hilfe der Experten im Adipositaszentrum, das am 1. November 2011 als erstes zertifiziertes Kompetenzzentrum für Adipositas- und metabolische Chirurgie in Sachsen seine Arbeit aufgenommen hat. Ein besseres Lebensgefühl erhofft sich Kathrin Drenske davon, eine gesteigerte Gesundheit.

An der Industriestraße 40 werden jährlich 200 bis 300 Betroffene behandelt. Voraussetzung dafür ist ein BMI über 35. Im Durchschnitt haben die Patienten allerdings einen BMI von 50. „Bei einem 1,75 Meter großen Mann bedeutet das ein Gewicht von mehr als 150 Kilogramm“, erklärt Prof. Lohmann. Gescheiterte Diäten und Frust führen schließlich dazu, dass sich Übergewichtige Hilfe holen. Zudem drohen Folgeerkrankungen, wird die Adipositas nicht behandelt:  Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Schlafapnoe, Krebs, Gelenkarthrose. Das schränkt nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung ein.

Langjährige Therapie

Ohne Anstrengung funktioniert eine Gewichtsabnahme aber nicht. Das gemeinsam mit der AOK Plus entwickelte Adipositasprogramm, das auf zwei Jahre angelegt ist, beinhaltet eine gesundheitliche Untersuchung, Ernährungsberatung, Verhaltens- und Bewegungstherapie sowie regelmäßige Auswertungsgespräche mit dem behandelnden Arzt, bei denen unter Umständen weitere Optionen besprochen werden. Zehn bis 20 Prozent der mit dieser konservativen Variante behandelten Personen erreichen so ihr Zielgewicht. „Sehr viele haben einen Jojo-Effekt“, sagt der Chefarzt.

Deutlich erfolgversprechender ist eine Operation. Ein chirurgischer Eingriff stellt – wenn alle anderen Therapieverfahren ausgeschöpft sind – die effektivste und nachhaltigste Möglichkeit dar, das Körpergewicht dauerhaft zu reduzieren. Dabei wird bei 50 Prozent der Adipositaspatienten entweder der Magen verkleinert oder der Betroffene erhält einen Magen-Bypass, wobei zusätzlich der Dünndarm verkürzt wird. Dadurch können weniger Nahrungsmittel aufgenommen werden. Das ist in 80 Prozent der Fälle von Erfolg gekrönt, 50 Kilogramm kann man so innerhalb von zwei Jahren verlieren.

Allein mit einer Operation ist es aber nicht getan. „Der Eingriff kann immer nur begleitend gemacht werden. In dieser Zeit muss der Betroffene zusätzlich sein Ernährungs- und Bewegungsverhalten umstellen“, so Prof. Lohmann. Bevorzugt er weiterhin die Couch und fetthaltige Lebensmittel, dehnt sich der Magen wieder aus, die Operation war umsonst.
Extrem niedrige OP-Zahlen

Die guten Erfolgsquoten einer Magenverkleinerung lassen die Frage aufkommen, warum Mediziner dann nicht öfter zum Skalpell greifen. Das hat zwei Gründe: „Die Kassen haben sich in der Vergangenheit sehr restriktiv verhalten, die Eingriffe wurden oft nicht genehmigt“, sagt der Chefarzt. Das erklärt die extremen Unterschiede hinsichtlich der OP-Zahlen in Deutschland und in anderen Ländern. Hierzulande kommen auf 100 000 Personen zehn Eingriffe, europaweit sind es 40, in den USA sogar 60 – in den Vereinigten Staaten ist eine Magenverkleinerung die häufigste OP überhaupt. Zum anderen sind Übergewichtige Risikopatienten, was vor allem bei der Narkose eine Rolle spielt. Ein solcher Eingriff ist nicht ungefährlich. 0,3 Prozent überleben ihn nicht. „Deshalb sollte er in einem Zentrum durchgeführt werden, in dem alle Bereiche abgedeckt werden können“, rät Prof. Lohmann.

Im Adipositaszentrum werden aber nicht nur Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 65 Jahre, sondern auch Kinder und Jugendliche behandelt. Hier ist die Mitarbeit der Eltern erforderlich. Und das ist das Problem. Denn in den meisten Familien ist kein Problembewusstsein vorhanden, weder Erwachsene noch Kinder haben ein gesundes Essverhalten. „Wir haben es meist mit sozial-problematischen Familien zu tun, gemeinsame Mahlzeiten gibt es ebenso wenig wie eine Struktur im Tagesverlauf. Wie soll ein Kind ohne Vorbildrolle also lernen, wie es sich richtig ernährt? In gut-bürgerlichen Vierteln sind diese Probleme seltener“, weiß der Chefarzt.

Soziale Falle

Für diese Kinder sei eine Behandlung extrem schwierig. Sie tappen in eine soziale Falle, werden gehänselt, finden keinen Anschluss, keine Unterstützung von den Eltern, resignieren und ziehen sich schließlich zurück. „Und das soll der Psychologe dann durchbrechen. Dafür braucht es eine langjährige Therapie. Manche wird man auch gar nicht erreichen“, ist sich Prof. Lohmann bewusst.
20 Kinder und Jugendliche werden an der Industriestraße jährlich behandelt. Allerdings gibt es eine lange Warteliste, der Bedarf ist viel größer. Auch deshalb spricht sich der Experte dafür aus, in der Prävention ganz früh anzusetzen. Schon in Kindergarten und Grundschulen sollten die Kleinen ein richtiges Ess- und Medienverhalten sowie Spaß an der Bewegung lernen. Eines ist ihm dabei aber bewusst: „Natürlich ist es schwierig für die Schulen, wenn die Eltern das Gelernte am Abendbrottisch wieder konterkarieren.“

Am Neustädter Standort wird nicht nur behandelt, es wird auch gebaut. Aktuell entsteht auf dem Areal ein neues Adipositaszentrum. Ende diesen Jahres/Anfang 2018 soll es in Betrieb gehen – mit der erforderlichen Ausstattung. Denn ein solcher Bau bedeutet besondere Anforderungen. Die gesamte Station wird umgestellt, es gibt Spezialbetten, breitere Türen, stärkere Toilettenschüsseln, ein angepasstes MRT-Gerät, verstärkte Decken. Ein Equipment, das auch andere Zentren in Sachsen nutzen und ihre Patienten deshalb nach Dresden schicken.

Kontakt: Jeanne Hübler ist Koordinatorin und Casemanagerin des Adipositaszentrums. Interessierte erreichen Sie unter der Nummer 856 30 19 oder per Mail an adipositaszentrum@khdn.de. Die telefonischen Sprechzeiten für eine Terminvergabe und eine Erstberatung finden von Dienstag bis Freitag zwischen 11 und 12 Uhr sowie von 13 bis 14 Uhr statt. Weitere Informationen über das Team, die Therapieverfahren oder den Behandlungsablauf gibt es im Internet unter www.klinikum-dresden.de/adipositas.

Von Christin Grödel

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