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Dresdner Pflegeheim führt demente Bewohner auf ungewöhnliche Art in Vergangenheit zurück

Erinnerung an die DDR hilft Gedächtnislücken schließen Dresdner Pflegeheim führt demente Bewohner auf ungewöhnliche Art in Vergangenheit zurück

In der Dresdner Seniorenresidenz AlexA ist vor etwa eineinhalb Jahren eher zufällig eine kleine DDR-Welt entstanden. Mit erstaunlichen Ergebnissen. Bei vielen dementen Bewohnern sind dank der Erinnerungen verloren gegangene Fähigkeiten zurückgekehrt

Vertraute Gegenstände aus der DDR-Zeit helfen Demenzkranken in der Seniorenresidenz AlexA, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Das Konzept hat Erfolg: Bei vielen sind verloren gegangene Fähigkeiten zurückgekehrt.
 

Quelle: dpa-Zentralbild

Dresden.  An ihren Vornamen kann sich Helene Petersen an diesem Vormittag nicht erinnern. Doch bei Fragen nach ihrem früheren Leben fallen der 95-Jährigen sogar Details ein. Beispielsweise aus der Dresdner Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. „Da saßen wir im Keller unseres Hauses in Dresden-Trachau. Es ist Gott sei Dank nicht beschädigt worden“, erzählt die alte Dame, die früher einmal Tänzerin war. Nun sitzt sie mit Bewohnern eines Pflegeheimes in einem Raum, der einer Küche aus den 1960er Jahren nachempfunden ist. Ein großes Fenster gibt den Blick auf eine Straße mit Fußweg frei. Draußen laufen Passanten vorbei, drinnen sieht es aus wie in der DDR.

Fragen nach der Vergangenheit lassen auch andere Pflegebedürftige sichtlich aufleben. Allen ist gemeinsam, dass sie mehr oder weniger stark an Alzheimer erkrankt sind, der wohl schlimmsten Form von Demenz. Plötzlich streuen sie eigene Erlebnisse ins Gespräch ein. „Der Russen-Einmarsch und der Bombenangriff: Das will man nicht mehr erleben“, sagt Doris Schmidt, die im Unterschied zu anderen am Tisch das eigene Geburtsdatum noch genau weiß: 4. September 1922. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein DDR-Quiz. Pflegerin Alica Schöppe hat es gerade mit der Runde gespielt. Wer einen Treffer landet, wird ausgiebig gelobt. „Die leben hier sichtlich auf“, sagt Schöppe.

Die kleine DDR-Welt in der Seniorenresidenz AlexA entstand vor etwa eineinhalb Jahren eher zufällig. Damals wollte Leiter Gunter Wolfram in einem leerstehenden Ladengeschäft im Erdgeschoss des Gebäudes ein Kino einrichten. Um die Szenerie etwas aufzulockern, stellte er zur Dekoration einen Motorroller der Marke „Troll“ auf: „Als wir im Kino Premiere hatten, war eigentlich gar nicht der Film das Entscheidende. Manche erzählten, dass sie damals auch einen „Troll“ gefahren sind, die erste Freundin auf dem Motorroller mitnahmen.“ Selbst die schwerer von Demenz Betroffenen hätten plötzlich gewusst, wo der Zündschlüssel hin muss und der Ständer ausgeklappt werden kann.

Das Beispiel mit dem „Troll“ ermunterte das Team, einen speziellen Raum mit DDR-Devotionalien einzurichten. „Ich denke nicht, dass unsere Schützlinge in der DDR-Zeit oder überhaupt in irgendeiner Zeit leben. Das sind eher Erinnerungsblasen, die mit Emotionen verbunden sind“, sagt Wolfram. Wenn man diese Emotionen auslöse, dann folge daraus auch eine Reaktion“. Wolfram räumt ein, dass man den Betroffenen nicht nur ein positives Lebensgefühl vermitteln möchte. Wenn die gut 20 Demenzkranken unter den 130 Pflegebedürftigen auf diese Weise den Tag über beschäftigt seien, sorge das auch auf den anderen Etagen der Seniorenresidenz für reibungslose Abläufe.

„Alzheimer-Patienten sind mit unseren anderen Betreuungsprogrammen nur schwer zu erreichen. Häufig wandern sie scheinbar ziellos auf den Fluren herum, lassen sich auch nur schwer in den Alltag integrieren“, sagt Wolfram. Manchmal würden sie wegen ihrer Orientierungslosigkeit in andere Zimmer gehen und sich in fremde Betten legen. Das alles führe dann zu Konflikten mit den anderen: „Deshalb haben wir in einem Raum die DDR der 60er Jahre für sie wieder aufleben lassen - mit Küchenbuffet, Geschirr, einem Ofen und vielen anderen Dingen.“ Selbst das Honecker-Bild fehlt nicht, auch wenn es nur in einem Stapel mit anderen steht. Politische Botschaften sind hier tabu.

Tagsüber wird die Gruppe mit einem Dutzend Heimbewohnern in zwei Schichten von je einer Ergotherapeutin und einer Pflegefachkraft betreut. Ein geregeltes Programm gibt es nicht. Die Mitarbeiterinnen machen das von der Stimmungslage abhängig. „Die Leute können sich frei bewegen. Wenn sie eine Schublade öffnen, finden sie Küchengeräte oder auch DDR-Zeitschriften wie „Guter Rat“ darin“, berichtet Wolfram. An einer Seite des Raumes wird das Einkaufen simuliert. Hier finden die Senioren Erzeugnisse aus der DDR und sogar Westprodukte in einem „Intershop“. Wolfram hat das alles bei Ebay oder auf dem Trödelmarkt erstanden. Manches steuerten auch Angehörige bei.

Gunter Wolfram beschreibt erstaunliche Reaktionen: „Bei vielen sind verloren gegangene Fähigkeiten zurückgekehrt. Die Leute essen wieder selber, gehen wieder selber zur Toilette, sprechen miteinander und singen die alten Lieder - das geht bis zur DDR-Nationalhymne.“ Selbst manche, die früher bettlägerig waren, hätten sich wieder aufgerafft und würden am Alltag in der Gruppe teilnehmen: „Die sagen uns genau, was früher ein Mischbrot oder Bier kostete. Nur was es am gleichen Tag zum Mittag gab, dass wissen sie nicht mehr.“ Pflegerin Schöppe spricht von einer faszinierenden Erfahrung: „Sie werden hier munter, schlafen nicht so viel, wirken gelassen und entspannt.“

Vjera Holthoff-Detto, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe

in Berlin, forscht seit langem zu Demenz. Man müsse nicht so weit wie die Dresdner gehen und ein ganzes Zimmer im Stil der 1960er Jahre einrichten, sagt die Professorin. Doch diese Grundidee sei der Schlüssel zur Kommunikation mit Demenzkranken: „Man muss etwas finden, was ihnen so präsent ist, dass sie darüber gerne sprechen möchten. Das müssen nicht unbedingt fröhliche Dinge sein.“ Holthoff- Detto verweist auf die Reminiszenz-Therapie, bei der unter anderem mit altvertrauten Gegenständen Erinnerungen hervorgeholt werden.

Das kann das Foto vom ersten eigenen Auto genauso sein wie die Lieblingsspeise. Erst unlängst hat Vjera Holthoff-Detto eine Studie aus Brighton gelesen. Gemeinsam mit Familienangehörigen wurde dort nach Objekten gesucht, die für inzwischen Demenzkranke einst eine große Bedeutung gehabt hatten: „Einer war Schiedsrichter. Man gab ihm eine Pfeife und ein Kissen, welches beim Draufdrücken die Melodie einer damaligen Sportsendung erklingen ließ. Der Mann konnte dann von lange zurückliegenden Spielen erzählen. Das war wie ein Trigger.“ In einem anderen Fall habe man einem ehemaligen Fischer ein Stück Netz an die Hose genäht. Wenn er es berührte, tauchten die Erinnerungen auf.

Die Professorin berichtet davon, dass Erinnerungen nicht an einer Stelle des Gehirns abgespeichert sind. Vielmehr seien sie wie in einzelnen Kolumnen mal hier, mal da hinterlegt - auf jeden Fall nicht immer direkt im Gedächtniszentrum: „Um das ganze Bild zu reaktivieren, reicht es, den Schlüssel zu einer dieser Säulen zu finden. Sofern die Verbindungen zwischen ihnen noch funktionieren, leuchten auch die anderen Säulen auf.“ Ein Geruch kann so zum Auslöser werden, die Erinnerung selbst in Bild oder Ton wiedererstehen zu lassen. Der Fischer fühlt das Netz mit der Hand und zieht so andere Details seiner früheren Arbeit an Land.

Wissenschaftler haben bei Wolfram noch nicht angeklopft. Bislang hat AlexA mit dem Konzept auch noch keine Werbung gemacht. Durch die Schaufenster-Situation sprach sich das Projekt in der Gegend ohnehin schnell herum: „Viele Leute laufen hier vorbei, schauen rein und heben den Daumen“, erzählt der Leiter: „Eine Familie kommt fast jeden Tag gegen 17.00 Uhr mit einem kleinen Mädchen ans Fenster. Dann wird auf beiden Seiten der Scheibe gewunken. Da hat sich schon eine richtige Beziehung herausgebildet.“ Eine Warteliste habe es zwar schon vorher gegeben. Doch seit dem Erinnerungszimmer seien die Anmeldungen gestiegen: „Das war vom ersten Tag an eine Erfolgsgeschichte.“

Wolfram hält ein Weiterdenken über die Betreuung demenzkranker Menschen in einer alternden Gesellschaft für dringend notwendig. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Klientel in Pflegeheimen verändert: „Damals gab es mehr körperliche Defizite, viele Rollstuhlfahrer und bettlägerige Bewohner. Jetzt gibt es immer mehr Menschen in allen Stadien der Demenz.“ Außerdem würden nicht mehr nur sehr betagte Menschen die Pflege oder das vorgelagerte Betreute Wohnen vorziehen: „Es gibt viele, die zu Hause einsam sind und sich langweilen. Die fühlen sich in einer Gemeinschaft viel wohler. Wir können sie ihnen bieten.“

Auf den Verjüngungstrend hat die Residenz inzwischen reagiert. Im Januar wurde ein zweiter Betreuungsbereich im Stil der 1970er Jahre eingerichtet. Pflegerin Fanny Vieira macht hier mit Demenzkranken sogar jeden Tag eine Zeitungsschau. „Wir wollen ja nicht nur von damals sprechen. Von früher wissen sie alles, nur was heute oder gestern war, da hapert es“, sagt die junge Frau. Kurz vor Fasching hat sie mit den Frauen der Gruppe Stirnbänder mit einem Glitzerstein gebastelt. Beim diesjährigen Motto „1001 Nacht“ sollte es exotisch zugehen. So wie bei der Travestie-Show im vergangenen Jahr, als bei den Senioren richtig die Post abging.

Ein „Krankenhaus für Alte“ will die Seniorenresidenz auf keinen Fall sein. Deshalb gibt es hier auch keine Auflagen für Raucher oder jene, die gern mal Alkohol trinken. „Bei uns ist richtig Leben drin. Vom Liebesrausch bis zum Eifersuchtsdrama – das alles gehört zum täglichen Geschäft“, sagt Wolfram. Schließlich gelte die ganze emotionale Bandbreite des Lebens auch für einen 80-Jährigen. Einmal seien zwei Bewohner erst nach Mitternacht von einem Ausflug zurückgekehrt - ziemlich betrunken, aber überglücklich: „Die hatten ein Konzert von Status Quo besucht und sich anschließend von einem Taxi chauffieren lassen.“

Von Jörg Schurig

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