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Aktuelles Betreuung aus einem Guss in ambulanten Schmerzzentren
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05:06 05.06.2018
Ärztin Gabriele Müller (r) erklärt ihrer Patientin Silvia Gaul im Schmerzzentrum Rhein-Main anhand eines Skeletts, wo die Schmerzen entstehen. Quelle: Frank Rumpenhorst
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Frankfurt/Main

Nach fünf Wochen Dauerschmerz war Silvia Gaul nervlich am Ende. "Das Schlimmste war die Hilflosigkeit", sagt die heute 51-Jährige. Ausgerechnet über Ostern bekam sie schlimmste Schmerzen im unteren Rücken - "als wäre man permanent in den Wehen", sagt die Mutter dreier Kinder.

Die Hausärztin tippte auf Hexenschuss und verschrieb Schmerzmittel, die aber kaum wirkte. Physiotherapie scheiterte daran, dass sie wochenlang auf den ersten Termin wartete. Ein Termin beim Orthopäden war erst recht nicht zu bekommen. Ins Krankenhaus wollte sie nicht, weil sie fürchtete, dass sie dort sofort operiert würde. Erst nach fünf Wochen bekam sie beim Radiologen eine Diagnose: Ihre Beschwerden kamen vom Iliosakralgelenk, der Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken.

Ihre Erfahrung als Schmerzpatientin: "Die Ärzte sind relativ ratlos. Es ist auch nicht so, dass die Hand in Hand arbeiten. Jeder macht so seinen Kram." Nachdem sie fünf Wochen krankgeschrieben war, rief ihre Krankenkasse an und fragte, ob sie am Intensivprogramm eines Schmerzzentrums teilnehmen wolle. "Ich hab erstmal gefragt, ob die von "Verstehen Sie Spaß?" sind", berichtet Gaul. Sie sagte zu.

Drei Wochen lang besuchte sie vier Tage die Woche mehrere Stunden täglich das

"Schmerz- und Palliativzentrum Rhein-Main" in der Frankfurter Innenstadt. Dort bekam Gaul, die der Schulmedizin kritisch gegenübersteht, nicht nur Infusionen mit Schmerzmitteln, sondern auch alternative Heilmethoden wie Akupunktur oder Schröpfen angeboten. Sie hatte Physiotherapie, lernte Entspannungsverfahren und wurde psychologisch begleitet.

"Nach einer Woche war es schlagartig besser", sagt Gaul. Seither hat sie keinen Tag bei ihrer Arbeit in einem Bio-Markt in Karben bei Frankfurt gefehlt, kann im eigenen Garten arbeiten, "und wenn ich merke, jetzt geht's wieder los, dann kann ich da anrufen und mir wird geholfen, ohne dass ich von Pontius zu Pilatus laufen muss. Das trägt enorm zur Entspannung bei."

Die

Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) wird nicht müde, solche Modelle zu loben und mehr davon zu fordern. "Patienten mit chronischen Schmerzen benötigen eine intensive, spezialisierte und durch verschiedene Disziplinen aufeinander abgestimmte Behandlung", heißt es in einem Maßnahmenkatalog, der auf dem

"Nationalen Versorgungsforum Schmerz" verabschiedet wurde. Doch genau das würde einem Großteil der Schmerzpatienten aufgrund "struktureller Versorgungsdefizite" vorenthalten. 23 Millionen Menschen leiden nach Angaben der Gesellschaft in Deutschland unter chronischen Schmerzen.

Gabriele Müller, die das Schmerzzentrum Rhein-Main in Frankfurt leitet, macht die Gesundheitspolitik, die Krankenkassen und Futterneid unter Medizinern dafür verantwortlich. "Das System hat ein Problem", sagt sie vor dem Aktionstag gegen den Schmerz am 5. Juni. "Wir sind das ungeliebte Kind."

1500 Patienten kommen pro Quartal in das Zentrum, nur rund 200 pro Jahr schaffen es in das Intensivprogramm. "Für die einen gibt es Behandlung nach Sinn, für die anderen nach Vorschrift", sagt Müller. In der "Regelversorgung" dürfe nur gemacht werden, was als Kassenleistung abgerechnet werden könne, "und das ist Schmalspur". Anti-Stress-Training, Naturheilverfahren oder Vorträge - zum Beispiel über das "Schmerzgedächtnis" - bleiben außen vor.

Ob man wie Silvia Gaul ins Intensivprogramm kommt oder nicht, hängt Müller zufolge davon ab, wo man versichert ist. Eine gesetzliche Kasse bewerbe das Programm sogar von sich aus, "bei anderen hab ich noch nie eine Zusage gekriegt". Dabei sei die Alternativen - ein Krankenhausaufenthalt oder eine Operation - viel teuerer. "Eine Operation wird sofort bewilligt, aber eine ambulante konservative Behandlung darf nichts kosten", kritisiert Müller. Berufspolitisch werden hier aus ihrer Sicht "die falschen Anreize gesetzt".

Rund 30 solcher

Schmerzzentren gibt es in Deutschland, neben Frankfurt drei weitere in Hessen (Wiesbaden, Marburg und Kassel). Unterstützt werden sie von der Techniker Krankenkasse. Sie rät Patienten vor einer Operation an Rücken, Hüfte, Knie oder Schulter, unbedingt eine zweite Meinung einzuholen. In einem Schmerzzentrum werden OP-Kandidaten von einem interdisziplinären Dreier-Team aus Physio-, Psycho- und Schmerztherapeut untersucht.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass in circa neun von zehn Fällen eine geplante Operation vermieden werden kann", sagt Barbara Voß, Leiterin der

TK in Hessen. Eine Möglichkeit sei eine fachübergreifende Versorgung, "die sowohl körperliche als auch mentale Aspekte bei der Therapie berücksichtigt" - also ein Intensivprogramm wie bei Gaul.

Zurückhaltend ist die AOK. "Es handelt sich einfach nicht um Kassenleistungen", sagt der Sprecher der AOK Hessen, Riyad Salhi. "Insofern ist eine Übernahme dieser Leistungen rechtlich gar nicht möglich". Dass die TK die Kosten trotzdem übernimmt, liegt daran, dass sie mit den Schmerzzentren "Vereinbarungen zur "Besonderen Versorgung"" geschlossen hat. Die AOK hingegen hat keinen solchen Selektivvertrag. Anträge für einzelne Patienten seien 2017 und 2018 nur "sehr wenige" bei der AOK eingegangen, sagt Salhi. Den Patienten sei vermutlich klar, "dass es sich um Privatleistungen handelt".

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen kann zu der Problematik nichts sagen: Er ist nur für den "Kollektivvertrag" zuständig - also jene Leistungen, die jedem gesetzlich Versicherten zustehen. Einzelne regionale Kassen können aber darüber hinaus besondere Leistungen anbieten, wie Sprecherin Ann Marini erklärt, zum Beispiel im Rahmen von Einzelverträgen zur Zweitmeinung. "Das erklärt das unterschiedliche Engagement", sagt Marini.

dpa

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