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Warum die „Bachelorette“ die Liebe versaut

Dating-Trash bei RTL Warum die „Bachelorette“ die Liebe versaut

Die „Bachelorette“ startet bei RTL: 20 Knallchargen buhlen um eine Partyhaubitze. Doch es geht um mehr als lustvolles Lästern. Die Trash-Show pervertiert das Spiel zwischen Liebenden. Eine Polemik von Imre Grimm.

Die Bachelorette: Jessica möchte gern ins Fernsehen.

Quelle: RTL

Köln. Die Jessica hat sich den Po machen lassen. Man macht das jetzt offenbar so als „selbstbewusste Frau, die genau weiß, was sie will“ (RTL). Sogenannte Ärzte haben ihr einen Liter Bonusgewebe vom Bauch in den Gluteus Maximus gespritzt. Die Fett-Umsortierung kostet 3000 Euro pro Backe und nennt sich „Brazilian Butt Lift“. Wenn man schon nicht das Niveau anheben kann, dann doch wenigstens den Hintern.

Damit ist Jessica bestens gerüstet, um ab Mittwoch bei RTL das Abendland untergehen zu lassen: „Die Bachelorette“ beginnt. 20 lackierte Galane in zu engen Anzügen, die bei der Vergabe von Brain und Bizeps einseitig versorgt wurden, buhlen in sieben Doppelfolgen um die 26-jährige Jessica Paszka. Eine Frau, die sich bereitwillig anhengsten lässt, obwohl sie – wie kein Trailer zu erwähnen versäumt – ja genau weiß, was sie will. Was das ist, ist schnell erklärt: Jessica will ins Fernsehen. Für die Ex-„Bachelor“-Kandidatin, die sich bei der rückwärtigen Aufplusterung von Pro7 filmen ließ, ist das Wichtigste bei einem Mann, dass er „tolle Zähne, ein schönes Lächeln und schöne Haare hat“. Das klingt nach Sklavenmarkt, deshalb schiebt sie schnell hinterher: „Und er muss intelligent sein!“

Gruppenfönen im Gemeinschaftsbad

Da stellt sich die Frage: Wofür? Für die Balz im Whirlpool? Für den Partytalk bei der Poussage („Solingen, kennste?“ – „Nee ...“ – „Okay ...“)? Fürs Gruppenföhnen im Gemeinschaftsbad?

Natürlich ist die „Bachelorette“ kein Herlinde-Koelbl-Langzeitprojekt. Niemand erwartet von einem trashigen Sommerformat psychologische Tiefe und Authentizität. Aber es muss doch einen Mittelweg geben zwischen Simone de Beauvoir und diesem geigenversifften Pastell-Kitschalptraum voll weichgespülter Himbeerwassermännlein in fliederfarbenen Mohair-Pullundern, die ihr Y-Chromosom nur für die Statistik haben und diese pseudotaffe Partyhaubitze umschwirren wie die Motten das Licht. Brust raus, Bauch rein, Hirn aus.

Denn das Verheerendste an diesem Format sind ja gar nicht die peinlichen Karikaturkerle mit ihren neurotisch perfekten Dreitagebärten, diese pathetischen Knallchargen, die alle wirken, als würden sie heimlich ein Diddlmaus-Liebestagebuch führen. Es ist auch nicht die aufgedrehte Jessica, die mit jedem Satz die Emanzipationsgeschichte um Jahre zurückwirft. Es ist das gesamte traurige Signal, das dieses Format aussendet: dass nämlich das Spiel der Geschlechter nicht auf Nähe und Distanz basiert, auf Freiheit und Treue, sondern hauptsächlich auf Lüge, Taktik, Vorteilsnahme, Manipulation, Erniedrigung, Kränkung, Unterwürfigkeit, Kalkulation und Zerstörung.

Ein Bootcamp für Anpassung

Es ist ähnlich wie bei „Germanys Next Topmodel“: Das Leben, heißt die bizarre Botschaft hier wie bei Heidi Klum, ist ein durchökonomisierter Prozess, in dem Fremderwartungen stets zu erfüllen, Maximalziele zu setzen, Körper dem Ideal nachzubilden und Unwuchten in Geist und Seele abzutrainieren sind. Gefallen als Lebenszweck. Die Villa der Kandidaten ist ein Bootcamp für Anpassung. Und der Konkurrent ist der Feind. Klassischer Satz: „Ich bin nicht hier, um Freunde zu finden.“ Wer nicht in die vorgefertigten Erzählschablonen passt, fliegt raus.

Man könne so schön lästern, sagen die, die bei diesem TV-Unfall einen Lustgewinn verspüren. Es sei doch nur ein Spiel! Die seien so toll peinlich, die Typen! Das sei so irre putzig, wie diese Macho-Heißdüsen sich da zum Affen machen. Und man sei doch auch medienerfahren und fernsehaufgeklärt genug um zu kapieren, dass diese inszenierte Plüschorgie mit dem wahren Leben so viel zu tun hat wie die „RTL II“-News mit der „Tagesschau“. Wir gucken das doch ironisch!

Natürlich hängt der Erhalt von 5000 Jahren Kulturgeschichte nicht von einer RTL-Trash-Show ab. Und natürlich ist der Firniss der Zivilisation elastisch genug, ein paar Folgen mediale Hirnerweichung auszuhalten. Schadenfreude und Fremdscham dienen schließlich der Selbstaufwertung – ein bewährter Mechanismus. Es ist ein freies Land, guckt doch, was ihr wollt. Aber es behaupte niemand, Kuppelshows seien harmlos, weil sie kein ernsthafter Beitrag zur Geschlechterdebatte sein wollten. Jede von Millionen konsumierte Show über Mann und Frau ist ein Beitrag zur Geschlechterdebatte. Für Hunderttausende Teenager ist sie keine putzig-spielerische Ergänzung zur eigenen Erfahrung, sondern der Erstkontakt zu Beziehungsfragen überhaupt.

Eine kalte Sexsause

Sie sehen eine Frau, die von einem Mann verlangt, zur Eroberung ihres „Herzens“ gefälligst auf seine Würde zu verzichten. Sie sehen Menschen auf der Balz als zur Selbsterniedrigung bereite, scharwenzelnde Loser. Sie sehen die Partnersuche als auf Effizienz getrimmte, maschinelle Selektion. Darwin trifft Drama. Was? Ihr fahrt gern nach Mallorca? Ihr mögt Lasagne? Das muss Liebe sein! Weichzeichner drauf, „Careless Whisper“ von George Michael drunter! Romantik! Gegen diese kalte Sexsause war Linda De Mols „Traumhochzeit“ eine Liebessonette von Shakespeare.

Wahrscheinlich denkt man bei RTL, man könne mit dem umgekehrten Format – 20 Kerle, eine Frau – das Karma ausgleichen, dass man mit dem „Bachelor“ versaut hat. Das ist Gleichberechtigung auf RTL-Art. Und das Schlimme ist ja: Es gibt diese Typen da draußen. Sie fahren schlimme Autos, sie führen schlimme Frauen in schlimme Restaurants. Aufgepumpte Minimachos mit Soufflé-Egos, bei denen man sich zu keiner Sekunde die Frage stellt, warum es bisher nicht zu einer stabilen Beziehung gereicht hat. Daran ändert auch RTL nichts. Erinnert sich noch jemand an Leonard Freier und Leonie Sophia Pump? Alisa Persch und Patrick Cuninka? Anna Christiana Hofbauer und Marvin Albrecht? Oder Monica Ivancan – die erste „Bachelorette“ und spätere Freundin von Oliver Pocher – und Mark Quinkenstein? Allesamt Gewinnerpaare früherer Staffeln. Längst getrennt und vergessen.

Normalität für die Generation Tinder?

Die großartige Lifetime-Serie „UnREAL“ (bei Amazon Prime Video) spielt am Set einer Kuppelshow. Es geht um eine hadernde, dramasüchtige Produzentin im Schatten ihrer eiskalten Chefin, die Kandidaten gegeneinander ausspielt, aufeinanderhetzt, ausbeutet – und schmerzhaft zu spüren beginnt, dass man in einem Panzer aus Zynismus nicht wachsen kann. Die Serie basiert auf den Erfahrungen von Sarah Gertrude Shapiro, jahrelang Produzentin beim US-„Bachelor“. „UnREAL“ ist Fiktion. Aber weniger fiktiv als die vermeintlich reale „Bachelorette“.

Es ist die alte Frage des Fernsehens: Spiegelt es die Wirklichkeit bloß oder verändert es sie? Erst die Henne oder erst das Ei? Ist Dating-Trash Realität für die Generation Tinder? Und lohnt es sich überhaupt, sich über eine Show zu erregen, deren Macher ganz andere Maßstäbe an funktionierendes Fernsehen anlegen? Natürlich. Man muss sich seinen Zorn über die Blödheit bewahren, sonst wird Blödheit normal. Und wenn Blödheit normal ist, fällt sie gar nicht mehr auf.

Von Imre Grimm/RND

Köln, RTL 50.9432501 6.971313
Köln, RTL
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